Auf der Suche nach einer Bedeutung
Demonstration gegen Antisemitismus: «Wir sind entsetzt über die stetige Verfügbarkeit und die ‹Nützlichkeit› der antisemitischen Idee für die Gesellschaft.»
Ein ganz normaler Auftrag.
Natürlich waren wir betroffen von der Aussage, entsetzt über das Resultat, kritisch gegenüber den Schlagzeilen: «Jeder sechste Schweizer ist ein Antisemit.»
Die im März erschienene GfS-Studie über den Schweizer Antisemitismus löste heftige Diskussionen aus. Zwei Lager kristallisierten sich heraus: Die einen monierten, die Studie sei eine Beleidigung für die Mehrheit der schweizerischen Bevölkerung, die anderen verteidigten die Resultate vehement.
Das Phänomen: Antisemitismus.
Die Frage: Was ist er?
Der Zugang: Journalistisch.
Klärung der Begrifflichkeit, historischer Hintergrund, Einbettung in die Gegenwart.
Kurz, knapp, klar.
Ein ganz normaler Auftrag.
Zwei Tage Zeit, um herauszufinden, was Antisemitismus ist. Von Historikern, Politikern, Psychologen, jüdischen Vertretern und nicht zuletzt von jüdischen und nicht-jüdischen Privatpersonen wollten wir wissen: «Was verstehen Sie unter Antisemitismus?» Um es gleich vorwegzunehmen: Eine eindeutige Antwort erhielten wir nicht. Unsere Gesprächspartner offerierten zwar viele verschiedene Varianten, doch mit einer präzisen Definition konnten sie uns nicht helfen.
Antisemitismus - ein Begriff, der nicht definierbar ist?
Dennoch wissen wir: Die Antisemiten gibt es. Die Judenfeinde, auf die man mit dem Finger zeigen kann. Sie schreiben wüste Briefe, beschimpfen Juden, greifen sie gar tätlich an und im Extremfall leugnen sie Auschwitz. Und die anderen?
Antisemitismus - wir können das Wort nicht fassen.
Jeder sechste Schweizer hat eine «eindeutige Nähe zu antisemitischem Gedankengut», so die Studie des Gfs-Forschungsinstituts. Wenn wir auf die Strasse gehen, können wir zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, du! Oder du? Niemand ist sicher. Antisemitismus - das Gespenst unserer Gesellschaft.
Fragen über Fragen
«Kritisches Argumentieren im Falle des Antisemitismus wäre auf begriffliche Eindeutigkeit angewiesen», sagt der Historiker Jacques Picard. Eindeutigkeit? Nur Fragen. Was ist Antisemitismus? Was ist der Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus? Was ist der Unterschied zwischen Antisemitismus und allgemeiner Intoleranz? Wird nicht über die hohen Steuern, den Fussballtrainer, über Amerika geflucht - und eben auch über die Juden? Warum ist Antisemitismus in der Geschichte so konstant? Und warum gibt es ihn heute noch, wo doch die Juden nicht einmal ein Prozent der Schweizer Bevölkerung ausmachen? Warum lässt man die Juden nicht in Ruhe? Die Fragen drängen.Zum Leidwesen unserer Redaktion wurden aus den zwei Tagen vier Wochen, in denen wir versuchten, uns an den «Antisemitismus» heranzutasten, seinem Wandel durch die Geschichte zu folgen, ihn heute einzuordnen.
Geschichte des Begriffs
«Antisemitismus» verkörpert ein ganzes Begriffsfeld. Das Wort, wie es heute gebraucht wird, ist eine Türe zu einem Haus mit vielen Zimmern: «Rassismus», «kollektives Vorurteil», «Antijudaismus», «latenter Antisemitismus», «Judenfeindlichkeit», «Judenhass». Und natürlich steht das Wort in Verbindung mit dem grausamsten Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts.
Zum ersten Mal wurde der Begriff im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts geprägt. In dieser Zeit gelang den judenfeindlichen Bewegungen Deutschlands der Durchbruch an die Öffentlichkeit, und sie schrieben sich den Begriff «Antisemitismus» auf ihre Fahnen. «Antisemitismus» wurde eingesetzt als eine positiv wertende Selbstbezeichnung dieser Parteien, nämlich der «antisemitischen Liga» (1879) und der «antisemitischen Deutschnationalen Partei» (1889). Bedient haben sich die Parteigründer an der Sprachwissenschaft, die aufgrund der Sprachwurzeln zwischen zwei Gruppen unterschied: Den Semiten und den Ariern. Als Semiten wurden alle Völker bezeichnet, die zum semitischen Sprachraum gehörten. Zu den arischen Völkern gehörten die Sprecher der indogermanischen Sprachen.
Die selbsterklärten «Antisemiten» richteten sich jedoch nur gegen die Juden, nicht aber gegen die anderen Völker der semitischen Sprachgruppe. Die Juden wurden zur negativen Kehrseite des «guten Ariers» erklärt. «Antisemitismus» zielte nicht gegen die Mitglieder der jüdischen Religion, sondern gegen die Mitglieder der «jüdischen Rasse». «Antisemitismus» hiess gegen Juden vorgehen, denen man nachsagte, sie würden die Kultur zersetzen. Wer gegen Juden war, konnte sich von da an mit einer Partei identifizieren und hatte einen Begriff zur Verfügung - als Leitwort. Rasch wurde der Begriff durch diese Parteien und durch die Presse zum populären Feindwort.
Verwirrung in der Bevölkerung
Und was bedeutet das Wort heute? Für Juden? Für Nichtjuden? Bei vielen Jüdinnen und Juden löst das Wort «Antisemitismus» Ängste aus: Eng steht es im Zusammenhang mit der Verfolgung und Vernichtung des jüdischen Volkes über die Jahrhunderte. Man ist immer auf der Ausschau nach Anzeichen von «Antisemitismus»; man hinterfragt, analysiert, interpretiert, man ist einer antisemitischen Gesinnung auf der Spur - und befindet sich auf einer Gratwanderung zwischen notwendiger Vorsicht und überempfindlichem Misstrauen. Aber auch ein gewisser Überdruss war festzustellen, als wir nach einer Definition des «Antisemitismus» fragten. Nachdem die Jüdische Gemeinschaft in den vergangenen Jahren vermehrt im Interesse der Öffentlichkeit stand, haben heute viele Jüdinnen und Juden genug davon. «Schon wieder eine Studie, schon wieder Antisemitismus!», war eine häufige Reaktion. Viele sehnen sich nach einem Leben in Ruhe, ohne Stellungnahme eines jüdischen Vertreters in der Tagesschau, ohne ein «jüdisches» Thema in der «Arena». Man will nach der Publizität der letzten Jahre wieder in die Anonymität zurückkehren und ist froh, wenn man nichts mehr über «Antisemitismus» hört.
Bei der nicht-jüdischen Bevölkerung löst das Wort «Antisemitismus» Unbehagen aus - Verunsicherung. Durch die Auseinandersetzung mit dem Anti-Rassismus Gesetz und mit der Debatte «Schweiz und Zweiter Weltkrieg» wurde der Begriff in den vergangenen fünf Jahren vermehrt gebraucht. In der Politik und in den Medien wurde «Antisemitismus» immer wieder thematisiert, doch die Bedeutung des Begriffs blieb unklar. Man weiss zwar, er hat etwas mit Juden zu tun und er meint etwas Schlechtes, aber fassbar ist er nicht. Wegen dieser Vagheit ist es nicht verwunderlich, dass in den heutigen Diskussionen über «Antisemitismus» eine grosse Befangenheit festzustellen ist. «Was ist Antisemitismus?» wollten wir im Rahmen der Recherche von nicht-jüdischen Schweizern wissen - und trafen vor allem auf Schweigen. Viele Menschen fürchten sich, etwas Falsches zu sagen, im Extremfall gar als Antisemiten gebrandmarkt zu werden.
Problem des Begriffs
Der Begriff «Antisemitismus» hat seine Bedeutung zwischen den Jahren 1879 und 2000 radikal verändert. Was geschah? Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde «Antisemitismus» als Schlüsselphänomen und weltweites Problem ausführlich analysiert. Er ist nicht mehr das Identifikationssymbol einer Bewegung, sondern ein Phänomen, das die Wissenschaft aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und zu erklären versucht. Dabei fällt auf, wie weit das Feld ist, das die Wissenschaft als Definition für «Antisemitismus» gebraucht. Mit dem Begriff werden negative Vorurteile, politische Einstellungen, Verhaltens- und Handlungsweisen charakterisiert sowie auch Bewegungen, die eine antisemitische Ideologie und eine entsprechende Politik verfolgen.
Zurzeit durchläuft der Begriff einen weiteren Wandel, indem er durch den Schweizer Blätterwald geistert. Picard bringt es auf den Punkt: «Ein Begriff aus der Forschung macht Medienkarriere.»
Wenn ein Wort wie «Antisemitismus» in den politisch-öffentlichen Diskurs eindringt, besteht die Gefahr der Komplexitätsreduktion. Der Begriff wird zu einem Wort, dessen Attraktivität in seiner Vagheit und seiner Emotionalität liegt. Politiker benutzen ihn, um einen Gegner in die Ecke zu stellen oder auf einen beängstigenden Zustand aufmerksam zu machen. Die Unbestimmtheit des «Antisemitismus» führt dazu, dass der Begriff immer mehr zu einem «Omnibus»1 wird, auf dessen Trittbrettern die unterschiedlichsten Definitionen und die unterschiedlichsten Absichten mitfahren. Solche Omnibus-Begriffe sind problematisch. Sie können bei jeder Gelegenheit eingesetzt werden; sie erheben «Relatives zu Absolutem» und reduzieren «Kompliziertes auf Typisches»2. Sie verstellen den Blick auf die Wirklichkeit. Die Situation ist gefährlich, denn ein Begriff geistert durchs Land, und niemand weiss genau, was er bedeutet.
Wo leben wir?
Denkpause, Denkzettel. Wenn man häufig über Antisemitismus redet, wird er zur Selbstverständlichkeit. Versucht man auf einer intellektuellen Ebene, die Zusammenhänge zu verstehen, der Geschichte nachzugehen, den Gebrauch des Wortes zu hinterfragen, geht dabei das Schreckliche verloren, das der Diskussion zu Grunde liegt. Es ist, als würden wir stillschweigend akzeptieren, dass wir in einer Welt leben, in der Antisemitismus ein Fakt ist.
In einer Welt, die mitgeprägt ist von Intoleranz, von Angst und Hass vor dem Fremden. Was ist das für eine Welt, die solche Diskussionen überhaupt erst nötig macht? Wo leben wir eigentlich?
Natürlich ist das naiv - weiter im Text!
Judenfeindschaft
Die Judenfeindschaft ist ein Dauerphänomen. Seit der römischen Zeit gab es in der Geschichte Europas keine christlich geprägte Gesellschaft, die dieses Phänomen nicht kannte. Bis zur Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Judenfeindschaft hauptsächlich eine Folge von einem System von Vorurteilen, das durch die christliche Kirche verbreitet wurde. Die Juden wurden des «Gottesmordes», des «Wuchers», der «Brunnenvergiftung» und des «Ritualmordes» bezichtigt, um nur einige Vorwürfe zu nennen.
Doch als die Juden mit der Emanzipation in Europa allmählich die Gleichstellung erlangten, bekamen die alten antisemitischen Bilder im neuen historischen Kontext eine neue Bedeutung. Der «Antisemitismus» ging durch eine Metamorphose, in deren Verlauf er sich säkularisierte. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert richtet sich der «moderne Antisemitismus» gegen die Juden als vermeintliche Rasse.
In der Politik waren die Juden die Vaterlandsfeinde, in der Moral waren sie unsittlich. Glaubte man. Dabei muss man sagen, dass solche negative Vorstellungen keineswegs dominierten: Aber sie waren da, unterschwellig. Die Juden wurden zur negativen Projektionsfläche der entstehenden Moderne. Alle Entwicklungen, vor denen man Angst hatte oder die man negativ bewertete, konnte man an eine Volksgruppe, an eine «Rasse» binden. «Juden», das wurde zum Synonym für Kapitalismus, Auflösung der Ständegesellschaft und der Tradition, für die grosse Macht der Presse, für demokratische und sozialistische Ideen. Waren die Juden im Mittelalter die Sündenböcke für die Pest, waren sie Ende des 19. Jahrhunderts die Sündenböcke für eine sich radikal verändernde Welt.
Und heute? Warum geraten die Juden immer wieder ins Schussfeld? Was sind die Quellen der Judenfeindschaft? Was hat ein Spruch am Stammtisch - «Die Juden wollen doch immer nur das Geld!» - mit der Verbrennung von Juden im Mittelalter zu tun? Und wie unterscheidet sich dieser Spruch von der Judenfeindschaft der Vergangenheit?
Begriffliche Eindeutigkeit
Für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem «Antisemitismus» brauchen wir eine differenzierte Sprache. Heute deckt der Begriff «Antisemitismus» alles ab; er wird gleichgesetzt mit der konkreten Judenfeindschaft, meint aber auch das kollektive Vorurteil, das über die Jahrhunderte herangewachsen ist, indem es von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Diese weite Ausdehnung des Begriffs erschwert die Diskussion über «Antisemitismus». Die Vagheit birgt die Gefahr in sich, dass der Begriff mehr als «Warntafel» gebraucht wird als dafür, einem Problem auf den Grund zu gehen. Wie kann man den Begriff sinnvoll unterteilen?
Zwei Stränge ziehen sich durch die Geschichte: Der Strang der Ideen, der negativen Stereotypen über Juden, und der Strang der konkreten Judenfeindschaft, die sich im Alltag immer wieder manifestiert. Diese zwei Stränge müssen klar auseinandergehalten werden. Auch begrifflich. Es muss eine Begrifflichkeit geschaffen werden, die explizit und selbstredend ausdrückt, ob man vom kollektiven Vorurteil gegen Juden oder von der konkreten Judenfeindschaft spricht. Man darf nicht von einem «Antisemitismus» sprechen, der sowohl Ursache als auch Wirkung ist. Erst wenn man sauber trennt, kann man sich Gedanken darüber machen, wie Idee und Manifestation zueinander in Beziehung stehen. Die wirksame Bekämpfung des «Antisemitismus» hängt nicht zuletzt von der Differenzierung der Sprache ab. Wie sagte Wittgenstein: «Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.»
Vielleicht ist diese Trennung von Ursache und Wirkung eine Spitzfindigkeit. Vielleicht hilft die sprachliche Differenzierung aber auch gerade in der öffentlichen Debatte, dass man dem Begriff «Antisemitismus» nicht mehr hilf- und ratlos gegenübersteht.
Die «antisemitische Idee»
Wir wollen den Begriff «antisemitische Idee» einsetzen, um eine Idee zu bezeichnen, die ein unabhängiges Leben führt: Das System der negativen Stereotypen über Juden. Die «antisemitische Idee» ist eine Stimmung, die sich eingenistet hat. Sie ist eine Idee, die jeder mit sich herumträgt, die kulturell vermittelt wird, ohne dass man sich dagegen wehren kann. Sie ist keine Ideologie - keine systematisierte Weltanschauung. Letztlich kommt sie aus dem Bauch und ist etwas zutiefst Irrationales. Sie ist eine verinnerlichte Kultur. Eine Mentalität.Wie ist das möglich? Wie können sich Ideen - in diesem Fall «antisemitische Ideen» - so konstant über Generationen halten? Wie setzen sich solche Bilder in unseren Köpfen fest und wie können sie sich verselbständigen? Und vor allem: Wie führt die «antisemitische Idee» zu konkreter Judenfeindschaft?
In der Kognitionswissenschaft spricht man seit etwa 20 Jahren von der Memetik. Die Memetik ist eine neue Idee, über Ideen zu sprechen. Sie versucht zu erklären, wie sich Ideen über Generationen am Leben erhalten und welche Faktoren entscheiden, ob eine Idee überlebt oder ausstirbt. Das Konzept hinter dieser Theorie ist so einfach wie überzeugend: Nicht nur Gene beeinflussen die Entwicklung des Menschen, sondern auch Ideen, kulturelle Wertsysteme, die über Generationen weitergegeben werden. Diese Ideen, die so genannten «Meme», folgen den Gesetzen der natürlichen Selektion - der Evolution.
So wie Gene sich im Genpool vermehren, indem sie sich mit Hilfe von Spermien oder Eiern von Körper zu Körper fortbewegen, so verbreiten sich «Meme» im Mempool, indem sie von Gehirn zu Gehirn überspringen. Wenn eine Person zum Beispiel einen guten Gedanken in der Zeitung liest und ihn an seine Familie oder Freunde weitergibt, so kann man sagen, dass sich der Gedanke vermehrt hat. Andere Beispiele für «Meme» sind Melodien, Schlagworte, Kleidermode usw.
Vererbtes Gedankengut
Die Evolution von «Memen» ist jedoch nicht einfach eine Analogie zur genetischen Evolution, nicht nur ein Prozess, der mit Begriffen aus der Evolutionstheorie metaphorisch beschrieben wird. Der Vater der Memetik, Richard Dawkins, nimmt die «Idee der Memetik» wörtlich, weil für ihn die «Meme» genau dem gleichen Prinzip der natürlichen Auslese folgen wie die Gene.
Die memetische Evolution selektiert jene Ideen, Überzeugungen, Einstellungen und Mythen, denen wir die meiste «Aufmerksamkeit» widmen und die wir am «lautesten» mitteilen. Unbewusst werden sie von unseren Gefühlen und Trieben, Sehnsüchten und Ängsten mitbestimmt. Wenn für uns die Ideen, die wir aufnehmen, im alltäglichen Leben nützlich sind, überleben sie. Doch «nützlich» darf keinesfalls verwechselt werden m


