logo
Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Am Ende doch Recht gehabt

October 9, 2008

Die mit Pannen und chaotischer Geschäftsführung mittlerweile reich gesegnete bundesdeutsche Landschaft ist um eine unerfreuliche Affäre reicher geworden: Die umstrittene, von Rechtsaussen, aber auch von konservativer Seite gescholtene Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung «Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944» ist wegen grober Fehler in der Präsentation der historischen Dokumente «für drei Monate» unterbrochen worden, um, wie es in der offiziellen Begründung heisst, die seit 1995 neu entstandenen Forschungsergebnisse einzuarbeiten. Jan Philipp Reemtsma, Chef des Instituts für Sozialforschung in Hamburg, kanzelte öffentlich seine Mitarbeiter ab und distanzierte sich von Hannes Heer, dem Leiter der Ausstellung.Wie konnte es zu dieser Eskalation kommen?
Seit Mai 1995 wanderte die Ausstellung mit wachsender öffentlicher Erregung durch die Republik. In 32 Städten wurde sie zum «Publikumsmagneten», der mehr als 900 000 Besucher in Bann schlug. Demnächst sollte sie sogar nach New York wandern. Schulklassen und Veteranenclubs, ausländische Delegationen und Lehrerverbände fanden sich ein. Die Ausstellungsmacher wurden hoch gelobt. Dass sie im Kreuzfeuer der konservativen und rechtsradikalen Kritik standen, galt ihren Befürwortern als Beweis ihrer moralischen Unanfechtbarkeit. Gegen die deutsche Wehrmacht zu Felde zu ziehen, hatte ihnen - unerwarteterweise - im Lager der Zeitzeugen nicht nur Feinde eingebracht. Bei Veranstaltungen und in Talkshows traten ältere Herren auf, die mit zerknirschten Gesichtern öffentlich über ihre Mitverantwortung als Wehrmachtssoldaten reflektierten. Allein dass diese Debatte - mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des 2. Weltkrieges - endlich in Gang gesetzt worden war, kann den Ausstellungsmachern gutgeschrieben werden.
Soll dies nun alles hinfällig sein? Haben die Stimmen der Ewiggestrigen, der Unbelehrbaren, der Uneinsichtigen und Verbohrten aus dem Lager der Rechtsradikalen Recht behalten? Und haben all jene, die im Büsserhemd umherliefen, nunmehr öffentlich ihr Gesicht verloren?Nein. Dass einige Bilder falsche Untertitel haben und Dokumente falsch zugeordnet wurden, widerlegt nicht die Kernthese der Mitverantwortung der deutschen Wehrmacht, wie auch der polnische Historiker Musial betont. Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass die These der Mitbeteiligung der deutschen Wehrmacht an den Greueln des Völkermordes von vielen nunmehr mit Hinweis auf die Fehler in dieser Ausstellung ein für allemal abgewiesen werden wird.
In München formierte sich 1997 der Protest der lokalen Politiker am lautesten gegen diese Ausstellung, die Zeitgeschichte dokumentieren wollte und dabei selbst unvermutet zu einem Stück Zeitgeschichte geworden war. Andernorts kam es wie in Saarbrücken sogar zu Bombenattentaten. Und während Rechtsradikale aufmarschierten, lud Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) die Ausstellung ins Rathaus ein und wird dafür heute als «unkritischer und eilfertiger Befürworter» gescholten. Johannes Singhammer, Chef der Münchner CSU, weist auf die Ungereimtheiten und «historisch falschen Zuordnungen» hin. Dabei verschweigt er freilich, dass wohl nicht nur aufgrund von «Vorsicht und Seriosität» es bis dahin in der CSU verpönt gewesen war, die Frage nach der Rolle der Wehrmacht überhaupt nur zu stellen.
Dass eine so wichtige Ausstellung in dieser Weise demontiert werden kann, wäre vermeidbar gewesen. Die beiden Historiker Bogdan Musial aus Polen und Krisztian Ungvary aus Ungarn forderten Ausstellungsmacher Hannes Heer wiederholt zu Korrekturen an den 1433 Fotodokumenten auf. Erst als diese nicht reagierten und ihre Kritik kurzerhand der bekannten rechtsextremen Quelle zuordneten, ging Musial an die Öffentlichkeit und wies nach, dass die Fotodokumentation fragwürdig war und den behaupteten Sachverhalt, dass Soldaten der Wehrmacht an den Erschiessungen der Zivilbevölkerung in grossem Massstab beteiligt waren, nicht beweisen konnte. Im Gegenteil. Wie sehr der Schein trügen kann und Bilder lügen können, zeigt ein Foto mit lässig Zigarette rauchenden, grinsenden und feixenden deutschen Soldaten, die neben Leichnamen im Strassengraben für den Fotografen posieren. Das Offenkundige, dass die so Gezeigten zwangsläufig als Verursacher des Verbrechens und Mörder der hingemetzelten Zivilisten gelten, führt in die Irre, denn in diesem Fall wurde das Verbrechen vom Sowjet-Geheimdienst NKWD begangen. Um den Schaden zu begrenzen, setzte Jan Philipp Reemtsma, der sich mittlerweile sogar gegen den Vorwurf der bewussten Täuschung zur Wehr setzen muss, eine Historikerkommission ein, in der auch die beiden prominenten Kritiker eingebunden sind. All dies jedoch kommt zu spät, und es rächt sich, dass er und sein Mitarbeiterstab bisher begründete Kritik so erfolgreich und oft unter Androhung von Rechtsmitteln abwehrten. Das Urteil der Fachwelt, dass sein bis dahin renommiertes Institut die Methoden der Geschichtsforschung zwar zu vertreten behauptet, sie jedoch nicht anzuwenden gewillt ist, wird ihm bleiben. Wie leicht hierzulande allerdings das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird und berechtigte Kritik zu unberechtigter Verurteilung wird, zeigen einige Kommentatoren. Von Dilettantismus, ja von Betrug ist die Rede, und Vergleiche mit dem Hochstapler Wilkomirski kommen auf. Der «Focus» bezweifelt gar, dass die Ausstellung je wieder zu sehen sein wird. Der Kernthese, der Mitverantwortung der Wehrmacht, glaubt man sich endlich entledigt zu haben. Dabei ist nur eine neue Wiederholungsschleife eröffnet worden: Anstatt den alten Fehler durch Hinzugelerntes ein für allemal aus der Welt zu schaffen, haben sich lediglich andere Rechthaber ans Ruder gesetzt und behaupten nun, das letzte Wort behalten zu haben. Zum Jubel ist für die Kritiker der Ausstellung kein Anlass. Das eigentliche Spektakel liegt woanders: In einer Gesellschaft, in der es heilige Kühe zuhauf gibt, geraten kritische Geister, egal welchem Lager sie zugeschlagen werden, leicht zu Volksfeinden, die ausgegrenzt und diffamiert werden. In der sich so vielen Gesprächsrunden andienenden multimedial globalisierten Kulturlandschaft prallen in bunten Comicgewändern Ideologien und Klischees aufeinander. Schon die Goldhagen-Debatte zeigte, wohin eine hoch emotional und nicht verstandesklug geführte historische Beweisführung führen kann. Auch in der Wehrmachtsausstellung wurden Bilder eingesetzt, um passioniert alte Vorurteile zu widerlegen. Doch die Bilder, so erweist sich nun, standen im Dienst anderer Fehlurteile. Und die richten sich jetzt gegen jene, die eigentlich alles hatten besser machen wollen.





» zurück zur Auswahl