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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Bücher und Ausstellung

von Alexis Caneem, October 9, 2008
Es gibt Fotos, die in der jüdischen Welt wohl fast jeder kennt. Zu diesen gehört auch der«Schabbesklopfer» (Shabes klaper), ein einfach gekleideter Mann, der mit einem Hammer an einen etwas schäbigen Fensterladen klopft. Dieses Bild, das 1926 von dem Fotografen Alter Kaczyne aufgenommen, einen Ausschnitt aus dem Leben polnischer Juden in Byale zeigt, kann man gegenwärtig in einer Ausstellung im Hessischen Rundfunk in Frankfurt/Main gemeinsam mit 150 weiteren Aufnahmen betrachten, die «Polyn, eine untergegangene jüdische Welt» zeigen. Anlass für diese Fotoschau, die ansonsten im New Yorker Yivo-Archiv aufbewahrt wird, ist die Präsentation eines neuen Bildbandes vom Aufbau-Verlag, der pünktlich zur Frankfurter Buchmesse der Öffentlichkeit vorgestellt wird.
Blick nach Osteuropa: Schwerpunkt Polen an der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. - Foto Keystone Einzigartiges Archiv: Emanuel Ringelblum mit Warschauer Hintergrund. Zeitdokumente: Janusz Korczaks Bewerbung im Waisenhaus Dzielna-Strasse 39.

Über 7000 Verlage aus mehr als hundert Ländern bieten diesmal ihre Werke an, von denen viele Neuerscheinungen sind. CD-ROM und andere neuen Medien werden verstärkt vorgestellt und ein Projekt der Buchmesse «Faszination Comicî wirbt dafür als Kunstform ernst genommen zu werden. Auch wird die Tradition weitergeführt, ein Land als besonderen Schwerpunkt hervorzuheben. In diesem Jahr ist es Polen.Begleitausstellungen weisen bereits jetzt schon darauf hin. In der Börnegalerie des Jüdischen Museums Frankfurts wurde eine Sonderschau mit Dokumenten eines Untergrundarchivs des Warschauer Ghettos eröffnet, die in ihrer Bedeutung weit über Deutschland hinaus geht. Zum ersten Mal präsentiert das Jüdische Historische Museum Warschau rund 50 von Emanuel Ringelblum und seinen Freunden gesammelte Dokumente über das Leben im Ghetto und im gesamten besetzten Polen. Angesichts des drohenden Untergangs verfasste die sich um Ringelblum, der für die soziale Selbsthilfe des Warschauer Ghettos tätig war, gebildete Gruppe mit dem Tarnnamen «Oneg Schabbat» eine Chronik mit Dokumenten über deutsche Verfolgungsmassnahmen, dem jüdischen Widerstand und die Selbstbehauptung in den Ghettos und Lagern. Sie sammelten Beweisstücke über Deportation und Massenmord, von denen Teile nach London gelangten in der Hoffnung, dadurch die Weltöffentlichkeit zu informieren. Aber auch konspirative Zeitungen aus dem Lager gehören zur Sammlung, Fotos und viele Dokumente. Ringelblum selber überlebte nicht. Wie die meisten seiner fünfzig Mitkämpfer wurde auch er in den Ruinen des Warschauer Ghettos erschossen. Andere wurden ins Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet. Hersz Wasser war das einzige überlebende Mitglied der «Oneg Schabbat-Gruppe». Nach dem Krieg holte er die in zwei Milchkannen und zehn Metallbehältern noch erhaltenen Dokumente des «Ringelblum-Archivs» aus den Trümmern des Warschauer Ghettos hervor und damit zwei Drittel des gesammelten Materials – 1700 Dokumente mit einem Umfang von rund 25 000 Seiten. Somit wurde dieses Material die wichtigste Dokumentation der Geschichte der polnischen Juden während des Zweiten Weltkrieges. Einige befinden sich heute in New York, andere Teile des Archivs werden gegenwärtig im Jüdischen Historischen Museum Warschau aufbewahrt. «Für die gesamte Ausstellung über das Warschauer Ghetto haben wir nur 240 Quadratmeter Fläche zur Verfügung», klagt Museumsdirektor Prof. Dr. Feliks Tych. Noch nie wurde das Ringelblum-Archiv deshalb «in diesem Umfang in Polen gezeigt, auch bisher noch nicht im Ausland». Und das, obwohl die UNESCO im vergangenen Jahr das Archiv in ihr Verzeichnis «Memory of the World» aufnahm und damit auf die aussergewöhnliche Dokumentation aufmerksam machte. Die noch bis zum 21. Januar 2001 in Frankfurt gezeigte Ausstellung ist die erste grosse, die bereits schon jetzt die Welt aufmerksam machte. «Wir erhielten Anfragen aus München und Düsseldorf», erzählt Prof. Tych «und in den USA wird sie im nächsten Jahr gezeigt.» Den Katalog der Ausstellung kann man nicht nur im Museum finden, sondern auch auf der Messe. Auf Polen als Gastland dieser 52. Buchmesse weisen Plakate auf 45 U-Bahnhöfen und weiteren 385 öffentlichen Plätzen hin.
Über 2100 Veranstaltungen sind bereits jetzt schon geplant, von denen allein tausend Polen betreffen. Erwartet werden über 1100 Autoren. Einer davon ist Ephraim Kishon, der über sein neues, im Verlag Langen-Müller erschienenes Buch «Wers glaubt wird selig» sprechen wird. Es sind humoristische Einblicke in die Welt der Politik und sarkastische politische Satiren, die wohl jeden zum Schmunzeln oder auch zum Kopfschütteln beim Lesen bringen wird. Zum 100. Geburtstag erscheint mit einem Essay von Christa Wolf eine Biografie mit Bildern über Anna Seghers, die als Autorin des Siebenten Kreuzes weltberühmt wurde. Der in diesem Jahr sein 50. Jubiläum feiernde Suhrkamp-Verlag, dessen Tochter «Jüdischer Verlag» sein 10-jähriges Bestehen begeht, widmet sich unter anderem Paul Celan, der am 30. November achtzig Jahre alt geworden wäre. Empfehlenswert ist auch der Besuch der Kalenderpräsentation, von denen einige auch Jüdisches zeigen, wie zum Beispiel ein Kalender über «Jüdische Frauen» oder «Jüdisches Leben heute», das Jeanette Lander im Aufbau-Verlag herausgab.
Auch auf der diesjährigen Buchmesse wird es viel Neues zu entdecken geben, Literatur aus Israel, Übersetzungen aus dem Hebräischen, aber auch Werke jüdischer Gegenwartsautoren aus allen Teilen der Welt sowie Neuauflagen altbekannter Werke und vielleicht auch einige wieder neu entdeckter Schriftsteller.


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