Dem Leiden ein Denkmal setzen
Am Montag, 10. Juli soll hier ein Mahnmal eingeweiht werden. Heute ist Freitag, 7. Juli: es wird gearbeitet. Steine werden herbeigetragen, Zement angerührt, hinter einem Plastikvorhang wird geheimnisvoll geflüstert. Ich schaue zu und fange an zu zweifeln, ob das noch alles rechtzeitig fertig wird.
Samstag, 8. Juli: Arbeiter sitzen und stehen herum, die Bronzeplastik steht wackelig auf dem für sie vorgesehenen Platz. Ein kleiner Kran raucht vor sich hin, und dort liegt auch schon das Problem. Die Leute können nicht weiterarbeiten, die Figuren nicht in ihre endgültige Position bringen, weil der Kran kaputt ist. Man wartet, die Arbeiter gleichgültig, Leonid Levin, Initiator, Architekt, Künstler dieses Mahnmals, wie ein Tiger im Käfig. Samstagabend, 21.00 Uhr: es ist immer noch hell, ich sitze am Rande des «Amas» und sehe dem Treiben zu. Es wird gearbeitet, nicht mürrisch, sondern ruhig, friedlich. Stein um Stein wird in den Sand gesetzt. Die Treppenleger schmirgeln und wischen, es ist ihr Stolz, es soll eine schöne Treppe werden. Hinter dem Plastikvorhang wird die Menorah mit einer Acrylmasse bearbeitet, zwei Frauen spachteln die Masse auf ein Gerüst, fast liebevoll, als wäre es eine Schlamm-Maske, die sie einer Freundin aufs Gesicht schmieren. Leonid Levin geht von einem Arbeiter zum andern, spricht mit jedem, ermuntert, bringt Korrekturen an. Journalisten und Fotografen kommen, stellen Fragen zur Geschichte, zu dieser grossen Tragödie.
Völlig neu für Junge
Was den jüdischen Menschen hier Vergangenheit und Erinnerung bedeutet, ist für die jüngere, nichtjüdische Generation völlig neu. Sie hören ungläubig noch nie gehörten Geschichten zu und können das Gehörte kaum fassen. Was die Faschisten nicht ganz fertigbrachten, hat der Kommunismus vollendet; jüdische Identität wurde fast völlig ausgelöscht, aber eben nur fast! Ich fange langsam an zu frösteln. Es wird kühl, aber es ist nicht nur die Luft, da ist noch etwas anderes, das mich frieren lässt. Mitternacht: ich schaue aus meinem Hotelfenster. Von hier aus kann ich hinüber zum «Yama» sehen, wo immer noch gearbeitet wird. Funken sprühen, wo die Bronzefiguren zusammengeschweisst werden. Ich höre gedämpftes Hämmern. Schon seit dem frühen Morgen sind Menschen aus ganz Weissrussland angereist. Viele Jugendliche, vor allem aber Überlebende des Holocaust. Menschen, die im Ghetto waren, in Lagern, als Partisanen in den umliegenden Wäldern gekämpft haben. Der 10. Juli 2000 wird ein Meilenstein in ihrem Leben sein. Nach mehr als fünfzig Jahren wird ihre Geschichte endlich anerkannt, ihrem Leid ein Denkmal gesetzt und ihren vernichteten Familien eine Gedenkstätte gewidmet. 12.00 Uhr: Pünktlich schreitet Alexander Lukachenko von seiner Limousine zum «Yama», die Ehrengarde steht stramm, die aufgesteckten Bajonette jagen mir einen Schauer über den Rücken. Die Musik verstummt und der Präsident Weissrusslands setzt zu einer denkwürdigen Rede an. Heute Abend wird sie im TV zu sehen sein und morgen kann man es in der Zeitung lesen: Antisemitismus ist unrichtig.
Politisch missbraucht
Hoffen wir, dass es möglichst viele zur Kenntnis nehmen und auch danach handeln. Ich stehe in der zweiten Reihe und versuche eine Regung in Lukachenkos Gesicht zu deuten, es gibt keine. Ob er an seine Worte glaubt? Ich zweifle daran. Immerhin ist vor ca. einem halben Jahr ein grauenhaft antisemitisches Buch veröffentlicht worden, dessen Vorwort Alexander Lukachenko schrieb. Er hat also etwas gut zu machen und benützt die Einweihung des Mahnmals für das Minsker Ghetto dazu. Auf der einen Seite lehnt er öffentlich den Antisemitismus ab, das gibt einen Pluspunkt im Westen. Auf der andern Seite wird eine jüdische Angelegenheit für politische Zwecke missbraucht. Ich stehe da und habe sehr gemischte Gefühle. Ich denke an die Menschen, die hier umgebracht wurden. Die Skulptur, welche die Treppe hinunterführt, ist auf eine einfache Weise eindrucksvoll. Ich gehe langsam neben den Bronzefiguren die Treppe hinunter.


