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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Basel / Musik - Eine kritische Würdigung zum Tod von Paul Sacher

von Walter Labhart, October 9, 2008
Mit dem Tod des Dirigenten, Musikförderers und Wirtschaftsmagnaten Paul Sacher am 26. Mai verlor nicht nur die Schweiz eine ihrer kulturell einflussreichsten und prägnantesten Gestalten. Der nach längerer Krankheit in seiner Geburtsstadt Basel gestorbene Grossaktionär des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche galt ebenso im Ausland als einer der bedeutendsten Mäzene sowohl auf dem Gebiet der Musik als auch der bildenden Künste. Zusammen mit mehr als 200 Kompositionen, die in seinem Auftrag entstanden und von ihm uraufgeführt wurden, erinnert das vor drei Jahren in Basel eröffnete Tinguely-Museum an ihn. Mit der 1973 gegründeten Paul-Sacher-Stiftung rief der für seine Musikerhandschriftensammlung international bekannte Ehrendoktor der Universität Oxford (1992) eine einzigartige Forschungsstätte mit einer Vielzahl von Nachlässen gewichtiger Komponisten des 20. Jahrhunderts ins Leben.

Als Sohn eines Spediteurs und einer Bäuerin am 28. April 1906 in Basel zur Welt und später als Musiker auf den Geschmack an alter Musik gekommen, gründete Paul Sacher als Zwanzigjähriger das \"Basler Kammerorchester\" zur Förderung unbekannter Klassiker und ebensolcher Zeitgenossen.

Geist und Geld

Er hatte mehr Idealismus und Kampfgeist als Geld, als er 1928 mit Conrad Beck und anderen Basler Komponisten jene lange Kette von Auftragswerken begann, welche bald so grosse Namen wie Willy Burkhard, Arthur Honegger und Frank Martin auf schweizerischer Ebene enthielt und schliesslich von Bela Bartock, Benjamin Britten und Witold Lutoslawski über Bohuslav Martinu und Wolfgang Rihm bis zu Igor Strawinsky, Sndor Veress und Wladimir Vogel reichte. Durch die Heirat mit Maja Hoffmann-Stehlin, der als Bildhauerin ausgebildeten Witwe des Chemikers Emanuel Hoffmann, wurde Paul Sacher 1934 zum Multimillionär und zu einem Musikförderer, der seine Talente gleichsam zu multiplizieren verstand. Er gründete das \"Collegium Musicum Zürich\" (1941) und die Vereinigung \"Freunde Alter Musik in Basel\" (1942), wurde Präsident des Schweizerischen Tonkünstlervereins (1946) und schloss die schon 1933 gegründete \"Schola Cantorum Basiliensis\" mit der Musikschule und dem Konservatorium Basel zur Musik-Akademie (1954) zusammen, deren alleiniger Leiter er 1964 wurde. Mit ihrem Kunstpreis ehrte die Stadt Basel 1972 einen Musiker, der sich mit besonderem Eifer für Carl Philipp Emanuel Bach, Mozart und vorwiegend dem Neoklassizismus verpflichtete Komponisten unserer Zeit eingesetzt hatte und weitherum als einziger Dirigent für möglichst kurze, jedoch um so kontrastreichere Konzertprogramme plädierte. In die Schlagzeilen der Weltpresse geriet Paul Sacher, als er 1983 mit Hilfe des Autographenhändlers Albi Rosenthal für zwölf Millionen den gesamten Nachlass von Igor Strawinsky erwarb, der für ihn und sein \"Basler Kammerorchester\" mit dem \"Concerto en R\"(1946) eines jener Meisterwerke geschrieben hatte, zu welchen auch die \"Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta\" (1936) und das Divertimento für Streichorchester (1939) von Bartock sowie die 2. und 4. Sinfonie von Honegger zählen. Seine der eigenen Stiftung einverleibten Handschriftenschätze zeigte Paul Sacher zum letzten Mal 1996 in der Basler Ausstellung \"Canto d\'amore\" (Klassizistische Moderne in Musik und bildender Kunst 1914-1935) im Kunstmuseum.

Von Paul Sacher zu Saul Pacher

Hatte der grosse Mäzen bis zur Zeit des Zweiten Weltkrieges jüdischen Komponisten und ihren existentiellen Nöten gegenüber eine auffallend indifferente Haltung eingenommen, um weder einen einzigen Kompositionsauftrag an einen jüdischen Musiker zu erteilen noch dem aus Paris in die Schweiz zurückgekehrten Basler Komponisten Ernst Levy vor der Ausreise in die USA (1941) behilflich zu sein, so gefiel es ihm, sich nach 1945 mit renommierten jüdischen Interpreten zu garnieren. Es schien damals, als sei aus Paul Sacher ein Saul Pacher geworden, für den freundschaftliche Beziehungen zu Clara Haskil, Rudolf Serkin und anderen Berühmtheiten jüdischer Herkunft von grosser Bedeutung waren.

Paradoxerweise erwarb der Handschriftensammler Sacher ausgerechnet \"Kol nidre\" (1938) von Arnold Schönberg, den er - ebenso wie Ernest Bloch und Darius Milhaus - als Mäzen ignoriert und als Dirigent so selten wie nie aufgeführt hatte. Nach später Aussöhnung mag es daher aussehen, als Rolf Liebermann in seiner Grussadresse zum 70. Geburtstag des milliardenschweren Musikers festhielt: \"Wenn es in der Schweiz einen Musiker gibt, der, nahezu allein, durch seine Begeisterung und seine Überzeugung der kulturellen Schweiz verholfen hat, im internationalen Musikleben zu figurieren, dann ist das zweifellos Paul Sacher.\" Ohne an der Musik selber verdient zu haben, erwarb sich Sacher als ihr aufrichtiger Diener bleibende Verdienste.





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