1:0 für Haider
Haider ohne Ende. Doch der FPÖ-Populist ist nicht das eigentliche Problem, sondern die sogenannt konservative Regierung unter dem neuen Bundeskanzler Schüssel, die aus reiner Machtgier das unliebsame Bündnis mit ganz rechts einging. Schüssel lässt unzweideutig erkennen, dass es ihm mehr um seine Karriere als um das Wohl seines Landes geht. Sonst hätte er die fatale Liäson nicht gewagt und Österreichs Isolation riskiert. Haider ist daher wenig vorzuwerfen. Von Anfang an machte er keinen Hehl aus seiner Gesinnung, zuletzt im Interview mit «Die Welt « am Dienstag. Jeder der hinhörte, wusste, was da kommt. Jeder der wollte, hätte seine Stimme schon längst erheben können. Wie jetzt aber richtig handeln und reagieren? Während Politiker die Isolationskur verschreiben, werden die Medien unfreiwilig zum grössten Werbeträger Haiders: denn sie können und wollen nicht boykotieren. Ein Dilemma, das auch so manch kuriose Situation mit sich bringt. Etwa wenn der Fernsehsender ntv den quotenwirksamen Haider zu Talkmaster Böhme lädt, wohlwissend das quotenwirksame Demonstranten im Publikum sitzen und zur gleichen Zeit auf anderen Kanälen vorwiegend jüdische Exponenten zum Thema Stellung nehmen. Dass Europa nicht wegschaut, wenn sich unter dem Deckmantel der Demokratie ein für das noch junge europäische Gebilde ein beunruhigendes Geschwür auszubreiten droht, ist richtig und nur sehr bedingt eine voreilige Überreaktion (vgl. JR Nr. 5). Demonstrationen und etwa die Vereinigung von Kulturschaffenden Österreichs gegen Haider zeigen eindrücklich die Kluft zwischen Volk und Politik. Inzwischen hat sich aber eine unglückliche Eigendynamik der Manifestationen entwickelt, vor allem auf jüdischer Seite. Eine in Wien geplante Konferenz der europäischen Rabbiner wird verlegt, das Herzl-Symposium in Frage gestellt und eine internationale Bne-Akiwa Skiwoche im Tirol auf einmal nach Italien verlegt. Haider wirds freuen, jetzt sind die Juden endlich weg. Anstatt Präsenz zu markieren, anstatt Position zu beziehen, anstatt gegen Haider anzutreten, tauchen jüdische Organisationen ausgerechnet jetzt in scheinheiliges Moralbewusstsein, hinkende historische Vergleiche und Unverhältnismässigkeit ab. Jeder möchte teilhaben am Wettbewerb des übereifrigen Reagierenmüssens mit fragwürdigem Resultat. Auch deshalb spricht alles über und von Haider. Wie wenig dabei das Ziel im Auge behalten, Wichtigtuerei in den Vordergrund gerückt wird, zeigt etwa ein Rundschreiben des Bne-Akiwa Schaliach Europa. Er begründet darin mit haarstreubenden Interpretationen die Geschehnisse in Wien, welche die Verlegung besagter Tiroler Skiwoche, die dank Haider auf einmal zur internationalen Konferenz deklariert wird, erklären soll. Aufgepasst, dass wir uns nicht mit Haiders Mitteln schlagen. Denn gerade in der Erziehung sollte nicht mit politischen Methoden hantiert werden. (vgl. S. 7 und 16)


