Das Gebet, Mittelpunkt der Synagoge
Umrahmt von gekonnten und ans Herz gehenden Darbietungen des Jugendchors «Pirchei Simcho Boys Choir Zurich» der Agudos Jisroel sprachen Gemeinderabbiner Daniel Levy und Rabbiner Schmuel Akiwa Schlesinger, Strassburg. Beide stellten Sinn und Wesen des Gebetes in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen, wobei Rabbiner Levy die Wichtigkeit der «Tefilah be-Zibur», des Gebets im Gemeindeverband im «Bet Haknesset», in der Synagoge, unterstrich. Ein solches Gebet würde nie leer, ungehört verhallen, meinte Levy. Indem er an die Leistungen und Visionen der Gründerväter erinnerte, betonte er die Wichtigkeit des Vorwärts- und Aufwärtsstrebens, des Fortschrittes. Nur so könne die Gemeinde in ihrer heutigen Form erhalten bleiben. Stillstand dagegen führe zum Rückschritt. Rabbiner Schlesinger stellte an den Anfang seiner Ausführungen einen Hinweis auf die Bedeutung der Symbole im Leben der jüdischen Einzelperson und der Gemeinde. «Am 17. Elul (dem Tag des Jubiläumsanlasses) vor genau 60 Jahren», erklärte Schlesinger, «begann der 2. Weltkrieg mit all seinen schrecklichen Folgen». Synagogen in ganz Europa seien zerstört worden, doch an der Freigutstrasse sei die Stimme der Tefila auch während des Krieges an keinem einzigen Tag verstummt. Unter Bezugnahme auf das Gebet der Hanna (Haftara von Rosch Haschana) unterstrich der Referent sodann, dass auch die Tefilah der Frauen ihren klaren Platz im Gefüge der Gemeinde habe. Anschliessend erläuterte er, dass das Gebet aus diversen Komponenten bestehe, aus der an den Ewigen gerichteten Bitte um Erbarmen, aber auch aus der Anerkennung und dem Dank für das Gute, das der Himmel dem Menschen täglich widerfahren lasse. Unter Anspielung auf die bevorstehenden Hohen Feiertage zitierte Rabbiner Schlesinger zum Schluss aus einem Rosch-Haschana-Gebet, in dem geschildert wird, wie zur Zeit der «Jamim Noraim», einer Periode des Wohlgefallens (Et Razon), die Fenster des Himmels sich öffnen, um die Gebete der Menschen einzulassen. «Der Ewige hört die Gebete und antwortet.» Die zahllosen Gebete, die seit dem Bestehen der Synagoge an der Freigutstrasse formuliert worden sind, haben, wie Schlesinger es ausdrückte, in den letzten 75 Jahren eine Krone für den Ewigen gebildet. Wer im Programmheft blättert, das im Jahre 1924 aus Anlass der Synagogeneinweihung gedruckt worden ist, findet zahlreiche Namen (Lewenstein, Teplitz, Kornfein z. B.), die auch heute noch im Leben der IRGZ eine Rolle spielen. Kinder, Enkel und Urenkel der damaligen Askanim befanden sich unter den Gästen der Feier vom 29. August 1999, was mehr als viele Worte unterstreicht, dass die IRG Zürich auch weiterhin ihre Synagoge mit Leben und Gebeten erfüllen wird und dem 100. Geburtstag mit Zuvertrauen entgegenblicken darf. Ein Geburtstag, der, wenn Rabbiner Schlesingers Vision sich verwirklicht, zusammen mit allen Synagogen der Welt in Eretz Israel begangen wird.


