Antisemitismus- und Rassismusalarm
Während die österreichischen Medien einen Sprecher des Innenministeriums zitieren, der von keiner Zunahme tätlicher Angriffe wissen möchte, bestätigte Amtsdirektor Avshalom Hodik gegenüber der JR die Zunahme von Übergriffen. Vor allem orthodoxe Juden - ihrer Kleidung und Haartracht wegen leicht erkennbar - berichteten der IKG von Rempeleien und Anpöbelungen auf offener Strasse. Schmäh- und Drohbriefe richteten sich nicht nur an die IKG, sondern an alle im Telefonbuch aufscheinenden jüdischen Organisationen, sagte Hodik im Telefonat mit der JR. Die Hemmschwellen fielen zusehends, was eine ganz neue Dimension im österreichischen Alltag darstelle. Vor allem ältere IKG-Mitglieder, die die Verfolgung erlebt haben, seien beunruhigt und fragten ihn: «Sind wir schon wieder so weit, dass wir Koffer packen müssen?» Diese Frage verneine er dann, sagt Hodik, «aber die Wahrheit, dass es ein Bedrohungspotenzial gibt, müssen wir sagen».
In dem Freitagabend in der Nachrichtensendung des österreichischen Fernsehens (ZiB 2) ausgestrahlten Interview legte der IKG-Präsident noch nach: Auf einen vor sich liegenden ganzen Ordner von Hetzbriefen an die IKG verweisend, warf er der FPÖ vor, die österreichische Bevölkerung zu spalten und die Gesellschaft zu vergiften. Muzicant forderte Politiker, Kirchen und alle sonstigen Institutionen auf, gegen den Hass aufzutreten.In einer Stellungnahme gegenüber dem österreichischen Fernsehen Montagabend zeigte sich auch Simon Wiesenthal besorgt, und er zog Parallelen zu den «Erfahrungen, die meine Generation schon einmal gemacht hat». Das Ignorieren solcher Anzeichen wäre schon einmal «bitter gebüsst worden». Wiesenthal machte den leugnenden Umgang mit der NS-Vergangenheit und das Fehlen einer «Stunde Null» für das verschärfte Klima verantwortlich, in dem Juden noch immer als Fremde wahrgenommen werden, auch wenn ihre Familien schon seit vielen Generationen im Land lebten. Vor allem der Jugend müsse man unbedingt nun eine Alternative zur Orientierungslosigkeit bieten.In diesem Sinn plant die Plattform unter Beteiligung der IKG für den 12. November, den 81. Jahrestag der Gründung der 1. Republik, eine Grosskundgebung, die vor dem österreichischen Parlament beginnen und am Stock-im-Eisen-Platz in der Wiener Innenstadt enden soll. An diesem Platz hielt die FPÖ zwei Tage vor den Wahlen ihre wohlinszenierte und hasstriefende Abschlusskundgebung ab.
Reaktionen auf Muzicants Antisemitismusalarm liegen vor allem von der katholischen Kirche vor: Sowohl der pensionierte Erzbischof von Wien wie auch der amtierende, die Kardinäle Franz König und Franz Schönborn zeigten sich besorgt und riefen die Österreicher zur Besinnung auf die Geschichte (König) und zur Erforschung des Gewissens (Schönborn) auf. Bei der Festsitzung des Ministerrates anlässlich des österreichischen Nationalfeiertags am Dienstag versprach Bundeskanzler Viktor Klima eine «Integrationsoffensive», die die Verständigung von In- und Ausländern verbessern und vor allem bei der Jugend aufklärerisch wirken soll.
Das öffentliche Auftreten der IKG und das Aufzeigen der Parallelen zwischen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit scheinen durch Erlebnisse des Alltags bestätigt zu werden. Oder war es blosser Zufall, dass der Berichterstatter nur eine Nacht nach Muzicants Auftreten um fünf Uhr morgens von «Sieg Heil»-Rufen zweier betrunkener Skinheads geweckt wurde - in einem vor allem von Immigranten und Arbeitern bevölkerten Wohnviertel der Stadt?


