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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Alter jüdischer Friedhof in Gefahr

von Katarina Holländer, October 9, 2008
In Prag ist ein mittelalterlicher Friedhof auf der Parzelle einer Versicherungsanstalt gefunden worden. In ganz Europa gibt es nur sehr wenige solcher Stätten, die untersucht worden sind: Bauinteressen, Forschung und Halacha liegen über den Toten in Widerstreit.

Es sah so aus, als würde der kaum entdeckte Friedhof gleich nach seiner Entdeckung liquidiert. Wie die JR bereits im Dezember 1997 meldete, sind in Prag zunächst Grabsteinfragmente und rund ein Jahr später im Zentrum der Stadt in situ Reste des ältesten jüdischen Friedhofs des Landes gefunden worden, der älter ist als der berühmte «Alte jüdische Friedhof» Prags. Man wusste aus den Quellen um die Existenz des «Hortus iudaeorum», des «Judengartens» in dieser Gegend, und dass er im Jahre 1478 aufgelassen worden ist. Dass er sich aber in solchem Ausmass, wie es jetzt an den Tag getreten ist, erhalten hat, vermutete kaum jemand. Als eine tschechische Versicherungsgesellschaft im Bereich der heutigen Vladislavova-Strasse Tiefgaragen zu bauen begann, stiess die angeordnete archäologische Rettungsgrabung überraschenderweise auf mittelalterliche Gräber. Die Neugier war natürlich gross: Jüdische Friedhöfe aus jener Zeit untersuchen zu können, ist eine Rarität höchsten Grades.
Aus der Sicht der Halacha allerdings dürfen Gräber nicht zerstört werden; die Untersuchungen wurden deshalb von jüdischer Seite aufmerksam verfolgt. Ausgegrabene menschliche Gebeine sind - nach anthropologischen Untersuchungen - der jüdischen Gemeinde übergeben und auf dem neuen jüdischen Friedhof begraben worden. Es liefen Verhandlungen an, um die Begräbnisstätte zu retten. Die Versicherung bot an, in ihrem Areal eine Ausstellung oder eine Art Andachtsraum einzurichten. Landesrabbiner Karol Sidon jedoch versuchte, die Zerstörung zu minimieren und die Grabstätte als solche zu erhalten - zumindest, was nach den Grabarbeiten und später auch nach Regenfällen, die dem ungeschützten Gelände zusetzten, nun noch davon übrig geblieben ist. Als der Kulturminister versprach, das Gelände zum geschützten Kulturgut zu erklären, hoffte man, die Reste zu retten. Die Untersuchungen wurden bis zur definitiven Entscheidung unterbrochen.
Im September gab das Ministerium aber unerwarteterweise grünes Licht für die Fortsetzung der Rettungsgrabung. Sogar die Denkmalschützer waren vor den Kopf gestossen. Nach den monatelangen Verhandlungen sah Sidon in dieser Situation nur noch eine Möglichkeit, die Gräber zu retten: Die jüdische Gemeinde rief zu einer Demonstration auf und schaltete die Medien ein. Die Weisung des Kulturministeriums, so erklärte der Rabbiner, bedeute de facto die Zerstörung der bis heute konservierten Teile des Friedhofs. Wenn eine Institution, deren Aufgabe es ist, Denkmäler zu schützen, dem Bau von Garagen den Vorrang vor dem Schutz einer unikaten und für eine religiöse Gruppe bedeutenden Stätte gebe, erinnere das allzu sehr an das vorangegangene Regime, unter dem so viele jüdische Synagogen und Friedhöfe systematisch zerstört worden sind; unter anderem wurde der Fernsehturm, ein Mahnmal der kommunistischen Rücksichtslosigkeit, nicht nur mitten in die Stadt gepflockt, sondern er steht zudem ausgerechnet auf einem berühmten jüdischen Friedhof.
Die Ausgrabungen im «Judengarten» haben einiges Überraschendes zutage gebracht. Der Friedhof ist hier die älteste Spur menschlicher Besiedlung. 88 Gräber konnten bereits untersucht werden, doch ist eine nähere Datierung bisher noch nicht möglich. Bei einigen Toten fand man Schieferplättchen auf den Augen und im Mund, manchmal scheinen Steine zu den Füssen gelegt worden zu sein. Ausserdem stiess man auf ein einzigartiges Gemeinschaftsgrab mit Skelettteilen, in dem auch Tierskelette lagen. Es könnte sich um die Toten eines Pogroms handeln, wie Zden×ek Dragoun von der Denkmalschutzbehörde vermutet. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, die Zahl der erhaltenen Gräber ist noch unbekannt, es dürfte sich aber um rund hundert handeln. Der Protest hat Erfolg gezeigt. Zurzeit ist die Untersuchung erneut unterbrochen worden. Denkbar ist, dass die Friedhofsschicht «an Ort» erhalten bleibt, der Ort aber im Bau der Versicherung eingegliedert wird. Denn die Versicherung verfügt über eine gültige Baubewilligung. Ein erneuter «Garten» wird daraus bestimmt nicht werden.





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