«Das Blatt der Mitte»
Jüdische Rundschau: Wie definieren Sie die inhaltliche Linie des Jerusalem Report?
David Horovitz: Unsere Aufgabe ist es, umfassend über Israel, den Mittleren Osten und die jüdische Welt zu berichten. Und dies in einer Weise, die so exakt und ausgeglichen wie nur irgend möglich ist. Wir haben auch eigene Kolumnisten, die ihre Meinung frei äussern und wer unser Magazin über längere Zeit hindurch aufmerksam liest, wird feststellen, dass in diesen Kolumnen das ganze Spektrum politischer Meinungsäusserungen abgedeckt wird - von links bis rechts und allem, was es dazwischen noch so gibt. Grundsätzlich vertritt der Jerusalem Report eine liberale Linie, dies bedeutet, dass wir uns etwa bei einer Ministerpräsidenten-Wahl nicht für oder gegen jemanden publizistisch äussern, sondern alle Meinungen frei zu Wort kommen lassen. Wir werden oft von Lesern als ein Blatt der Mitte oder gar ein Blatt links der Mitte eingestuft. Wir bemühen uns jedoch als Redaktion immens darum, das ganze Spektrum von Meinungen abzudecken und gerade in unseren politischen Reportagen sehr genau zu arbeiten.
Jüdische Rundschau: Sind amerikanische Newsmagazine wie «TIME» oder «Newsweek» Vorbilder für Sie und Ihre Mitarbeiter?
David Horovitz: Ich glaube, es ist nicht arrogant zu sagen, dass der Jerusalem Report, so wie er heute aussieht, in seiner Art einzigartig ist. Im Gegensatz zu «TIME» oder «Newsweek» erscheinen wir nur alle zwei Wochen und nicht wöchentlich. Unsere Leser erwarten von uns nicht, dass wir ihnen Nachrichten aus Israel oder der jüdischen Welt bringen. Vielmehr erwarten sie von uns, dass Dinge, die sich ereignen, in einen Kontext gestellt und erläutert werden. Wir zeigen der Leserschaft auf, wo neue Trends entstehen und weshalb Dinge geschehen, so wie sie sich eben ereignen. Die Tatsache, dass wir bloss alle zwei Wochen erscheinen, gibt uns als Redaktion auch die Chance, die Tagesereignisse in Ruhe zu werten und bei unseren Reportagen vermehrt in die Tiefe zu gehen. Uns unterscheidet von Zeitschriften wie «TIME», dass wir uns bemühen, nach vorne und nicht kommentierend nach hinten zu schauen. Wir bemühen uns als Redaktion im Übrigen sehr, Entwicklungen, die wir kommen sehen, früh in Worte zu fassen und mittels aktueller Reportagen dem Leser zu präsentieren.
Jüdische Rundschau: Wie würden Sie den «Jerusalem Report» als Zeitschrift definieren? Was hat er, was andere nicht haben?
David Horovitz: Sehr wichtig ist, dass Hirsh Goodman, der erste Chefredaktor des «Reports», die Idee hatte, dass wir mit eigenen Korrespondenten und Reportern aus der ganzen Welt gute Reportagen machen sollten. Das heisst, wenn etwas in Amman passiert, dann berichten wir nicht aus Jerusalem darüber, sondern haben unseren eigenen Mann vor Ort. Dies gilt für alle wichtigen Hauptstädte der Welt. Die Idee, nebst Israel die Region des Mittleren Ostens und das jüdische Leben umfassend und aktuell zu betreuen, hat sicherlich viel zum Erfolg des Magazins beigetragen. Hinzu kommt, dass wir immer wieder auch Themen veröffentlichen, welche unsere Leser auf den ersten Blick nur schlecht goutieren. So hat unsere Redakteurin Isabel Kershner schon vor Jahren über die Bestrebungen der Palästinenser geschrieben, mittels konkreter Verhandlungen mit Israel einen eigenen Staat zu erhalten. Wir wurden damals von Teilen der Leserschaft kritisiert, es sei als ein in Israel publiziertes Magazin nicht unsere Aufgabe, der palästinensischen Seite so viel Raum zu gewähren. Wir nehmen jede Lesermeinung ernst, aber wir lassen uns nie vorschreiben, was wir veröffentlichen sollen und was nicht. In Bezug auf einen allfälligen Palästinenserstaat zeigt uns die Gegenwart klar, dass wir mit unserer früh erfolgten Berichterstattung zu diesem schwierigen Thema richtig gelegen sind. Festhalten lässt sich, dass jede Magazinnummer für alle Redakteure wieder eine neue Herausforderung ist, denn es gilt, Themen zu finden, welche die übrigen israelischen Medien noch nicht aufgegriffen haben.
Jüdische Rundschau: Wo setzen Sie bei Ihren Themen die Prioritäten und wie planen Sie eine neue Nummer?
David Horovitz: Wir arbeiten in einem Zweiwochen-Rhyhthmus. Sobald wir eine Nummer abgeschlossen haben, sitzen die Redakteure und die festen Mitarbeiter zusammen und diskutieren Themen, die für die nächste Nummer in Frage kommen. Gleichzeitig besprechen wir aber auch Reportagen und Kolumnen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt aktuell werden. Hinzu gesellen sich die Vorschläge unserer Mitarbeiter in den Ressorts Mittlerer Osten und jüdische Welt. Dabei kann es auch geschehen, dass Titelgeschichten, die eigentlich schon bereit liegen, länger warten müssen. Denn wenn in Israel so viel passiert, wie dies momentan der Fall ist, haben Themen, die mit der hiesigen Aktualität zusammen hängen, natürlich Priorität. Wenn es hier zu lande wieder ruhiger werden wird, dann können wir auch wieder vermehrt Themen bringen, die nicht direkt mit der israelischen Aktualität in Zusammenhang stehen. In unseren Diskussionen für kommende Nummern überlegen wir uns auch immer, ob ein Thema neu oder vertiefend betrachtet werden kann oder ob es gar eine lustige Seite hat. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass wir Reportagen zu allen Themen, die unsere Leserschaft interessieren, veröffentlichen. Beiträge, die zu Gewalt aufrufen, keine Chance auf Veröffentlichung haben.
Jüdische Rundschau: Gibt es unter den in den letzten 10 Jahren veröffentlichten Reportagen solche, auf die Sie speziell stolz sind?
David Horovitz: Es ist nicht einfach, unter den hunderten von Reportagen, die wir im Laufe der Zeit publiziert haben, einige wenige hervorzuheben. Auch liegt es mir fern, den einen oder anderen Mitarbeiter speziell zu rühmen. Aber dennoch gibt es zwei Reportagen, auf die wir als Team speziell stolz sind, weil sie einiges in Bewegung gesetzt haben. Die eine Reportage erschien im Juni 1998 und war den vergessenen Juden im äthiopischen Quara gewidmet. Über 2500 Juden warteten dort, geografisch weitgehend isoliert, sehnlichst darauf, dass Israel sie heimholen würde. Die israelische Regierung tat jedoch aus verschiedenen Gründen nichts. Doch nachdem unser Hintergrundbericht veröffentlicht worden war, wurden diese äthiopischen Juden mittels verschiedener Aktionen nach Israel gebracht. Eine zweite, im Mai 1997 veröffentlichte Geschichte, die den undurchsichtigen Vorgängen innerhalb der Jewish Claims Conference galt, hat auch etliches ausgelöst. So bekamen Holocaustüberlebende, die während Jahren vergebens versucht hatten, bei der «Jewish Claims Conference» zu ihrem Recht zu kommen, plötzlich wieder Zugang zu Gesprächspartnern und auch innerhalb der Organisation wurde ziemlich aufgeräumt. Diese Art von Reportagen, die auch in der realen Welt etwas auslösen, sind die Highlights unserer Arbeit.
Jüdische Rundschau: Wie würden Sie Ihre Leserschaft charakterisieren?
David Horovitz: Zu dieser Frage muss man als erstes festhalten, dass wir ein Nischenmagazin sind. Wir sind eine Zeitschrift für Leute, die sich - nebst dem was sie aus der «New York Times» oder ihrer lokalen jüdischen Zeitung erfahren - zusätzlich für Themen aus Israel, dem Mittleren Osten und der jüdischen Welt interessieren. Erhebungen haben gezeigt, dass die Mehrheit unserer Leser nicht weniger als 90 Minuten in die Lektüre einer Ausgabe investiert. Das heisst, sie lesen den «Jerusalem Report» von ganz vorn bis ganz hinten durch. Zwei Drittel unserer Leser leben in Nordamerika und darunter befinden sich viele, die selbst noch nie in Israel waren, aber hier Familie oder Freunde haben. Als wir die Zeitschrift gegründet haben, zählten viele Rabbiner, Gemeindeführer und Vertreter interessierter Organisationen zu unserer Leserschaft, doch dieser Kreis von Lesern hat sich inzwischen stark ausgeweitet. Die Tatsache, dass wir sehr viele Leserbriefe erhalten, zeigt uns, dass wir aufmerksam gelesen werden. Dabei erhalten wir regelmässig Zuschriften, die uns als rechtsextrem und solche, die uns als linksextrem bezeichnen. Dann erhalten wir auch Briefe, in denen uns vorgeworfen wird, wir seien allzu sehr für die Orthodoxie in Israel und solche, in welchen es heisst, wir kümmerten uns nicht genügend um die Belange der Orthodoxie. Wir kriegen also Briefe von allen politischen und religiösen Seiten und das beruhigt mich. Denn dass man Briefe von allen Seiten erhält, zeugt zumindest davon, dass man etwas richtig macht. Zusammenfassend möchte ich festhalten, dass wir alle Zuschriften sehr ernst nehmen. Ich persönlich halte ab und zu Vorträge vor ausländischen Studenten, die Israel besuchen. Und oft werde ich gefragt, was man gegen antiisraelische Artikel, die in den USA erscheinen, tun könne. Ich rate den Studenten, wenn in einem Artikel massive Fehler vorliegen, immer, via E-Mail oder Leserbrief an die betreffende Zeitung zu gelangen. Denn Leserzuschriften werden immer wahr genommen. Beim «Jerusalem Report» geben wir beispielsweise nach unseren Kolumnen jeweils unsere E-Mail-Adresse an, sodass uns die Leser direkt schreiben können.
Jüdische Rundschau: Pflegen Sie bei Ihrer Zeitschrift einen einheitlichen Schreibstil, wie dies beispielsweise die amerikanischen Zeitschriften «TIME» und «Newsweek» tun?
David Horovitz: Dies ist eine gute Frage, doch leider muss ich Sie enttäuschen. Unser Magazin ist von der Schreibe her nicht so einheitlich durchgestylt wie etwa die Zeitschrift «TIME». Stattdessen haben wir Kriterien festgelegt, nach welchen eine Reportage beurteilt wird. So fragen wir uns «Macht diese Geschichte Sinn? Stimmt sie? Ist sie lesbar? Sind alle Aspekte behandelt worden?» Nach diesen Kriterien schauen wir eine Reportage an, wie ein Journalist vom Stil her schreibt, ist sekundär. Dass er gut schreiben muss, dies versteht sich von selbst. Was die Qualität unserer Reportagen ausmacht, ist die Tatsache, dass wir auf der Redaktion Leute haben, die schon über 40 Jahre in Israel leben. Und die können beim angelieferten Material schnell feststellen, ob eine Reportage eine runde Sache ist oder ob noch zusätzlich recherchiert werden muss. Ohne arrogant wirken zu wollen, möchte ich feststellen, dass dadurch, dass wir alle Reportagen sehr genau prüfen, bevor sie gedruckt werden, ein Qualitätsniveau und eine inhaltliche Tiefe entstehen, die der Leser zu schätzen weiss.
Jüdische Rundschau: Worin sehen Sie persönlich in Ihrer Tätigkeit als Chefredaktor des «Jerusalem Reports» die grösste Herausforderung?
David Horovitz: Für mich als Chefredaktor ist es ein echtes Privileg, mit Menschen zusammen arbeiten zu können, die in dem, was sie machen, ausserordentlich gut sind. Die Redakteure und Redakteurinnen, die hier arbeiten, sind alle mit Enthusiasmus und Hingabe bei der Sache. Ich weiss, es tönt fast zu gut, um wahr zu sein, aber das ganze Redaktionsteam engagiert sich mit Leib und Seele für unsere Zeitschrift. Wir haben oft harte inhaltliche Diskussionen auf der Redaktion über schwierige Themen und neue Reportagen. Dabei kommen wir immer zu einem Konsens und das gibt Kraft, weiter zu arbeiten. Hinzufügen möchte ich, dass es ein eigentliches «Drama» ist, in Israel zu leben. Das Leben hier ist sehr intensiv, es kann aber auch frustrierend sein. Manchmal wünschte ich mir fast, dass Israel nicht jeden Tag ein Thema auf dem Fernsehsender CNN wäre. Das Leben hier bringt einem als Journalist, der Zeuge des Dramas der Nationwerdung des jüdischen Volkes ist, sehr viel. Aber es ist anstrengend und fordert einem auch viel ab.
«The Jerusalem Report»
P.O.Box 1805, Jerusalem 91017
Tel. 00972 2 531 5440, Fax 00972 2 537 9489
E-Mail: jsubs@jreport.co.il
Website: www.jrep.com
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10 Jahre Jerusalem Report
Der «Jerusalem Report» zählt heute 240 000 Leser in aller Welt, wobei sich das Gros der Leserschaft in Nordamerika befindet. Auf der Redaktion des Jerusalem Reports sind heute nicht weniger als 25 Personen tätig. Dutzende von Korrespondenten rund um die Welt tragen das ihrige zum an Themen reichen Inhalt der Publikation bei. Mit dem offiziellen Feiern des zehnjährigen Bestehens will man noch warten, bis sich die politische Situation in Israel etwas beruhigt hat. Chefredaktor David Horovitz betont im Gespräch, dass man auch über eigene Korrespondenten in den verschiedenen arabischen Hauptstädten verfüge und das Zeitgeschehen im Mittleren Osten auch von dort aus - und nicht nur aus jüdischer und israelischer Warte - kommentiere. Zusätzlich verfüge man auch über eigene Reisekorrespondenten. «Wenn sich beispielsweise in Afghanistan Dinge ereignen, die das jüdische Leben betreffen, so sind wir in der Lage, umgehend einen Korrespondenten dorthin zu senden, der mit eigenen Augen sieht, was sich abspielt», sagt Horovitz. Diese gelebte Unabhängigkeit, welche sich regelmässig im Heftinhalt niederschlägt, hat viel zur Popularität des Magazins beigetragen.


