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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Computer-Riese gerät unter Beschuss

von Sharon Samber, October 9, 2008
Eine Klage, die in den USA gegen den Computer-Riesen IBM wegen angeblicher Hilfeleistung für die Nazis im Weltkrieg eingereicht worden ist, lenkt die Aufmerksamkeit einmal mehr auf den Anteil amerikanischer Firmen beim Aufbau und Betrieb der Todes-Maschinerie der Deutschen. Ein soeben erschienenes Buch untermauert die Position der Kläger.
IBM und der Zweite Weltkrieg: Autor Edwin Black mit belastenden Dokuementen gegen den Konzern. - Foto Keystone

Der Computer-Riese IBM habe Hitler die Technologie zur Verfügung gestellt, mit der er im Holocaust Millionen von Menschen verfolgen und umbringen konnte. Das ist die Quintessenz einer am Wochenende in New York eingereichten Sammelklage. Die Gesellschaft war, wie es in der Klageschrift heisst, engstens in die Handlungen ihrer deutschen Tochtergesellschaft verwickelt, profitierte von deren Arbeit und vertuschte das Geschehen. «IBM USA war sich», so heisst es wörtlich in der Anklage, «voll bewusst, dass seine Ausrüstung, Informationen und Dienstleistungen in Konzentrationslagern benutzt wurde, wo man Angaben über Juden und andere Menschen, die Zwangsarbeit verrichten mussten und letztlich ermordet wurden, speicherte, aufarbeitete und sortierte.»
Die im Namen von fünf Klägern und anderen eingereichte Klageschrift stellt die letzte Phase der Bemühungen um Holocaust-Wiedergutmachung dar. Verlangt werden die Öffnung der Firmenarchive und eine Erklärung von IBM, wonach Menschenrechte verletzt worden sind. Ferner fordert die Klage auch eine nicht näher bestimmte Geldsumme, die sich um die 100 Mio. Dollar bewegen dürfte. Der Name der deutschen Tochter von IBM, die dem deutschen Wiedergutmachungsfonds Gelder hat zukommen lassen und damit legale Immunität erreicht hat, figuriert nicht in der Klageschrift.

IBM im Holocaust-Museum

Zur gleichen Zeit, da die Klage ihren langen Weg durch das Labyrinth des Rechtswesens angetreten hat, erschien ein Buch, das sich mit der Thematik befasst. Zwar war bekannt, dass IBM in den 30er Jahren Deutschland Technologie verkauft hat, doch Edwin Blacks Buch «IBM and the Holocaust: The Strategic Alliance Between Nazi Germany and America’s Most Powerful Corporation» sorgt dennoch für Aufregung. - Im Washingtoner Holocaust-Museum findet sich eine Maschine mit der Aufschrift «IBM», wobei ein erklärender Text darauf hinweist, dass diese Ausrüstung Mitte und Ende der 30er Jahre zu Volkszählungen und anderen Erhebungen in Deutschland benutzt worden sei. Dem Museum ist nicht bekannt, wo die Maschine effektiv eingesetzt worden ist. Die Klageschrift demgegenüber hält fest, dass alleine im KZ Dachau 24 Sortierer, Tabulatoren und Drucker verwendet worden sind. Lange hatte IBM behauptet, 1941 die Kontakte zur deutschen Tochterfirma abgebrochen zu haben, doch sowohl die Klageschrift als auch das Buch scheinen anzudeuten, dass die Beziehungen zwischen dem Konzern und Nazi-Deutschland länger gedauert hatten und auch tiefer gegangen waren. IBM war, wie Black erklärt, ein lukrativer Handlungspartner für die Nazis. Kürzlich hat IBM in einer Mitteilung an seine Mitarbeiter im Zusammenhang mit Blacks Buch und seinen Anschuldigungen gegen den Konzern geschrieben: «Sollte dieses Buch neue, verifizierbare Informationen enthüllen, die zum vertieften Verständnis dieser tragischen Zeit beitragen, wird IBM die Informationen prüfen und verlangen, dass Wissenschafter und Historiker Gleiches tun.» Andere US-Firmen sind wegen ihrer Rolle im Holocaust ebenfalls schon unter Beschuss geraten. Gegen einige, wie z.B. Ford und General Motors, wird demnächst ein Prozess eröffnet. Michael Hausfeld, der führende Anwalt in der Klage gegen IBM, sagte, sein Büro habe 100 US-Firmen identifiziert, die in der Nazi-Zeit in Deutschland aktiv waren. Die Frage, ob sich in einem dieser Fälle rechtliche Schritte ebenfalls lohnen, wollte er nicht beantworten. In Bezug auf die finanzielle Forderung geht es nicht um Kompensationszahlungen an Einzelpersonen. Vielmehr sollen mit der Summe die Menschenrechte gefördert und künftigen Opfern von Menschenrechtsverletzungen geholfen werden.

«Schockierende Enthüllung»

Am Rande der Klageeinreichung hat sich schon eine Diskussion entwickelt, weil die Anwälte ein Honorar verlangen. Der Jüdische Weltkongress z.B. unterstützt die Klage nicht, da er, wie sein Exekutiv-Direktor Elan Steinberg es formulierte, niemand vom Holocaust profitieren sollte. Die in Blacks Buch enthaltene Information überrasche ihn nicht, und die Sache müsse untersucht werden. Abe Foxmann von der Anti-Diffamationsliga (ADL) nennt die Enthüllungen des Buches «schockierend».

JTA


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