Thora als Dichtung
In Kapitel 32 folgt dann das Lied, das mit dem Namen unserer Sidra, Haasinu, beginnt und 43 Verse umfasst. Danach heisst es: «Moses kam und sprach alle die Worte dieser Dichtung in die Ohren des Volkes, er und Hosea bin Nun. Und Moses beendete das Sprechen dieser Worte zu ganz Israel. Und er sprach zu ihnen. Habt acht zu allen Dingen, die ich euch heute bezeuge, die ihr euren Kindern befehlen werdet, alle Worte dieser Thora zu hüten und zu tun, denn es ist euer Leben, und mit dieser Sache werdet ihr die Tage auf dieser Erde verändern, die dort zu erben ihr den Jordan überquert» (34:44–47). Zwei Befehle also hat Moses bekommen und beide ausgeführt: Die Dichtung aufzuschreiben und sie dem Volk beizubringen. Es scheint zunächst klar, dass wenn von «dieser Dichtung» die Rede ist, das Lied «Haasinu» gemeint ist. Dieser Ansicht ist Raschi, und Nachmanides weist sogar speziell auf die besondere Textstruktur von Haasinu hin, die Zäsur zwischen den beiden Satzteilen, die für eine (wie Nachmanides betont: gesungene) Dichtung charakteristisch ist.
Allerdings haben schon im Talmud die Gelehrten den Begriff «Dichtung», wie er in Wajelech und Haasinu verwendet wird, auf die gesamte Thora bezogen. Tatsächlich fällt auf, dass sowohl in Wajelech wie auch in Haasinu dort, wo von «dieser Dichtung» die Rede ist, fast unmittelbar danach von den «Worten dieser Thora» die Rede ist. Es wäre nicht einsehbar, erklärt dazu auch Gersonides, dass die Thora das Lied von Haasinu in seiner Wichtigkeit gegenüber all ihren anderen Inhalten irgendwie hervorheben sollte. Gersonides beschränkt sich darauf zu erklären, dass mit der «Dichtung» nicht nur «Haasinu» gemeint ist; er äussert sich aber nicht dazu, weshalb die Thora «Dichtung» genannt werden soll. Durch die Entwicklung des Dichtungsbegriffs in der Moderne kann zwischen Lyrik und Prosa keine verbindliche Grenze mehr gezogen werden. Erstaunlicherweise hat aber im 19. Jahrhundert Rabbi Naftali Zwi Jehuda Berlin (Neziw), der Leiter der Jeschiwa von Wolozyn, in seinem Kommentar «Haamek davar» eine Erklärung gegeben, in welchem Sinne die Thora, die doch äusserlich keineswegs lyrische Züge trägt, als Dichtung bzw. Gedicht betrachtet werden kann oder muss. Das Gedicht, so Neziw, verlangt nach Deutung, es ist in seiner Aussage weniger klar als die in Prosa gehaltene Erzählung. Nur wer es versteht zu analysieren und die Deutung eines Gedichts aus dessen Sprache herauszulesen, kann mit dem Gedicht etwas anfangen. Wer bloss die Deutung selbst anhört und dann meint, den Grundinhalt schon begriffen zu haben, kommt zu Fehlschlüssen. Die Thora ist ein Text ohne grosse Erläuterungen, er bleibt unendlicher Analyse offen. Neziw gibt hier als das Hauptkriterium von Dichtung ihren symbolischen Gehalt an, die Fülle zu erschliessender Hinweise.
Aufgrund der von Neziw gegebenen Erklärung lesen wir «Denn nicht eine leere Sache ist es von euch». Wieso dieser Zusatz «von euch»? Hätte es nicht genügt zu sagen, die Thora sei keine leere Sache? Im Talmud Jeruschalmi (Pea 1:1) heisst es kurz: «Und wenn sie leer ist – dann kommt das von euch. Weshalb? Weil ihr euch nicht um die Thora bemüht.» Das heisst, dass das Lernen der Thora ebenso wie ihre Wichtigkeit in jedem einzelnen Detail liegt. Der Babylonische Talmud (Sanhedrin 99b) erzählt vom König Menasche ben Chiskia, der über die Thora spottete und fragte, ob Moses nichts Besseres zu tun gehabt hätte, als aufzuschreiben, dass eine gewisse Timna, die Schwester Lotans, die Nebenfrau von Esaus Sohn Elifas war. Die Rabbiner zeigen ihm daraufhin, dass sich aus dieser Information Wesentliches ableiten lässt: Timna, eine fremde Königstochter, wollte Teil des israelitischen Stammes werden, wurde aber von allen Urvätern abgewiesen. Schliesslich wurde sie die Nebenfrau von Esaus Sohn, um lieber eine Magd im Stamme Abrahmas als eine Fürstin in einem anderen Stamm zu sein. Timna gebar aber Amalek, dessen Nachkommen Israel bedrängten. Daraus lässt sich ableiten, dass die Urväter sie nicht hätten abweisen dürfen, da sie eine Gottesdienerin werden wollte. Damit widerlegen die Rabbiner die angebliche Unwichtigkeit dieses Verses und weisen auf die umfassende, ausnahmslose Wichtigkeit aller Textteile der Thora hin.


