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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Cézanne als anregende Vaterfigur

von Walter Labhart, October 9, 2008
Bekannte sich der Maler Paul Cézanne (1839-1906) zu seinem jüdischen Mentor Camille Pissarro als seinem wichtigsten Lehrmeister, so wurde der provenzalische Vorläufer des Kubismus später selber zu einem der wichtigsten Vorbilder. Paul Cézanne hat wie kaum ein zweiter Künstler entscheidenden Einfluss auf mehrere Stilrichtungen und zahlreiche Maler ausgeübt, ohne selber Unterricht zu erteilen.
Paul Cézanne in der Fondation Beyeler. - Fotobyline in der JR

Was der eher kontaktarme, scheue Maler aus Aix-en-Provence mit seiner Verselbständigung von Farbe und Form einerseits, mit der Herauskristallisierung kubischer Konturen andererseits bewirkte, bringt noch bis zum 9. Januar die auf das ganze 20. Jahrhundert zurückblickende Schau «Cézanne und die Moderne» mit mehr als 35 Ölgemälden und rund halb so vielen Aquarellen zum Ausdruck. Hauseigenen Werken und Leihgaben aus Moskau, St. Petersburg, Paris, Prag und Übersee stehen 15 Kontrastpaare gegenüber, deren eine Hälfte vorwiegend aus der Beyeler-Stiftung stammt. Da Cézannes Werke dieser oft gewagten Gegenüberstellung mit Gemälden der Moderne von Matisse und den Kubisten Braque, Léger und Picasso über Paul Klee, Piet Mondrian und Alberto Giacometti bis zu den Amerikanern Ellsworth Kelly und Willem de Kooning aus der Zeit von 1866 bis 1906 datieren, bildet deren Präsentation eine umso gehaltvollere Retrospektive, als typische Arbeiten aus allen Schaffensphasen in den Dialog mit der Moderne einbezogen wurden.
Die eigene Entwicklung Cézannes lässt sich besonders eindrücklich in den gleichsam zart hingehauchten Aquarellen mit ihren vielen weissen Aussparungen und in Ölbildern verfolgen, die den häufig gemalten Berg Sainte-Victoire zum Thema haben. Während sich in der Konfrontation der Landschaft «Sous-bois» (1902) mit Légers «Passage à niveau» (1912) Parallelen in formalen Elementen und in Bewegungsabläufen auf Anhieb erkennen lassen, verflüchtigen sich die gemeinsamen Berührungspunkte mit zunehmender zeitlicher Entfernung. Die wohl grössten Gegensätze verkörpern die zu starker Vereinfachung im Sinne von Abstraktion neigende «Paysage bleu» (1904-1906) und «Red-Brown, Black, Green, Red» (1962) von Mark Rothko, dem einzigen jüdischen Maler in dieser «Schule des Sehens und Vergleichens», wie die Sonderausstellung im Untertitel heissen könnte. Besteht Cézannes raumbetontes Bild aus der regelmässigen Addition kleiner Farbflächen voll nuancierter Valeurs, so setzt sich das ganz auf Flächigkeit angelegte abstrakte Gemälde des 1903 in russland geborenen, 1970 in New York verstorbenen Wahlamerikaners, der 1935 mit Adolph Gottlieb die Künstlergruppe «The Ten» gegründet hatte, aus dumpf klingenden Farbfeldern in rechteckiger Anordnung zusammen.

Zur Ausstellung, die Cézanne dank der jeweils paarweisen Gegenüberstellung mit einem bedeutenden Künstler der Folgezeit als entwicklungsgeschichtlich einflussreiche Vaterfigur der modernen Malerei zeigt, erschien ein 140 Seiten starker Katalog mit einem Beitrag von Gottfried Boehm (Fr. 48.-).





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