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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Baraks Wette

October 9, 2008

Auf die Frage, ob sie angesichts des erzwungenen raschen Rückzugs aus Libanon ein Gefühl der Niederlage hätten, antworteten mit einer Ausnahme alle befragten hohen IDF-Offiziere, sie stünden unter dem Eindruck, einen Misserfolg erlebt zu haben.
Das ist verständlich, aber nicht unbedingt gerechtfertigt. In der Vergangenheit musste Israels Armee sich unfreiwillig zurückziehen, als die Ägypter 1973 die Bar Lev-Linie überrannten, doch wandte sich später im Sinai das Blatt. Das Gefühl des Misserfolgs in Libanon rührt daher, dass es der IDF nicht gelungen war, eine Guerillaorganisation zu unterdrücken, aber auch daher, dass die Bereitschaft der israelischen Öffentlichkeit, Verluste zu absorbieren, gesunken ist. Das zu verarbeiten, hat die Armee eine gewisse Zeit gekostet. Militärisch betrachtet war die letzte Phase des Rückzugs lobenswert - die Soldaten mussten sich nicht unter Feuer zurückziehen, wie die Hizbollah versprochen hatte. Generalmajor Gaby Ashkenazy verdient Komplimente dafür, dass er die Operation trotz der durch den Zusammenbruch der Südlibanesischen Armee (SLA) entstandenen Probleme ohne Verluste abgeschlossen hat.
In der Armee schämt man sich zu Recht über die schäbige Behandlung, die man der SLA angedeihen liess, deren Soldaten Israel Verrat vorwerfen. Dafür, dass sie Schulter an Schulter mit der IDF gegen die Hizbollah kämpften, zahlten sie einen Preis in der Form von hunderten von Toten und Verletzten. Im Büro von Premierminister Barak hört man recht zynische Meinungen, die darauf hinauslaufen, es sei gut, dass die Dinge sich so entwickelt haben, wie sie sich eben entwickelt haben. Die SLA hat ihre schweren Waffen aufgegeben, ohne aus ihnen zu schiessen, und die Gefangenen aus dem Gefängnis el-Khiam wurden allesamt befreit. Damit hat Israel die meisten Bedingungen der UNO für den Rückzug erfüllt. Politisch gesehen, hat Barak zudem für seinen Rückzug aus Libanon den Sieg internationaler Legitimität - auch in einigen Araberstaaten - einheimsen dürfen. Zum ersten Mal überhaupt hat eine Aktion der IDF effektiv die Unterstützung der UNO genossen.
Der beachtliche Erfolg der Hizbollah während des Rückzugs ist auf den von der Miliz klug inszenierten Einsatz der libanesischen Bürger zurückzuführen, die in die Dörfer des Südens strömten. Das löste den Zusammenbruch der SLA aus. Die Israelis waren gelähmt, denn sie wollten nicht auf Zivilisten schiessen. Die Hizbollah haben von der Intifada der Palästinenser gelernt - vielleicht werden die Palästinenser ihrerseits nun eine Lektion von den Libanesen lernen.Wir sollten uns fragen, was geschehen würde, wenn nun zehntausende von Palästinensern von den libanesischen Flüchtlingslagern begännen, in Richtung auf die Grenze zu marschieren. Würden wir das Feuer eröffnen? In der Palästinensischen Behörde gibt es auch Pläne für den Einmarsch unbewaffneter Polizisten nach Abu Dis und anderen Vororten von Jerusalem. Würden wir in einer solchen Situation zu schiessen beginnen?Israel steht an einer Weggabelung. Es muss sich mit der Tatsache abfinden, dass der militärischen Macht Grenzen gesetzt sind. Das Land nähert sich nun dem Endstadium eines Prozesses, in dem es seine Selbstverteidigung nur noch von innerhalb seiner Grenzen aus führen wird, ohne Territorien benachbarter Länder besetzt zu halten. Letzte Woche haben wir uns vom letzten Stück besetzten libanesischen Bodens befreit.Einige Unsicherheit herrscht jetzt in Bezug auf die künftige Entwicklung. Kaum zu glauben, dass Präsident Assad bereits beschlossen hat, wie er vor dem Hintergrund der neuen Situation agieren wir. Eine Möglichkeit ist sicher, dass er fortfahren wird, terroristische Aktionen gegen Israel in der einen oder anderen Form zu unterstützen. Das würde zu einer militärischen Konfrontation mit den Syrern führen, zuerst in Libanon, dann möglicherweise aber auch auf dem Golan. Assad ist sich der Risiken bewusst, auch des Risikos, das seinem Sohn und Erben lauern könnte. Israels Abschreckungskraft gegen Syrien bleibt trotz allem unverändert, solange wir wissen, wie wir uns ihrer zu bedienen haben. Die andere Möglichkeit wäre eine Beruhigung der Situation und die Wiederaufnahme der Verhandlungen durch Assad. Der syrische Präsident begreift, dass nach dem israelischen Rückzu aus Libanon, das israelische Volk keine allzu grosse Eile verspüren wird, den Golan aufzugeben, und schon gar nicht das Ufer des Kinneret-Sees. Er wird auch verstehen, dass der Druck auf ihn wachsen wird, die syrischen Soldaten aus Libanon abzuziehen.Barak ist in Libanon ein grosses Risiko eingegangen. Er wird nur dann den Erfolg ernten, wenn die Grenze ruhig bleibt und die Chancen auf Verhandlungen mit Syrien zu neuem Leben erwachen. Sollte die Nordgrenze aber trotz des Rückzugs ein Spannungsfeld mit Eruptionen bleiben, und sollte Israel trotz des Rückzugs in eine militärische Konfrontation mit Syrien hineinschlittern, dann hätte Barak die Wette verloren.HaaretzDer Autor ist Militäranalytiker und schreibt für die Zeitung «Haaretz».





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