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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

424 Millionen Dollar auf Anhieb

von Joseph Canaan, October 9, 2008
Immer mehr ausländische Grossunternehmen erwerben Filetstücke israelischer High-Tech-Firmen. Dabei geht es Schlag auf Schlag. Die britische Marconi Co. akquirierte zum Monatsbeginn die Firma RUS aus Tel Aviv, die auf die drahtlose Kommunikation von EDV-Netzen spezialisiert ist. Die Briten zahlten für 100% der Stammaktien 39 Mio. $ in bar. Fast am selben Tag übernahm der amerikanische Software-Riese CA die in der Kleinstadt Yokneam bei Haifa beheimatete Firma Security 7 und zahlte 40 Mio. $, auch in bar. Security gilt als Spezialist im Bereich der Verschlüsselungstechnologien von Computerprogrammen. Sie wurde erst 1997 gegründet und machte sich auf Anhieb einen Namen dank der effektiven Abschirmung ihrer Software-Programme gegen Späher, Nachahmer und Wirtschaftsspione.
Attraktiv: Israels Computer-Industrie lockt ausländische Investoren. - Foto Reuters

Israels schnell expandierende High-Tech-Branche sorgt kontinuierlich für Schlagzeilen. Oft überstürzen sich Ereignisse und Entwicklungen, die selbst eingeweihte Branchenkenner und Wertpapieranalysten überraschen. Zu den letzten spektakulären Paukenschlägen zählte die Akquisition der Firma Libit Signal Processing durch den US-Halbleiterhersteller Texas Instruments (TI), der diesen Deal mit 365 Mio. $ in bar berappte. Mit diesem Ankauf verschaffte sich TI einen wichtigen, vielleicht sogar entscheidenden Vorsprung im Bereich der Herstellung von Breitbandausrüstungen für Modems und leistungsstarke Kabelnetzkomponenten. Fazit: In wenigen Tagen wechselten drei israelische Start-up-Firmen für bare 424 Mio. $ die Besitzer.
Fast im selben Atemzug wurde das neue Intel-Chipwerk in der Kleinstadt Kiryat-Gat südlich von Tel Aviv in Anwesenheit von Intel-Präsident Craig Barrett eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben. Mit einer Investition von 1,6 Mrd. $, davon 600 Mio. $ verlorene Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln, entstand in Rekordzeit ein Unternehmen, das mit der Herstellung der neuen Generation von 0,18-Micron-Mikroprozessoren bereits begonnen hat. Diese innovativen und superdünnen Chips sind schneller, leistungsstärker und preiswerter als alle bisher bekannten Halbleiter. Die Entwicklung und Erprobung des neuen Wunderprozessors erfolgten in Intels Forschungszentrum in der Nähe der Hafenstadt Haifa. Die gesamte Chipproduktion in Israel ist für den Export bestimmt und soll in wenigen Jahren ca. 1 Mrd. $ erreichen. Intels Zweigwerk in Jerusalem meldete für 1998 Ausfuhrerlöse in Höhe von 345 Mio. $.

Israelisches High-Tech im Fadenkreuz

Intel und TI sind nur zwei der zahlreichen internationalen Elektronikriesen, die den israelischen High-Tech-Sektor in ihrem Fadenkreuz haben und sich mit gezücktem Scheckbuch auf der intensiven Suche nach Filetstücken befinden, die sich durch spezifisches Know-how, dynamische Innovationskraft, Originalität der Entwicklungen und Produkte sowie Leistungsfähigkeit der Belegschaften auszeichnen. Erst vor wenigen Wochen schluckte TI die israelische Firma Butterfly, die als internationaler Spezialist im Bereich von «advanced spread spectrum wireless communications» bekannt und geschätzt ist. TI-Senior-Vizepräsident für besondere Aufgaben, John Scarisbrick, kündigte bei der Vertragsunterzeichnung mit Libit die Absicht des in Houston, Texas, beheimateten Elektrogiganten an, die Möglichkeiten und Chancen im israelischen Hochtechnologiesektor noch genauer unter die Lupe zu nehmen. Besonders im Bereich der zahlreichen Start-ups werde an besonders interessanten, in die Zukunft weisenden Projekten gebastelt, die dem internationalen Grossunternehmen im knallharten Wettbewerb bei der Einführung innovativer Technologien und neuer Anwendungen von entscheidendem Vorteil sein könnten. In dem oft mit harten Bandagen geführten Konkurrenzkampf um die Gunst der israelischen Winzlinge liessen kapitalstarke Firmen aus den USA schwere Geschütze auffahren. Bereits zum Jahresbeginn versuchte TI einzusteigen und lockte mit einem Scheck über 110 Mio. $, den die amerikanische Lucent Inc. mit einem Angebot in Höhe von 260 Mio. $ überrundete. TI wollte schon das Handtuch werfen und sich auf die Suche nach einem Ersatz begeben, als dank einer Indiskretion bekannt wurde, dass unerwartete Schwierigkeiten die Umsetzung der Akquisition verzögerten. Daraufhin reagierte TI blitzschnell und trieb den Kaufpreis auf 365 Mio. $. In knapp vier Tagen war der Deal perfekt und Lucent ausgetrickst.

Schwerpunkt Software und Telekommunikation

In den ersten fünf Monaten dieses Jahres haben ausländische Unternehmen und Investoren ca. 1,82 Mrd. $ in den Erwerb von 15 israelischen High-Tech-Firmen mit Schwerpunkt in den Bereichen Software und Telekommunikation angelegt und damit einen neuen Rekord aufgestellt. Bloss zwei nichtamerikanische Unternehmen - die Cinar Corp. aus Kanada und die französische Dessault Systems - waren in diesem Zeitraum mit bescheidenen 65 Mio. $ mit von der Partie. Deutsche Elektrofirmen, die dem Hochtechnologiebereich des jüdischen Staates immer wieder Lob und Anerkennung zollen und die Notwendigkeit von enger wirtschaftlicher Zusammenarbeit hervorheben, fehlen in der internationalen Hitliste. Ihr Argument «Wir können mit den reichen Amerikanern nicht konkurrieren» klingt nicht sehr überzeugend. Uri Har, Hauptgeschäftsführer des israelischen Fachverbandes Elektronik und Software, reagierte auf die Akquisitionsflut mit geteilten Gefühlen. Für viele Unternehmer ist das lebhafte Interesse der Ausländer bester Beweis für die Globalisierung der israelischen High-Tech-Branche und Zeugnis für ihre hohe technische Leistungsfähigkeit. Andere wieder leiden unter irrationellen Ängsten der Abwanderung von Firmen und warnen vor den Folgen des Ausverkaufs. Angesichts dieser auseinanderklaffenden Meinungen wurde ein Expertenausschuss mit der Erstellung einer Studie über die eventuellen Auswirkungen der Akquisitionenwelle auf die einheimische Branche beauftragt. Der erste Eindruck ist, dass die Ausländer nicht nur die grössten Rosinen herauspicken. Die Abteilungen für Forschung und Entwicklung von erworbenen Firmen bleiben in Israel, während die Produktionsabläufe ins Ausland verlagert werden. Diese Praktiken führen zum Verlust von Arbeitsplätzen, Exporterlösen und anderen Einbussen.





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