Allmählich senkt sich der Vorhang
Nicht lange hielt unter den Juden Rumäniens das Gefühl der Erleichterung an, das nach dem Sieg des Sozialdemokraten Ion Iliescu über seinen Gegner, den Antisemiten Vadim Tudor, im Kampf um das Amt des Staatspräsidenten zu verspüren gewesen war. Wenige Tage nach den Wahlen drangen Vandalen ins Jüdische Museum von Bukarest ein und schrien: «Wo ist die Seife aus Menschenfett?» (angefertigt aus den Überresten der Opfer im KZ Auschwitz). Sie attackierten zwei Angestellte, beides Holocaust-Überlebende, und vor ihrer Flucht zerbrachen sie Fensterscheiben und zerstörten Ausstellungsgegenstände. Präsident Iliescu veröffentlichte eine scharfe Verurteilung. Er erklärte antisemitische Zwischenfälle nicht dulden zu wollen und versprach, die Täter zu bestrafen.
Die Juden sind sich aber im Klaren darüber, dass die Gefahr damit nicht gebannt ist. Die kleine jüdische Gemeinde des Landes lebt sowohl in Angst vor gewalttätigen Attacken, als auch unter der Drohung der demografischen Eliminierung innert weniger Jahre. Die antisemitische Bedrohung stammt von der rechtsgerichteten Gross-Rumänien-Partei, zu deren Wahlslogans das Motto gehörte, Iliescu würde Rumänien an eine «jüdische Verschwörung» verkaufen.
Die Gross-Rumänien-Partei ist die stärkste Oppositionspartei. Ein Drittel ihrer Wähler sind junge Menschen, und die Wirtschaftsprobleme des Landes bilden einen fruchtbaren Nährboden für ihre hasserfüllten Parolen. Ein Drittel der rumänischen Bevölkerung muss mit 3 Dollar pro Tag auskommen, 18% gar mit einem Dollar. Haupt-Zielgruppe der rassistischen Hetze ist die ungarische Minderheit, deren Lebensstandard höher ist als jener der meisten Rumänen. 2 Millionen der total 12 Millionen Einwohner Rumäniens gehören dieser Minorität an. Sekundäre Ziele der Rassisten sind Zigeuner, Deutsche und Juden, die aber gleichermassen unter den Zwischenfällen zu leiden haben.
In den Wahlen von 1996 erhielt Tudors Partei nur 5% der Stimmen, doch in den anschliessenden vier Jahren konnte sie ihre Macht beinahe vervierfachen. Trotz der Hoffnungen, die der Sieg des ehemaligen Kommunisten Iliescu entfacht hat, glauben nur wenige, dass er wirklich die umfassenden Wirtschaftsreformen durchführen wird, die im Westen als die einzige Chance auf eine Wiederherstellung der Ökonomie angesehen werden, und die imstande wären, der rechtsextremen Propaganda den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Vor dem Holocaust hatten in Rumänien fast 1 Million Juden gewohnt. Die Gemeinde war nach der sowjet-russischen und der polnischen die drittgrösste Osteuropas. In den Todeslagern kamen rund 400 000 rumänische Juden ums Leben, während weitere zehntausende von Faschisten in Rumänien ermordet wurden. Trotzdem lebten nach dem Krieg in keinem Land Osteuropas, die UdSSR ausgenommen, so viele Juden wie in Rumänien. Die meisten der Holocaust-Überlebenden wanderten nach Israel aus.
Heute leben gemäss einer Studie des Jüdischen Weltkongresses (JWK) rund 12 000 Juden in Rumänien; nur 1000 von ihnen sind noch keine 40 Jahre alt. Die meisten dieser Juden sind betagte Holocaust-Überlebende, die nach der Gründung des Staates Israel nicht dorthin übersiedelten. Die JWK-Studie hält fest, dass im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen die Gemeinden sich vor allem darauf konzentrierten, die kulturellen Aspekte des Judentums zum Ausdruck zu bringen, in Rumänien das Schwergewicht auf dem religiösen Leben lag.
Im Gegensatz zu den anderen kommunistischen Staaten erlaubte Rumänien unter Ceausescu jüdisches Gemeindeleben und sogar die Immigration nach Israel, wobei die Jerusalemer Regierung für jeden Einwanderer ein Kopfgeld zahlen musste. So gelangten in der Zeit des Regimes Ceausescu hunderttausende Juden nach Israel. Ceausescu unterdrückte den Antisemitismus und zwang ihn in den Untergrund, wo er bis nach dem Fall des Kommunismus verweilte. Ähnlich wie in anderen Ländern, die von den Nazis besetzt worden waren, oder als «Unabhängige» mit ihnen kollaborierten, gab es auch in Rumänien einen Versuch, die Geschichte neu zu schreiben. Die Bemühungen sind darauf ausgerichtet, den Namen des Diktators Ion Antonescu reinzuwaschen und die Erinnerungen an die jahrelang verübten antisemitischen Attacken zu verwischen.
Heute zählt man in Rumänien 900 jüdische Gemeinden, von denen viele aber nur wenige dutzend Mitglieder zählen. Zahlreiche Synagogen stehen leer, weil keine Gemeinden sich um sie kümmern. Ein Beispiel ist die Grosse Synagoge von Timisoara, die als eines der schönsten Beispiele für jüdische Sakral-Architektur gilt. Um die Synagoge zu renovieren, wären hunderttausende von Dollar nötig, doch der Gemeinde fehlt das Geld. Die rumänische Regierung hat den jüdischen Gemeinden einige der Liegenschaften zurückgegeben, welche Nazis und Kommunisten konfisziert hatten. Alles Einkommen aber, das aus diesen Quellen stammt, wird zur Unterstützung und Versorgung von tausenden alter, bedürftiger Juden benutzt. Wenig wird zur Wiedererstattung des privaten Vermögens getan. Die Ansprüche sind enorm.
Iliescus Sieg ist ein Segen für Rumäniens Minderheiten, einschliesslich die kleine jüdische Gemeinde. Die Zweifel hinsichtlich der Durchsetzung der nötigen Wirtschaftsreformen sind auch dazu angetan, die Hoffnungen der wenigen verbliebenen jungen Juden auf eine Verbesserung ihrer Situation zu dämpfen. Man kann daher davon ausgehen, dass Teenager und junge Ehepaare weiter nach Israel auswandern und die restlichen Gemeinden immer kleiner werden.
Die Studie des JWK gelangt zu einer pessimistischen Schlussfolgerung: «Angesichts der extrem deprimierenden Kurzfrist-Prognose für Rumänien dürften die wenigen jungen Juden, die bisher noch im Lande geblieben sind, ihre Entscheidung neu überdenken. Sollte dies der Fall sein, dürfte sich allmählich der Vorhang über eine der einst prachtvollsten jüdischen Gemeinden Europas senken.»
Haaretz


