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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Bauhäusler und Visionär

von Alexis Canem, October 9, 2008
Wie verwandelt man einen Hund in eine Giraffe? Ganz einfach, indem man den Hals und die Beine um ein Vielfaches verlängert. Gliedertiere aus Holz waren lange Zeit begehrtes Kinderspielzeug. Doch auch Erwachsene haben bis heute Spass daran, aus vorgefertigten Einzelteilen kleine Tiere oder andere Figuren zusammensetzen zu können.

Den Prototypen kann man zurzeit in einer Ausstellung im Frankfurter Jüdischen Museum sehen. Schon Anfang der 20er Jahre befasste sich Ludwig Hirschfeld-Mack mit neuartigem Spielzeug für Kinder. Auch eine Puppenstube wird gezeigt, die aus vielen bunten Einzelteilen zusammenzusetzen ist. Selbst die Möbel, Tische, Stühle, Schränke und sogar den farbenfrohen, quadratisch gemusterten Teppich soll das Kind selber bauen. Spielerisch lernen, lautet der pädagogische Gedanke, der hinter diesen Dingen steht, die seit 1924 als Produkte des Bauhauses verkauft wurden. Dazu gehört auch ein Kreisel mit mehreren farbigen Scheiben, die beim Drehen unterschiedliche Farben erzeugen. Dieser «optische Farbenmischer», der bis in die Gegenwart nachgebaut wird, wurde ebenfalls von Hirschfeld-Mack konstruiert, der sich am Bauhaus vor allem mit der Wirkung von Farben und ihrer psychologischen Aspekte auf uns Menschen auseinandersetze. So forderte er zum Beispiel Studenten, aber auch die Weimarer Bevölkerung in mehreren Ausschreiben auf, Dreiecke, Quadrate und den Kreis jeweils einer Grundfarbe zuzuordnen. Rot gehört zum Quadrat, entschied sich die Mehrheit, Gelb zum Dreieck und Blau zum Kreis. Kandinsky hatte diese Zuordnung dann in seinem Buch «Punkt und Linie zur Fläche» weiterverarbeitet. In der Ausstellung sieht man verschiedene von Hirschfeld-Mack hergestellte Farbtafeln, die sich mit der Wirkung auf den Zuschauer befassen. So auch sein «Schwebender Kreis mit Blau», der zur Grundlage verschiedener Diskussionen wurde.
Wegen seiner jüdischen Herkunft kamen in der NS-Zeit die Arbeiten von Ludwig Hirschfeld-Mack auf den Index. Jahrzehntelang blieb ein Grossteil davon auch nach dem Krieg noch im Verborgenen. Der Künstler war zur Emigration gezwungen. Er flüchtete nach England, wo er als «feindlicher Ausländer» 1940 nach Australien deportiert wurde. Dort fand er zwar schnell eine neue Heimat und auch Arbeit als Kunstpädagoge und Künstler, doch in Deutschland geriet er in Vergessenheit. Erst sehr spät wurde Ludwig Hirschfeld-Mack, der bis zu seinem Lebensende 1965 in Sydney eine neue Heimat fand, auch in Europa wieder entdeckt.
Diese bis zum 22. April im Jüdischen Museum in Frankfurt am Main gezeigte Retrospektive eines der wichtigsten Vertreter der jüngeren Generation am Weimarer Bauhaus ist ein Gemeinschaftsprojekt des Jüdischen Museums Wiens, des Jüdischen Museums Frankfurts/Main und des Museum für Moderne Kunst Bozen. «Die Kooperation scheint nur in mehrfacher Hinsicht ein zukunftsträchtiges Modell zu sein», erklärt Georg Heuberger, Direktor des Frankfurter Jüdischen Museums, «der Austausch über Institutions- und Staatsgrenzen hinweg wird gefördert und der explosionsartig zunehmenden Anzahl von kulturellen Veranstaltungen wird eben durch Zusammenlegung der Initiativen verschiedener Häuser entgegengewirkt.» Die Kooperation zwischen den drei Museen realisierte nicht nur diese interessante Ausstellung, sondern machte auch den Druck eines informationsreichen Kataloges mit vielen farbigen Abbildungen möglich.
Neben zahlreichen Werken des Künstlers aus allen Lebensabschnitten wurde extra für die Ausstellung eine Apparatur zur Aufführung seiner «Farbenlichtspiele» rekonstruiert, die einen Grossteil seines Werkes ausmachen. 1919 kam der in Frankfurt/Main geborene Ludwig Hirschfeld-Mack als «Geselle der Kunstdruckerei des Bauhauses» an die berühmte Akademie. Nach seiner Ausbildung blieb er dort, zuerst weiter in der Werkstatt, später auch als Lehrer. Bereits im Wintersemester 1922/23 illustrierte er die Lehrveranstaltung Kandinskys mit seinen Farbtafeln. Zusammen mit Kurt Schwerdtfeger hatte er die «Reflektorischen Lichtspiele» entwickelt. Ab 1923 ging er dann eigene Wege und zog die Bezeichnung «Farbenlichtspiele» vor. Verschiedene farbige Gläser wurden hintereinander vor eine Lichtquelle gesetzt, ein Prinzip, mit dem heute Dias vorgeführt werden. Durch Herausnehmen und Hineinschieben der Farbgläser entstehen besondere Effekte, die in ständiger Bewegung und Veränderung zu sein scheinen. Vorgetragen wurde diese Schau mit eigens dafür komponierter Musik. Die Begeisterung der Avantgarde für diese Symbiose von Kunst und Technik war gross. «Künstlerisch» schwärmte Walter Gropius, können die Lichtspiele durchaus «mit der internationalen zeitgenössischen Avantgarde mithalten». Vorträge in verschiedenen Städten, u.a. in Mannheim, Paris, Hamburg und Berlin folgten. Als das Bauhaus auf Anordnung der Weimarer Behörde, der es zu modern geworden war, geschlossen wurde, hielt sich Hirschfeld-Mack gerade auf einer Vortragsreise in Wien auf. Nach Deutschland zurückgekehrt, ging er nicht an das neue Bauhaus nach Dessau, sondern blieb in Weimar und widmete sich verstärkt der Weiterentwicklung und Aufführung seiner Farbenlichtspiele. Jetzt werden sie bereits im Rahmen von Filmveranstaltungen in Berlin und Hannover vorgeführt. Doch den Schritt zum Film geht der Künstler nicht. 1926 verlässt er Weimar, um in Wickersdorf Möbel zu entwerfen. 1930 folgt er dem Ruf der neu gegründeten Pädagogischen Akademie in Frankfurt/Oder, die jedoch bereits 1932 auf Betreiben der Nationalsozialisten geschlossen wurde. 1933 zieht er nach Berlin und lehrt an der Jöde- und der Günther-Schule den Bau von Flöten und einfachen Rhythmus- und Saiteninstrumenten. Mit einigen dieser einfachen Musikinstrumente, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind, geht Hirschfeld-Mack 1936 nach London ins Exil. Dort entwickelt er auch das neue «Colour-Chord», ein Dreiklanginstrument. 1940 wird er, obwohl er Jude und damit Verfolgter des Naziregimes ist, von den Engländern verhaftet und nach Australien deportiert. Doch in Sydney kannte man ihn bereits als Bauhauskünstler und bot ihm gute Arbeitsmöglichkeiten. Bereits 1942 wurde er australischer Staatsbürger und vermittelte an der Kunstschule von Victoria die Bauhaus-Pädagogik. An der Uni Melbourne arbeitete er auch im Sektor der Erwachsenenbildung und der Ausbildung von Therapeuten. Nebenbei malte und zeichnete er weiter. Von all diesen Stationen seines Lebens berichtet die Ausstellung, die erstmalig das Werk eines Mannes zeigt, dessen Vater zum Christentum übertrat, was aber dem Sohn, der auch als Soldat für Deutschland im 1.Weltkrieg kämpfte, unter der Naziherrschaft nicht half. Wie viele andere wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt und aus seiner Heimat vertrieben. Vergessen hat ihn die Nachwelt jedoch nicht. Seine künstlerische Arbeit gehört zur Avantgarde des 20. Jahrhunderts und bildet die Grundlage mancher Werbe- und Animationsfilme unserer heutigen, modernen Zeit.


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