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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Baraks Fehler

von Jacques Ungar, October 9, 2008

Schwenken wir für einmal in den Meinungspfad der breiten Öffentlichkeit ein und machen uns die Annahme zu eigen, Ariel Sharon werde zum neuen Premier Israels gewählt. Wie konnte es dazu kommen?
Wenn ein weithin als «Kriegsgurgel» geltender Mann, dem die Formulierung und Verfolgung langfristiger Ziele ebenso ein Greuel sind wie die Einhaltung von Budgets (vgl. Titelgeschichte S. 12 und 13) - wenn ein solcher Mann vom Volk die Kompetenz erhält, zu regieren, über das Verhältnis Israels zu seinen Nachbarn zu befinden und letztlich für die ganze Region über Krieg und Frieden zu entscheiden, dann muss im jüdischen Staat Drastisches geschehen sein. Sowohl Sharon selber, noch mehr aber seine vermutlichen Koalitionspartner bieten nämlich Gewähr für einen harten Kurs, der in Arabern und Palästinensern primär Feinde und dann lange nichts mehr sieht.
Zu weiten Teilen muss Ehud Barak sich für die kaum noch abzuwendende Niederlage an der eigenen Nase nehmen. So vorbildlich er in der Verfolgung seiner Friedenspolitik, inkl. dem Rückzug aus Libanon, gehandelt hat, so fragwürdig waren seine Methoden mitunter. Das gilt vor allem für seinen fast permanenten Solo-Auftritt. Dem an das Erteilen zu befolgender Befehle gewohnten ex-General war der Wechsel an die Spitze eines politischen, der Teamarbeit bedürfenden Gremiums nur mangelhaft gelungen. Dann hat er es sich mit weiten Kreisen der Bevölkerung verdorben, indem er so umwälzende Veränderungen wie Konzessionen in Jerusalem und in den Gebieten ohne die notwendige psychologische Vorbereitung beliebt machen wollte, mit der Holzhammer-Methode sozusagen. Das veranlasste nicht nur rechtslastige Koalitionspartner, abzuspringen; es stiess auch das eigene Fussvolk vor den Kopf. Die Religiösen trieb er mit seinem Ruf nach Rekrutierung von Jeschiwa-Schülern und der «bürgerlichen Revolution» von sich. Die Sekulären wiederum jagte er ins Bockshorn, indem er die Umsetzung genau dieser Projekte auf die lange Bank schob.Wie geht es nun weiter? Zumindest in der Rede bei seiner Siegesfeier wird Sharon all die so süffigen Wahlslogans wiederholen, mit denen er in den letzten Wochen versucht hat, sein Image aufzuweichen und zu vermenschlichen. Bald aber wird auch er feststellen, dass man in der Regel nur mit Wasser kochen kann. Mit einer rechtsextremen Koalition, ohne jede Berücksichtigung gemässigter Strömungen bis hin zur Arbeitspartei, würde er Israel in eine weltweite Isolation treiben. Und auch ein Sharon kann sich den Forderungen der internationalen Völkergemeinschaft nur dann verschliessen, wenn er sich und die Nation in einen politischen Selbstmord treiben möchte.
Auf der Suche nach einem tröstlichen Schluss bleibt nur die Erinnerung daran, dass der Likud-Politiker Menachem Begin Israels ersten Frieden mit einem Araber-Land realisiert hat - kurze Zeit, nachdem er noch gelobt hatte, sich in der Siedler-Stadt Yamit im Sinai ein Haus zu kaufen.





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