Auf den Spuren von Ignatz Bubis
Als wichtigste Aufgabe bezeichnet Korn es, «die tätige Solidargemeinschaft zu stärken». Hierbei denkt er vor allem an die Integration der jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, aber auch an alle anderen Mitglieder. Nach dem Krieg war die jüdische Solidargemeinschaft für die Gemeindemitglieder oft lebensnotwendig gewesen. Jetzt jedoch «ist die Aufbauarbeit geleistet». Die zweite und verstärkt nun auch die dritte Generation der in Deutschland lebenden Juden erkenne oft nicht mehr die Notwendigkeit, sich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu engagieren. Wichtig, so Korn, ist es in unserer heutigen Zeit daher für alle jüdischen Menschen, «eine kulturelle Geborgenheit in der Gemeinde zu schaffen». Dazu gehöre neben der Förderung humanistischer Traditionen auch eine Verstärkung des traditionellen und religiösen Bereiches. Ganz bewusst will er hier in den Fussspuren von Ignatz Bubis bleiben, der sich für den Erhalt der Einheitsgemeinde aussprach und liberalen Strömungen nicht nur Räumlichkeiten für ihren Gottesdienst bereit stellte, sondern dafür sorgte, dass zu den Festtagen auch ein liberaler Rabbiner aus der Gemeindekasse finanziert wurde. «Sofern die religiösen Interessen unserer Mitglieder halachisch sind, werden wir den liberalen Gottesdienst weiterhin unterstützen», so Korn, der bis zu seiner Wahl zum Vorsitzenden als Dezernent für Kultus tätig war.
Einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit der Frankfurter Jüdischen Gemeinde sieht er in der Jugendarbeit. Hier, so Korn, ist demnächst die Errichtung einer Ganztagsschule geplant. Auch werden die Verhandlungen mit dem Magistrat der Stadt Frankfurt um die Wiedererlangung der Philanthropin weitergeführt. Dieses traditionelle Gebäude, das im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ein international bekanntes jüdisches Lehrhaus wie auch eine Knabenschule war, soll nach dem Willen des Vorstandes der Frankfurter Jüdischen Gemeinde erneut Heimstatt für eine jüdische Schule werden.
Salomon Korn wurde 1943 in Lublin geboren. Seine Eltern überlebten den Holocaust in einem Versteck. Als Kind kam er mit der Familie über Berlin nach Frankfurt, wo er auch eingeschult wurde. Für ein Jahr schickten ihn die Eltern in ein Schweizer Internat, wo «jüdische Religion» und «Französisch» Unterrichtsschwerpunkte waren. Zurückgekehrt nach Frankfurt machte er hier sein Abitur und begann anschliessend in Darmstadt Architektur mit Nebenfach Soziologie zu studieren. Seit 1973 befasst er sich mit der Erforschung der Synagogenarchitektur in Deutschland und weltweit und ist heute ein international bekannter Fachmann auf diesem Gebiet. Ignatz Bubis ermutigte ihn, auch innerhalb der Frankfurter Jüdischen Gemeinde aktiv zu werden. Gemeinsam mit F. Balser baute er das Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, das 1986 eröffnet wurde und seitdem wesentlich dazu beiträgt, dass die in der Mainmetropole lebenden Juden ein neues Heimatgefühl entwickeln können. Zwar werde sich auch unter seiner Führung die Frankfurter Jüdische Gemeinde weiterhin Nichtjuden öffnen, doch, so Korn, werde es Normalität jüdischen Lebens in Deutschland wohl erst in zwei Generationen wieder geben. Vorrangiges Ziel sei, «den Zusammenhalt untereinander zu stärken». Dazu gehöre auch ein veränderter Arbeitsstil. «Von der eher durch väterliche Führung geprägten Gemeinde werden wir nun mehr zu einer gleichberechtigt arbeitenden übergehen.» Er werde nicht die Vaterrolle übernehmen, sondern «sich als Primus inter pares, Erster unter Gleichen, verstehen». Korn, der seit 1995 auch Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland ist und sich dort vorwiegend mit gestalterischen Fragen für Gedenkstätten und den Synagogenbau beschäftigte, hat innerhalb des Zentralrates keine weiteren Ambitionen. Offiziell erklärte er, dass er hier nicht in die Fussstapfen von Bubis treten will und für das Präsidentenamt nicht kandidiere. «Eine Ämterhäufung soll man möglichst vermeiden», erklärt Korn, der sich ganz «auf die Jüdische Gemeinde in Frankfurt konzentrieren will.»
Dem Gemeindevorstand der nach Berlin zweitgrössten Jüdischen Gemeinde Deutschlands gehören weiterhin Dr. Dieter Graumann, Dr. Michel Friedman und Dr. Leo Latsch an. Nachgerückt ist als fünftes Mitglied jetzt der Direktor der Zentralen Wohlfahrtsstelle (ZWSt), Benni Bloch.


