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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Auf dem Weg zur dritten Säule

von Ruth E. Gruber, October 9, 2008
Experten unterstreichen, dass das europäische Judentum Wege finden muss, um seine Führungskräfte besser zu schulen, wenn es neben Israel und Nordamerika zur vollausgebauten «dritten Säule» des Weltjudentums werden will. Das war eine der Erkenntnisse eines Treffens des European Council of Jewish Communities (ECJC), an dem in Barcelona fast 120 Delegierte von 51 jüdischen Gemeinden aus 34 Ländern teilnahmen.
ECJC in Barcelona: Die Kluft zwischen alten und neuen Gemeinden überwinden. - Foto KY

«Europas Juden als Individuen sind ausgesprochen talentiert und in guter Form, doch das Kollektiv - die Gemeinden - bekundet Probleme», meinte Barry Kosmin, Exekutivdirektor des Londoner Institute for Jewish Policy Research. «Die Wissensbasis muss verbessert werden, damit das \"Team\" besser auftritt.» Im Bestreben, dieses Teamwork zu verbessern, haben führende jüdische Persönlichkeiten aus ganz Europa begonnen, sich mit Themen zu befassen, die ihrer Meinung nach wesentlich für das Überleben des Judentums auf dem «alten» Kontinent sind. Sie haben sich auch zu einer engeren Zusammenarbeit verpflichtet. «Es braucht eine neue Vision», sagte Alberto Senderay vom American Jewish Joint Distribution Committee, vor einer Versammlung des European Council of Jewish Communities (ECJC) in Barcelona. Fast 120 Delegierte von 51 jüdischen Gemeinden aus 34 Ländern hatten sich zu dem Anlass eingefunden. Zu ihnen zählten sowohl Vertreter der post-kommunistischen Staaten aus Ost- und Zentraleuropa als auch Teilnehmer aus etablierten westlichen Nationen.
Im Mittelpunkt des Treffens standen Workshops zu aktuellen Themen, die das Interesse aller europäisch-jüdischer Gemeinden, angefangen bei der 600 000 Seelen starken Gemeinde Frankreichs bis hin zu den 200 in Mazedonien lebenden Juden. Auf die Frage nach der Dringlichkeit der zur Diskussion stehenden Themen setzte die Mehrheit von 70 Gemeindeführern das Erreichen nicht den Gemeinden angehörenden, oft dem Judentum entfremdeten Menschen im Alter zwischen 20 und 45 Jahren, der so genannten «fehlenden Generation», an die Spitze ihrer Prioritätenliste. Zu weiteren genannten Themen zählen:
- Mobilisierung von Mitteln für lokale Bedürfnisse, und weniger für Israel, indem u.a. Finanzquellen innerhalb der EU angezapft werden.
- «Jüdische Koexistenz» vor dem Hintergrund einer Fragmentierung und Polarisierung zwischen orthodoxen, Reform- und anderen Strömungen des Judentums.
- Verbesserung und Förderung der jüdischen Erziehung, nicht zuletzt für Erwachsene.
- Rückerstattung von Eigentum, und
- soziale Wohlfahrt.

Das Treffen folgte ein Jahr nach der bahnbrechenden Versammlung von Nizza, an der rund 600 Menschen teilnahmen, was den Anlass zu einem der grössten dieser Art seit dem Holocaust in Europa gemacht hatte. «In Nizza hatte das europäische Judentum die Notwendigkeit erkannt, sich zu organisieren und zusammenzuarbeiten», sagte der Italiener Cobi Benatoff, der in Barcelona als ECJC-Präsident bestätigt wurde. Der in Paris domizilierte ECJC ist bestrebt, den Austausch von Information und Know-how unter den Juden Europas zu fördern. Ziel ist auch die Bildung einer starken europäisch-jüdischen Stimme, die sich neben jenen Israels und der USA Gehör verschafft.
«Endlich kann ich an die Wiedergeburt eines jüdischen Lebens in Europa nach dem Holocaust glauben», erklärte in Barcelona Michael Friedmann, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. «Juden müssen sich heute nicht mehr für alles bedanken, und wir sind echte Bürger unserer Länder geworden.» Kurz vor der Konferenz von Barcelona hatten einige der Delegierten an einem Treffen jüdischer Gemeindeführer aus 40 Ländern teilgenommen, dass unter den Fittichen des American Jewish Committee in Washington stattfand. «Bis heute», meinte Tomas Kraus, Generalsekretär der Vereinigung tschechisch-jüdischer Gemeinden, «begab man sich zum Informationsaustausch nach Washington, anstatt irgendwo nach Europa». Dem sei heute nicht mehr so. Wegen der nationalen Mentalitäten oder wegen des politischen Klimas müsse jede jüdische Gemeinde verschieden agieren, fügte er hinzu. «Die meisten israelischen bzw. jüdischen Agenturen wollen den Gemeinden irgendein Verhaltensmuster aufzwingen, doch dies ist nicht möglich». Laut Benatoff müssen die Juden Europas sich mit zwei Realitäten befassen: Einmal mit den alten, etablierten jüdischen Gemeinden, und dann mit den neu entstandenen Gemeinden, die sich vor allem seit dem Zusammenbruch des Kommunismus entwickelt haben. «Unser Ziel ist es», sagte er, «zu prüfen, wie die Gemeinden mit mehr Erfahrungen den neueren Gemeinden helfen können, etwa durch Verschwesterung oder Adoption». Letzte Woche haben sich beispielsweise Vertreter des jüdischen Gemeindezentrums von Washington in Budapest mit dortigen Gemeindeführern getroffen, um ein Partnerschaftsabkommen zu vereinbaren.

JTA


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