Angeregte Diskussionen in Berlin
Die Juden Europas müssen ihre Institutionen der Zeit anpassen, die Kontakte untereinander stärken, politische Aktivitäten koordinieren und gemeinsame Zielsetzungen ausarbeiten, um zu einer wichtigen Kraft innerhalb des Weltjudentums zu werden. Das sagten Teilnehmer einer Wochenend-Diskussion in Berlin, an der Mitglieder von Gemeinden des «European Jewish Council» (EJC) und der Präsidentenkonferenz der wichtigen jüdischen Organisationen der USA teilnahmen. «Es ist an der Zeit», sagte Gideon Bolotowsky, Präsident der jüdischen Gemeinde Finnlands, «dass das europäische Judentum endlich neben den amerikanischen Juden und Israel zur dritten Säule des Welt-Judentums wird, von der heute alle sprechen.» Und Malcolm Hoenlein, Vize-Präsident der Präsidentenkonferenz, fügte hinzu: «Die Europäer haben begriffen, dass diese Bürde auf ihnen liegt.»
Neue Chancen, Bedingungen und Herausforderungen
Heute leben in Europa über 2 Millionen Juden, inkl. einer Million in der ex-UdSSR. Die Grösse der Gemeinden reicht von 1500 Menschen in Finnland über 30 000 in Italien bis zu je 600 000 in Frankreich und Russland. Der Zusammenbruch des Kommunismus vor mehr als 10 Jahren löste eine Wiederbelebung des jüdischen Lebens in Osteuropa aus und schuf neue Chancen, Bedingungen und Herausforderungen für das europäische Judentum.
Die Berliner Konferenz war das letzte in einer Reihe von Treffen, die das jüdische Potential in Europa und die Rolle untersuchen wollten, welche das internationale Judentum spielen kann. Die Konferenz fand vor dem Hintergrund akuter Herausforderungen für die Juden Europas statt. Dazu gehört zunehmender Fremdenhass ebenso wie eine rasch wachsende Bevölkerung moslemischer Immigranten und eine scharfe Erosion der Unterstützung für Israel in Europa und den internationalen Organisationen seit Ausbruch der neuen Intifada im vergangenen September. Holocaust-Leugner und Hass-Information auf dem Internet bereiten genau so Sorgen, wie die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien und eine wachsende Toleranz dem Antisemitismus gegenüber. Antisemitismus und Rechtsextremismus mache sich heute nicht nur auf der Strasse bemerkbar, sondern auch an Cocktail-Partys, meinte Michel Friedman, Vize-Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Hinzu kommt, dass die Medien in verschiedenen Ländern nach Ansicht von Beobachtern eine ausgesprochen anti-israelische Haltung bezogen haben, und es gibt Wellen von Vandalenakten gegen Synagogen, Friedhöfe und andere jüdischen Stätten. In Deutschland etwa wurden im dritten Quartal des letzten Jahres fast 300 antisemitische Verbrechen gemeldet, rund das Doppelte der 1999 in der gleichen Zeitperiode registrierten Vorfälle. «Auf diese Herausforderungen sind wir bedauerlicherweise nicht vorbereitet», sagte David Harris, Exekutiv-Direktor des American Jewish Committee.
Interne Probleme
Europäische Sprecher demgegenüber betonten, die akutesten Probleme für das jüdische Überleben in Europa kämen nicht von ausserhalb der jüdischen Welt. «Die gewichtigsten Herausforderungen sind die internen», sagte Cobi Bnatoff, Präsident des Europäischen Rates jüdischer Gemeinden (ECJC). «Unsere Institutionen sind in einer Verfassung, dass die Aussichten für das jüdische Leben in Europa ohne eine Veränderung der Situation düster sind. Unsere Institutionen heute sind ein Fiasko, und auch in demografischer Hinsicht muss von einem Misserfolg gesprochen werden. Wir haben den Kampf gegen die Assimilation bisher nicht gewonnen. Unsere Institutionen und Methoden müssen die Juden positiv motivieren, ihr jüdisches Leben fortzusetzen.» Solche, von manchen europäisch-jüdischen Persönlichkeiten geäusserten Gedanken lassen eine neue Offenheit und zugleich eine Frustration erkennen.
Dynamik nicht ausgenutzt
Viele Beobachter sind der Ansicht, es sei dem ECJC nicht gelungen, die Dynamik auszunutzen, die sich an der Generalversammlung von 1999 in Nizza entwickelt hatte. Damals hatten sich 600 Juden aus Europa versammelt, und man sprach von einem neu erwachten Selbstbewusstsein des europäischen Judentums, das innerhalb des Welt-Judentums zur «dritten Säule» werden könnte. Die praktischen Auswirkungen der Versammlung hielten sich aber in Grenzen. Verschiedentlich wird die für den kommenden Mai nach Madrid anberaumte Generalversammlung des ECJC bereits heute als potentieller Wendepunkt, zum guten oder zum schlechten, apostrophiert. «Unsere Vision», sagte Alberto Senderey vom American Jewish Joint Distribution Committee, «ist eine Vorwärtsbewegung und nicht die Verteidigung alter Strukturen.»
Von US-Erfahrung profitieren
Die Berliner Tagung war nach Brüssel (1999) bereits der zweite Anlass, an dem die amerikanische Präsidentenkonferenz mit den führenden Juden Europas konferiert hatte. Darin manifestiert sich auch die wachsende Bedeutung der Europäischen Union als geopolitische und wirtschaftliche Macht. Der Zweck der letzten Wochenend-Tagung war nach Hoenlein die Ortung der Probleme, die Einrichtung von Kommunikationslinien mit den Juden Europas, den amerikanischen Aktivisten die europäischen Themen näher bringen und sich Gedanken darüber zu machen, wie die US-jüdische Organisationserfahrung zur Stärkung des europäischen Judentums eingesetzt werden könnte.
JTA


