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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Anachronistisches Denken

October 9, 2008

Am 28. Juni 1967 verdreifachte Jerusalem seinen Umfang. Als Regierung und Knesset beschlossen, die Altstadt und die angrenzenden Zonen zu annektieren, kamen fast 70 000 Dunam zu den 37 200 Dunam hinzu, welche bis dahin Jerusalem ausgemacht hatten. Die neue Stadt wurde zu einem Sammelsurium heiliger und archäologischer Stätten, rückständiger Dörfer und einem gut entwickelten Verwaltungsapparat. Diese komische Situation ist das Ergebnis hochgehender Emotionen der damaligen Entscheidungsträger, deren erstes Anliegen die Sicherheitsbdürfnisse waren. Die für die Sicherheit Verantwortlichen basierten ihre Empfehlungen auf der Vermutung, dass die Westbank an Jordanien zurückgegeben würde, und dass die Beziehungen zwischen den beiden Ländern kompliziert bleiben. Demzufolge müssten ihrer Meinung nach die neuen Grenzen Jerusalems vor dem Hintergrund möglicher neuer Feindseligkeiten mit dem haschemitischen Königreich gezogen werden.
Zwar wurde eine Minister-Sonderkommission für Jerusalem gebildet, doch faktisch stammen Jerusalems neue Grenzen vom damaligen Verteidigungsminister Moshe Dayan. Man hatte ihm eine ganze Serie grandioser Vorschläge unterbreitet: Die Ausdehnung der Grenzen Jerusalems von den Teichen Salomos im Süden bis nach Ramallah im Norden; Fixierung der Grenze bei Bethlehem und Beit Jallah auf der einen, und bei Azariyah auf der anderen Seite, oder dann die Grenze von tief in der Judäischen Wüste im Osten bis nach Bidu und Beit Surich im Nordwesten zu ziehen.
Dayan behielt einen kühlen Kopf und befahl, Flüchtlingslager und dicht bevölkerte Dörfer von der neuen Stadt-Karte auszuschliessen. Andrerseits sorgte er dafür, dass die Stadt zur Erleichterung ihrer langfristigen Entwicklung genügend Bodenreserve zugeteilt bekam. Der Flugplatz Atarot beispielsweise ist Bestandteil der Landkarte.
Jetzt, da die Stunde der Wahrheit sich nähert, in welcher die Beziehungen zwischen dem Staate Israel und dem palästinensischen Volke zu definieren sind, können wir die Natur der Überlegungen kritisch durchleuchten, welche die Entscheidungsträger 1967 motiviert hatten, ebenso wie ihre Weitsicht in Bezug auf Jerusalems Zukunft. Vor rund 33 Jahren betrachtete niemand im israelischen Establishment die Palästinenser als Dialog-Partner; vor 33 Jahren glaubten Minister und Städteplaner ohne jeden Anflug von Zweifel, dass Bedingungen geschaffen worden sind, welche auf Jahrzehnte hinaus eine jüdische Mehrheit in Jerusalem garantieren würden. Noch vor einem Drittel Jahrhundert sah kein israelischer Offizieller eine Aera des Friedens in Israels Beziehungen zur arabischen Welt voraus.
In der derzeit laufenden hitzigen Debatte über die Absicht der Regierung Barak, an Jerusalem grenzende Dörfer der vollen Kontrolle der palästinensischen Behörde zu unterstellen, gelangt ein massiver Anachronismus zum Ausdruck. Obwohl die sicherheitsorientierten Überlegungen von Juni 1967, welche Dayan und seine Kollegen geleitet hatten, durch nachfolgende Entwicklungen als falsch hingestellt wurden, hat man sie am Leben erhalten und in heutige Landkarten und Vorschläge bzgl. eines vereinten Jerusalems integriert. Heute ist es ein Ding der Unmöglichkeit, das Schicksal der Stadt aufgrund von Vermutungen zu bestimmen, die nach dem Sechstagekrieg aus der Sicherheits-Perspektive heraus formuliert worden waren. Ebenso geht es nicht an, die Behauptung zu verbreiten, die derzeitigen Grenzen Jerusalems seien sicherheitsmässig ungenügend.
Mit ihren offenen Drohungen, die Koalition zu verlassen, sollten Dörfer in Jerusalems Nachbarschaft den Palästinensern übergeben werden, lassen Shas, die National-religiöse Partei (NRP) und die Immigrantenpartei Israel be-Alijah die Frage aufkommen, warum sie dem Regierungsbündnis überhaupt beigetreten sind. Alle potenziellen Koalitionspartner wussten sehr wohl, dass Barak danach strebt, mit Arafat ein Abkommen über die endgültige Regelung zu erzielen, welches auch Jerusalem einschliessen würde.
Jerusalems Bürgermeister Ehud Olmert sprang auf den fahrenden Zug und warnte lauthals dagegen, den Palästinensern in den betreffenden Dörfern Macht zuzugestehen. Er behauptet, eine palästinensische Souveränität in Abu Dis «nur 700 Meter vom Tempelberg entfernt» würde Israels Fähigkeit beeinträchtigen, seine Kontrolle über beide Seiten der Stadt zu zementieren. Olmert fürchtet den Tag, an dem Offizielle in künftigen palästinensischen Regierungsbüros in Abu Dis ohne Unterlass Pläne aushecken werden, um Israels Kontrolle über seine Hauptstadt, dem vereinigten Jerusalem, zu untergraben.
Auch wenn die Prophetie von palästinensischen Regierungsbüros in Abu Dis sich eines Tages erfüllen sollte, ist der physische Standort der palästinensischen Macht kaum das entscheidende Argument. Olmert ist imstande, subversive palästinesische Aktivitäten an vielen Orten wahrzunehmen, wie etwa im Orient House oder in Ramallah. Letztenendes wird man nicht darum herumkommen, mit den Palästinensern einen echten Kompromiss über Jerusalem auszuarbeiten. In diesem Zusammenhang scheint die Aufwertung von Abu Dis, Azaryiah und A-Ram von der Zone B in die Zone A (volle palästinensische Kontrolle) nicht von entscheidender Bedeutung zu sein. Es würde sich lohnen, über ein Szenario nachzudenken, welches die Errichtung palästinensischer Regierungsbüros in Abu Dis beinhaltet, und welches das Gegenteil von Modellen rechtsgerichteter Untergangs-Propheten wäre: Ein Zeichen dafür, dass Israel bereit wäre, einige der palästinensischen Forderungen in Bezug auf Abu Dis und andere Orte zu akzeptieren, könnte den Beginn eines Kompromiss-Prozesses über die endgültige Regelung für Jerusalem bedeuten.

Haaretz
Der Autor ist Mitarbeiter der Zeitung «Haaretz».





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