60 000 gegen Rassismusauf der Strasse
60 000 Demonstranten (Zahlenangaben der Medien- und Polizeiberichte variieren beträchtlich) bekundeten ihren Unwillen vor allem über rassistische und ausländerfeindliche Inhalte des FPÖ-Wahlkampfes, bei dem unter anderem der aus der Schweiz entlehnte Slogan «Stopp dem Asylmissbrauch» sowie auf gelbem Hintergrund «Stopp der Überfremdung» plakatiert worden war, vor dem Parlament und auf dem Stephansplatz in der Stadtmitte Wiens. Die Hauptorganisatoren der mehr als fünfstündigen Kundgebung, die sich zur Plattform «Demokratie Offensive» zusammengeschlossen haben, sind die Israelitische Kultusgemeinde, der während des Wahlkampfes von Kurt Waldheim 1986 gegründete Republikanische Club Neues Österreich und die vor sechs Jahren als Reaktion auf ein Anti-Ausländer-Volksbegehren der FPÖ gegründete Menschenrechtsorganisation SOS-Mitmensch. Gemeinsam mit mittlerweile 200 weiteren Organisationen und mehr als 5000 Einzelunterzeichnern lehnen sie die Hetze gegen Minderheiten ab und treten für die Anpassung des gesamten Fremden- und Asylrechts und an die - humaneren - internationalen Massstäbe ein.
Im Vorfeld musste die Plattform sowohl die mediale Kritik von einigen Intellektuellen hinnehmen, als auch die Vereinnahmung durch Regierungspolitiker verhindern. Vor allem Innenminister Schlögl, der für den Tod des nigerianischen Schubhäftlings Marcus Omofuma sowie für die Umsetzung der restriktiven Immigrationsgesetze verantwortlich gemacht wird, wurde ausdrücklich nicht eingeladen, nachdem er sein Kommen über die Medien angekündigt hatte. IKG-Präsident Muzicant musste sich der Kritik einiger IKG-Mitglieder stellen, die die IKG einerseits nicht an vorderster Stelle exponiert sehen wollen und durchaus Angst vor zu viel Öffentlichkeit haben, andererseits finden sich auch innerhalb der IKG Stimmen, die den Kontakt zur FPÖ nicht ganz ausschliessen möchten (mit Peter Sichrovsky ist ein prominentes IKG-Mitglied schliesslich sogar FP-Abgeordneter im Europäischen Parlament).
Die christlichen Kirchen hielten sich zurück und liessen zumeist ihre Laienorganisationen an die Front, weil ihnen der Aufruf zu eindeutig gegen die FPÖ gerichtet war. Man könne sich als Bischof nicht in die «Tagespolitik» einmischen, so etwa der Wiener Erzbischof Kardinal Schönborn. Harsche Kritik an der Kundgebung kam von der FPÖ. Haider stempelte die Veranstalter im Rahmen einer Grundsatzrede wenige Stunden vor der Kundgebung als linke Gesinnungsterroristen ab, für einen FP-Landesfunktionär war die Gefahr eines Bürgerkriegs spürbar.
International kam Zustimmung und aktive Beteiligung neben Fodé Sylla, Abgeordneter zum Europaparlament und Präsident von SOS Racisme, aus Frankreich auch aus der Schweiz: Jean Ziegler bewunderte die Österreicher dafür, dass sie für eine moralische Grundsatzfrage auf die Strasse gingen und mit dieser Veranstaltung die Ehre Europas retteten, und der Schweizer Asylkoordinator Cornelius Koch grüsste namens der «anderen Schweiz» das «andere Österreich».


