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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Attentate und Ermordungen

von George Szpiro, October 9, 2008
Obwohl die Zahl und Intensität der Zusammenstösse zwischen palästinensischen Demonstranten und der israelischen Armee Ende der vergangenen Woche etwas abzuebben schien, lässt die Gewalt nicht nach. Zusammenstösse zwischen demonstrierenden Palästinensern und israelischen Soldaten führen auf palästinensischer Seite immer noch täglich zu Toten und Verletzten. Die zumeist gut verschanzten und ausgerüsteten israelischen Soldaten kamen allerdings in den meisten Fällen nicht zu Schaden. Der Blutzoll auf der anderen Seite ist aber hoch. Während dem vergangenen Wochenende kamen vier Palästinenser ums Leben, am Sonntag waren es ebenfalls vier, am Montag drei. Doch der Kampf der Palästinenser gegen Israel wird letztens noch auf einer neuen Ebene geführt. Neben den Zusammenstössen gehören nun auch Attentate und Ermordungen fast zur Tagesordnung.
Session eröffnet: Sharon lauert in Baraks Hintergrund. - Foto KY

Am Montag wurde in Ostjerusalem vor dem Büro des Sozialamtes ein schwerwiegender Anschlag gegen zwei Aufseher ausgeübt. Laut den Angaben kam der Attentäter zum Eingang des Amtes und schoss aus nächster Nähe auf die Aufseher, die nicht einmal Gelegenheit hatten, ihre Waffen zu ziehen. Einer der beiden Männer erlag wenig später seinen Verletzungen, der zweite schwebt noch in Lebensgefahr. Nach dem Attentat konnte der Täter unerkannt fliehen. Arbeits- und Sozialminister Raanan Cohen liess das Amt, das sich ausschliesslich der arabischen Bevölkerung Jerusalems annimmt, nach dem Anschlag vorübergehend schliessen. Wenig später übernahmen zwei bisher unbekannte islamistische Organisationen die Verantwortung für den Anschlag. Gleichentags wurde in dem Gebiet bei der palästinensischen Ortschaft Beit Jala die Leiche eines israelischen Mannes gefunden, der seit zwei Tagen von seinem Wohnort in dem Stadtquartier Gilo in Jerusalem verschwunden war. Die Ermittlungen ergaben, dass das 30-jährige Opfer gefesselt und erstochen worden war. Der Fundort befindet sich in der sogenannten Zone C, die unter israelischer Kontrolle steht. Der arabische Knessetabgeordnete Muhammad Barake verurteilte den Anschlag in Jerusalem und die Ermordung bei Beit Jalla. Als Vergeltung oder, in den Worten eines Militärsprechers, «zur Warnung» flogen israelische Helikopter in der Nacht auf den Dienstag Angriffe gegen palästinensische Einrichtungen in Khan Yunis, Ramallah und Nablus. Ziele waren Quartiere der paramilitärischen Organisation «Tanzim» und der «Force 17». Laut den Berichten kam bei den Angriffen wegen vorangehender Warnungen durch die Israeli niemand zu Schaden.

Leiche gefunden

Schon während dem vergangenen Wochenende war in der Nähe von Ramallah die Leiche eines anderen vermissten Israeli gefunden worden. Anfänglich wurde angenommen, dass es sich bei dem Mord um eine Abrechnung unter Kriminellen handelte - die Zusammenarbeit zwischen arabischen und israelischen Drogenhändlern ist die einzige Kooperation, die noch funktioniert - doch wenig später stellte sich heraus, dass es sich in diesem Fall um einen offenbar nationalistisch inspirierten Mord handelte. Der 25-jährige Mann war laut polizeilichen Erkenntnissen gefoltert und erschossen worden, bevor seine Leiche in Brand gesetzt wurde. Zusammenstösse und Schiessereien zwischen palästinensischen Elementen und der israelischen Armee sind schon fast zur Tagesordnung geworden. Die Ermordungen stellen für die israelische Gesellschaft etwas gänzlich Neues dar.

Neuer Terror

Die wenige Tage währende Entkrampfung an den Nahtstellen zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten wurde hier auf eine unmissverständliche Weisung von PLO-Führer Yasir Arafat zurückgeführt, die er vor einer Woche seinen Adjutanten gegeben haben soll. Allerdings kam es am vergangenen Donnerstag im Gazastreifen zu einem Selbstmordanschlag, bei dem der Attentäter, ein 24-jähriger Palästinenser ums Leben kam. Der auf einem Fahrrad fahrende Mann sprengte sich in der Nähe eines israelischen Militärpostens in die Luft. Auf israelischer Seite wurde bei dem Attentat bloss ein Soldat leicht verletzt. Laut israelischen Angaben trug der Palästinenser, der als Mitglied der extremistischen Organisation «Islamischer Jihad» identifiziert worden sein soll, den sechs Kilogramm schweren Sprengsatz in einem Rucksack verborgen auf dem Rücken. Einen Tag früher war es bei Rafiach zu einer mysteriösen Explosion gekommen, die von Israel auf die vorzeitige Explosion einer Bombe zurückgeführt wurde. Von einer grossen Explosion vor einer Woche im Hauptquartier der palästinensischen Polizei in Bethlehem, bei der zwei Polizisten ums Leben kamen, und die von offiziellen palästinensischen Sprechern auf einen explodierenden Gaskanister zurückgeführt wurde, wird ebenfalls angenommen, dass es sich um einen «Betriebsunfall» bei der Vorbereitung eines Sprengsatzes gehandelt habe. Mehrere an Strassenrändern in Cisjordanien und dem Gazastreifen platzierte Sprengsätze gingen hoch, ohne dass israelische Soldaten oder Zivilisten zu Schaden kamen. Nachdem sich die Situation im Jerusalemer Stadtteil Gilo, der tagelang von der palästinensischen Ortschaft Beit Jalla beschossen wurde, etwas beruhigt hat, wurde am Dienstag zum ersten Mal die israelische Siedlung Efrat, in der Nähe von Jerusalem, unter Beschuss genommen. Der Angriff ging angeblich von einem Stadtviertel in Bethlehem aus.
Zur gleichen Zeit bemühten sich palästinensische Beamte und Politiker um eine Begrenzung des Schadens in der öffentlichen Meinung Israels. Offenbar besteht die Angst, dass die andauernden Zusammenstösse die Volksmeinung in Israel unwiderruflich negativ beeinflussen werden, und dass die palästinensischen Anliegen insbesonders die Unterstützung durch das linke Friedenslager verlieren werden. Der palästinensische Polizeichef in Cisjordanien, Ahmed Jibril, gab eine hebräische Pressekonferenz für israelische Journalisten, in der er sich trotz Warnungen und Drohungen an die Adresse des jüdischen Staates einigermassen versöhnlich gab. Chefunterhändler Saeb Erekat gewährte am Wochenende dem ersten und dem zweiten Fernsehkanal in Israel Interviews, in denen er für eine Wiederaufnahme des Friedensprozesses plädierte.

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Der Kampf im Cyperspace

Der Kampf zwischen Israeli und Palästinensern wird dieser Tage noch auf einer anderen, unblutigen Front geführt. Während der vergangenen Woche fanden Angriffe auf die Internet-Präsenzen israelischer Regierungsstellen statt. Tausende von Surfern klickten sich gleichzeitig auf die entsprechenden Webseiten ein, bis die Rechner unter der Last zusammenbrachen. Laut israelischen Experten nahmen die «Angriffe» in Saudi Arabien und Libanon ihren Anfang, dehnten sich aber dann auf über hundert Länder aus. Eine libanesische Zeitung und ein islamisches Internet-Portal gaben Anleitungen, wie die israelischen Webseiten «gehackt» werden können, und stellten gleichzeitig das entsprechende Programm zur Verfügung, das durch einfaches Anklicken heruntergeladen werden kann. Betroffen waren das israelische Aussenministerium, die Armee und die Knesset, deren Webseiten von einem privaten ISP (Internet Service Provider) betrieben und während dreissig Stunden stillgelegt wurden. Die Webseite der Armee, die plötzlich 120 000 Zugriffe verzeichnete, während die sonst übliche Frequenz etwa 7000 Zugriffe pro Woche beträgt, konnte kurzfristig auf einen amerikanischen Server ausweichen. Nicht betroffen wurde die Internet-Präsenz des Ministerpräsidentenamtes, das von einem eigenen zentralen Rechner betrieben wird und bessere Einrichtungen zum Schutz vor elektronischen Angriffen besitzt. Einige Tage früher hatten offenbar mit Israel sympathisierende Hacker eine Webseite der Hizbullah «israelisch besetzt». Wer sich auf die Webseite der Freischärler einklickte, bekam bloss eine Fahne mit dem Davidsstern zu sehen. Der Knessetabgeordnete Michael Eitan erklärte, dass Internetangriffe kein Spiel für Kinder seien, sondern eine eigentliche Aggression gegen die Infrastruktur eines Landes darstellten. Er schlug vor, Webseiten, die der Verbreitung von Information dienen, ebenso wie die freie Presse international schützen zu lassen. Die Internet-Angriffe geschahen just zu dem Augenblick, da das Amt des Armeesprechers ein Foto breitflächig veröffentlichen wollte, das beweisen sollte, dass die Beschiessungen des Wohnviertels Gilo in Jerusalem einen Gegenschlag gegen christliche heilige Stätten provozieren solle. Auf der Fotografie, die aus der Sicht eines in Gilo postierten Panzers aufgenommen wurde, sind die angeblichen Stellungen palästinensischer Scharfschützen in Beit Jala zu sehen. Sie hätten sich so platziert, dass sich die «St. Nikolas Kirche» genau in der Schusslinie der Panzer befindet.





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