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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Alt-neuer Netanyahu

von Jacques Ungar, October 9, 2008

Mit ihrem kurzsichtigen und egoistischen Vorgehen ist es den Palästinensern nicht nur gelungen, den Nahen Osten gefährlich in die Nähe eines neuen Krieges zu rücken. Sie beeinflussen zudem das innenpolitische Geschehen in Israel weit mehr als sie zuzugegeben bereit sind, und vor allem in einer Weise, die langfristig zum Bumerang gegen ihre ureigensten Interessen werden dürfte. Die Unruhen und die mit ihnen verbundene mehr als verständliche, von Tag zu Tag wachsende Frustration der Israelis löste unter den Einwohnern des jüdischen Staates nämlich eine stetig um sich greifende Bewegung weg von der Friedens- und Kompromissbereitschaft und zurück zur Bunker- und Festungsmentalität aus. Zuoberst auf der Prioritätenliste steht heute wieder das Sicherheitsdenken. Dabei sprechen wir hier nicht von dem für jeden Staat legitimen und vertretbaren Masse an Vorsichtsmassnahmen und gesundem Misstrauen. Vielmehr gewinnt in Israel heute wieder jene Geisteshaltung die Oberhand, der zufolge jeder Bürger mit dem Rücken zur Wand gegen die ihn umgebenden Feinde zu kämpfen hat. Es wird mit dem Säbel gerasselt, man rückt zusammen, um der drohenden Vernichtung besser die Stirne bieten zu können. Eine Szene und eine Stimmung, wie Benjamin Netanyahu sie selber für seine Rückkehr in die israelische Politik kaum besser und wirkungsvoller hätte zusammenschustern können. Nur anderthalb Jahre, nachdem er den Sessel des Premierministers nach einer Amtsausübung voller Skandale und dumm-dreisten Entscheidungen an Ehud Barak verloren hatte, greift Netanyahu mit blauäugigem Augenaufschlag, kriegerisch-warnenden Tönen und seiner Sarah im Hintergrund erneut nach der höchsten Krone im Lande. Nicht, dass Baraks Handeln frei von Fehlern gewesen wäre, aber immerhin hatte man während der letzten 18 Monate nicht das Gefühl, von einem Egozentriker, der in Israel am liebsten das präsidentielle System amerikanischer Prägung einführen würde, tagtäglich und vorsätzlich hinters Licht und an der Nase herumgeführt worden zu sein.
Jedes Land bekommt, so besagt eine alte Weisheit, die Regierung, die es verdient. Israels Bevölkerung hat noch wenige Wochen Zeit, um der Welt zu beweisen, dass es Besseres verdient als einen Netanyahu in alt-neuer Auflage.





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