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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Bunt, orientalisch und kritisch

von Gisela Blau, October 9, 2008
Dorit Rabinyan ist mit ihren 28 Jahren die jüngste Bestsellerautorin Israels und der Shooting Star in der an Talenten nicht gerade armen israelischen Literaturszene. Sie hat erst zwei Romane und ein TV-Skript veröffentlicht, aber sie hat für die beiden Romane bereits drei Preise eingeheimst. Das erste Buch, «Die Mandelbaumgasse», wurde von einem grossen israelischen Verlag publiziert, als sie erst 21 war. Die deutsche Übersetzung des zweiten Romans, «Unsere Hochzeiten», hat Dorit Rabinyan zu einer Lesereise nach Deutschland geführt. Doch die erste Station war Zürich.
Israel-Literatur im Höhenflug: Dorit Rabinyan (r.) und Eva Koralnik. - Foto vb

Sie verliess Israel sehr ungern, sagt sie, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem die Gewalt eskalierte. «Ich fühle mich nur in Israel sicher. Im Ausland spüre ich grosse Unsicherheit.» Doch der Ruhm einer erfolgreichen Autorin hat seinen Preis. Auf der Frankfurter Buchmesse, die diese Woche begann, wird sie am Stand ihres Verlages (WolfgangKrüger) Furore machen. Ihre beiden Romane wurden in neun Sprachen übersetzt, und sie gehört bereits zum illustren Kreis jener weltberühmten Autoren, die von der Zürcher Literaturagentur Liepman vertreten werden. «Ich fühle mich sehr geehrt in solcher Gesellschaft», sagt sie ohne jede Heuchelei. In der «Kronenhalle» schaut sie ehrfürchtig den Tisch an, an dem einst James Joyce seinen Stammplatz einnahm. Ganz rasch setzt sie sich hin, tief beeindruckt wie ein Kind, und steht sofort wieder auf, als hätte sie eine Grenze überschritten.

Zwischen Ruhm und Bestsellerlisten

Trotz der Erfolgswelle wahrt die in Israel geborene Tochter iranischer Einwanderer die Proportionen. Sie ist zwar sicher und überzeugend, was ihre Anliegen angeht, aber der Ruhm machte sie weder überheblich noch eingebildet. Und sie verspricht, dass es so bleibt. Klein, zierlich, mit schwarzen Haaren und den sprichwörtlichen mandelförmigen Kohleaugen gibt sie zu, dass sie in Israel jetzt eine Berühmtheit ist, die als Schaustück zu allerlei eingeladen wird. «Aber wenn ich nach Hause komme, ist der Bildschirm meines Computers trotzdem leer», sagt sie augenzwinkernd. Sie schreibt an ihrem dritten Roman, der wohl wieder drei Jahre in Anspruch nehmen wird.
Der Einzug in die Bestsellerliste machte ihr zwar Eindruck, sagt sie. An ihren Erfolg habe sie jedoch erst geglaubt, als sie einen Bus bestieg und zwei Mädchen sah, die gemeinsam in ihrem Roman lasen und immer wieder zueinander sagten: «Genau so ist es! Wie bei uns zu Hause!» Junge Frauen sind auch Dorits Zielpublikum, vornehmlich die orientalischen: «Meine Romane sind eigentlich sozialkritisch. Sie prangern an, dass die Mütter, die bereits Opfer eines patriarchalischen Systems sind, eine zweite Generation von Opfern heranziehen: ihre Töchter. Die Mädchen sollen nur Liebesromane lesen, schön sein und sich vor allem auf ihre Hochzeit vorbereiten. Glücklicherweise haben meine Eltern meinen Geschwistern und mir erlaubt, Individuen zu werden.» Trotzdem ist die Stimmung der Familie noch immer sehr warm. Die Freitagabende und alle Feiertage werden gemeinsam verbracht, mit orientalischem Essen und Gesprächen.
Ihre Kritik an den überlieferten Normen in orientalisch-jüdischen Familien in Israel verpackt Dorit Rabinyan in eine Fülle bunter, verrückter Geschichten. Man glaubt förmlich die scharfen Speisen, die süssen Parfums und den Staub in der unordentlichen Wohnung zu riechen. Sie schreibt in opulentester Sprache über Sex, über Nähe, über Glück und vor allem über Unglück, denn die Töchter der Familie Asisyan suchen sich die falschen Ehemänner aus; die jüngste kommt nicht darüber hinweg, dass ihr Zwillingsbruder bei der Geburt starb, und der einzige Sohn findet keine Frau. «Mandelbaumgasse» enthielt zahlreiche Ereignisse aus dem Leben ihrer Grossmutter im Iran, erklärt Rabinyan. «Unsere Hochzeiten» hat sehr viel mit ihrer Mutter zu tun. Und was hat ihre Mutter zu diesem Buch gesagt? Zu der überaus offenen Sprache und der unverhüllten Kritik? Dorit Rabinyan lächelt: «Wir führten das erste offene Gespräch über Dinge, die bis dahin tabu gewesen waren. Und das fiel uns leicht, weil wir nicht über uns, sondern über die Romanfiguren reden konnten...» Die Karriere der Bestsellerautorin begann eher zufällig. Sie leistete ihren Militärdienst bei einer Armeezeitung ab. Als herauskam, dass sie aus Bequemlichkeit Interviews erfand, wurde sie entlassen. Ohnehin hatte sie nie an eine Karriere des Schreibens gedacht. Aber dann verspürte sie den Drang, eine Episode aus dem Leben ihrer Grossmutter aufzuschreiben. Weil sie keinen Drucker besass, ging sie mit einer Diskette zu einem Bekannten, der die Geschichte las, während sie aus seinem Drucker kam. Er fertigte für sich eine Kopie an und brachte sie ohne Dorits Wissen zu einem renommierten Verlag, der ihr sofort den Auftrag für ein Buch erteilte.

A.B Yehoshua und Toni Morrison

Und nun wurde Rabinyan in den Kreis der bekannten israelischen Autoren aufgenommen. «Als ich zum ersten Mal A.B. Yehoshua gegenüberstand, verschlug es mir die Sprache», erinnert sie sich. «Aber er war sehr freundlich mit mir.» Selber liest Rabinyan am liebsten Bücher von Frauen («ich verehre Toni Morrison»). Als Heranwachsende las sie seltsamerweise, wie sie sagt, praktisch nur westeuropäische Literatur: Thomas Mann, Kafka. «Ich lese alle Bücher zweimal», verrät sie ein Werkstattgeheimnis, «erst wegen der Geschichte, und dann nochmals, um die vom Autor verwendete Architektur und Technik des Romans zu entschlüsseln.» Wie tun es die Grossen? Nun, sie gehört bereits selber dazu. Dorit Rabinyans erste Romane sind bereits Pflichtlektüre an Universitäten, und das wird wohl so bleiben (vgl. S. 24).


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