Das hohe Amt
In wenigen Tagen wird die Knesset Israels achten Staatspräsidenten wählen. Normalerweise wäre das kein allzu bedeutsames Geschehen; diesmal erweckt es beträchtliches Interesse, und trotz ihrer Nähe machen die äusseren Umstände der Wahl den Ausgang ungewiss. Zu erwarten ist jedoch mit einiger Wahrscheinlichkeit, dass der Sieger in mehr als einer Hinsicht anders im Beit Hanassi walten wird als der siebente Hausherr, dessen Verständnis präsidialer Pflichten und Rechte nicht selten für Verwunderung in so ziemlich allen politischen Lagern sorgte.
Dessen ungeachtet genoss Weizman bis vor kurzer Zeit grosse Zuneigung im Volk, die auch die Aufdeckung seiner - zumindest ethisch beanstandbaren - Bereicherung während der Jahre im Staatsdienst, die schlussendlich zu seinem vorgezogenen Rücktritt führte, nur unwesentlich trübte.
Mit dem Urteil des Obersten Gerichts in Sachen Der’i, das just am Tag vor der Rückkehr des scheidenden Präsidenten ins Privatleben verkündet wurde, schlug die Stimmung jedoch um; einmal mehr war lautstark in weiten Kreisen der Vorwurf zu hören, dass in Israel mit zweierlei Mass gemessen wird. Auch wenn die Reaktion sachlich unberechtigt gewesen sein mag, war sie in der gegebenen Situation psychologisch verständlich.Selbst für israelische Verhältnisse ist Ezer, wie ihn alle Welt nennt, ein ungewöhnliches Phänomen. Neffe des ersten Präsidenten, von dem er sich neben vielem anderen in der Schreibweise seines Namens unterscheidet, war er einer der wenigen Söhne des Jischuw der Mandatszeit, die im Zweiten Weltkrieg als Kampfflieger in der RAF dienten. Von da führte sein Weg selbstverständlich in die junge Luftwaffe Israels, deren Kommandant er später wurde; er war einer der Architekten des Sieges im Sechs-Tage-Krieg, mit dessen politischen und anderen Folgen sich das Land nach innen wie nach aussen bis heute unentwegt auseinandersetzen muss.
Sein erster Ziehvater in der Politik, in die er 1969 einstieg und die ihn seitdem - mit kurzen Intermezzi in der Privatwirtschaft - weitgehend beschäftigte, war Menachem Begin, als dessen Verteidigungsminister er in den Verhandlungen mit Ägypten (Camp David I) eine zentrale Rolle spielte. Der als Haudegen geltende General entpuppte sich als politische Taube; als dann Begin, seiner Meinung nach, dem Vollzug der Friedensabkommen nicht genügend Eifer bezeugte, trennte er sich von ihm.
«Ideologisch» war und ist Weizman kaum einzuordnen. Er gehörte in prominenter Position «rechten» wie «linken» Parteien an; er gründete auch eine eigene, der ein kurzes parlamentarisches Leben beschieden war. Erkennbare Beständigkeit bewies er seit Camp David vor allem im Bereich der Friedensförderung, wenngleich seine Behandlung des Themas oft von recht eigenwilligen Interpretationen gezeichnet war.
Politische Disziplin ist ihm fremd. Alles andere als ein Sozialdemokrat, trat er in den 80er Jahren in die AVODA ein, weil er in ihr einen seinen Friedensvorstellungen mehr oder weniger entsprechenden Rahmen zu finden glaubte. Sie verhalf ihm zur Präsidentschaft, was jedoch keineswegs heisst, dass er deshalb mit den drei von ihr gestellten Premiers - Rabin, Peres, Barak - intime oder besonders gute Beziehungen hat(te).
Anders als seine Vorgänger (vereinzelte Ausnahmen wie Navon im Libanon-Krieg bestätigen die Regel) pflegte Weizman seine Meinungen, einschliesslich Kritik an der Regierung, auch öffentlich zu äussern; selbst auf Reisen ins Ausland befolgte er nicht immer die üblichen Spielregeln. So ist die Kritik in Erinnerung, die er während eines Staatsbesuchs an die jüdische Gemeinde in Deutschland richtete. Wie man zur Sache selbst auch stehen mochte, waren Ort und Zeitpunkt unpassend.
Doch «beim Volk» kamen Weizmans Nonkonformismus und Impulsivität gut an. Ganz besonders gewann er die Herzen mit seinen und seiner Gattin trostspendenden Besuchen bei Familien der Opfer von Krieg und Anschlägen, bei verwundeten Soldaten und Zivilisten am Krankenlager. Nicht selten war es bei solchen Gelegenheiten, dass er zum Tagesgeschehen Stellung nahm, und das hielt auch die Kritik an ihm in Grenzen.Bei aller Anerkennung, und ohne nochmal auf die Umstände seines Rücktritts einzugehen, muss das Amtsverständnis Weizmans in Frage gestellt werden. Barak spricht von sich als der «Regierungschef aller», aber weit mehr noch hat der Präsident des Staates Symbol und Träger universaler Einheit zu sein; mit der Entschlossenheit, diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen, muss der nächste Hausherr in Jerusalems Rechov Hanassi einziehen.
Das heisst nicht, dass er mundtot zu sein hat. Im Gegenteil, als erster Bürger im Staat soll er Mittler und Vermittler des Gemeinsamen sein und alles Umstrittene den Politikern lassen, zu denen er nach Annahme der Präsidentschaft nicht mehr gehört. Über diese Selbstverständlichkeit setzte sich Weizman oft hinweg, doch beide Anwärter auf die Nachfolge haben genug Erfahrung, um sie zu befolgen. Israel geht einer Zeit entgegen, in der seine Menschen eines stabilen Pols ausgeglichener Verlässlichkeit dringend bedürfen.
Der Autor war Botschafter Israels in Bern und Bonn.


