Das Erbe Abrahams
Ratzinger rekapituliert die biblische Geschichte von Abraham an und sieht die Aufgabe des erwählten Volkes Israel darin, allen anderen Völkern seinen Gott zu schenken, den einzigen und wahren Gott.
Und dann heisst es wörtlich: «Unser Dank gilt daher unseren jüdischen Brüdern, die trotz der Schwierigkeiten ihrer Geschichte bis heute den Glauben an diesen Gott bewahrt haben und ihn vor den andern Völkern bezeugen, die ohne die Kenntnis des einzigen Gottes \"in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes\" (Lk. 1,79) - Deshalb erklingen in der Liturgie der Kirche von den Anfängen an bis heute die Stimmen von Mose und den Propheten; das Psalmenbuch Israels ist auch das grosse Gebetbuch der Kirche.»
Ratzinger bezeugt, dass es in der Geschichte der Christenheit zu vielen Fällen geradezu antijüdischen Verhaltens gekommen ist: «Vielleicht gerade wegen der Dramatik dieser letzten Tragödie ist eine neue Vision der Beziehung zwischen Kirche und Israel entstanden, ein aufrichtiger Wille, jede Art von Antijudaismus zu überwinden und einen konstruktiven Dialog gegenseitiger Kenntnis und der Versöhnung zu beginnen.»Ratzinger stellt klar, dass die Erwählung Israels, wie sie der Apostel Paulus im Römerbrief 9,4-5 darstellt, nicht nur in der Vergangenheit gegolten hat, sondern auch gegenwärtig, «denn wie unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt. (Röm. 11,29) - Da wir beide in Erwartung der endzeitlichen Erlösung sind, lasst uns beten, dass unser Weg auf zusammenlaufenden Linien erfolge».
Was bedeutet dieser Satz? Die Erlösung, das heisst das Reich Gottes, ist noch nicht gekommen; Juden und Christen warten darauf, und sie können beten, dass am Ende ihr Weg einmal zusammenführe, aber natürlich erst, wenn diese unsere Welt erlöst wird. Ratzinger stellt ferner fest, dass der Dialog zwischen Juden und Christen auf einer anderen Ebene stattfindet als der mit anderen Religionen, weil wir die Hebräische Bibel gemeinsam haben. Diese ist das Fundament christlichen Glaubens. Für Juden ist wesentlich, dass Kardinal Ratzinger das Folgende erkennt: «Auch wenn die letzte abscheuliche Erfahrung der Schoah im Namen einer antichristlichen Ideologie erfolgte, welche den christlichen Glauben in seiner abrahamitischen Wurzel treffen wollte, im Volk Israel, kann man nicht leugnen, dass sich ein gewisser ungenügender Widerstand von christlicher Seite gegen diese Grausamkeiten aus dem antijüdischen Erbe erklärt, das in der Seele nicht weniger Christen da war.» Der Kardinal stellt also eindeutig fest, dass die Schoah auch eine Wurzel in dem antijüdischen Erbe der Kirche hatte.
«Aufgabe der Menschen heute ist es, dass alles, was wir haben und tun, ein Geschenk Gottes ist, ein Geschenk, das geteilt werden soll mit verschiedenen Ethnien, mit Religionen auf der Suche nach einer grösseren Erkenntnis des göttlichen Mysteriums, mit Nationen, die den Frieden suchen, mit Völkern, die eine Gesellschaft herstellen wollen, in der Gerechtigkeit und Liebe herrschen.»
Kardinal Ratzinger sieht darin das Programm der Kirche nach dem 2. Vatikanischen Konzil.


