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10. Oktober 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 41/42 Ausgabe: Nr. 41 » October 9, 2008

«Keine Berner Spezialität»

Von Peter Abelin, October 9, 2008
Sie habe eine sehr harmonische Gemeinde übernommen, sagt Edith Bino, seit gut 100 Tagen Präsidentin der Jüdischen Gemeinde Bern. Sie ist die dritte Frau in Folge in diesem Amt.
EDITH BINO Mit wenigen Mitgliedern eine grosse Infrastruktur aufgebaut

TACHLES: Als vor zehn Jahren mit Brigitte Halpern erstmals eine Frau zur Präsidentin der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB) gewählt wurde, hat dies – vor allem ausserhalb von Bern – einiges Aufsehen erregt. Nun sind Sie bereits die dritte Frau in Folge in diesem Amt. Ist das zur «Berner Spezialität» geworden, oder ist es eher Zufall?

EDITH BINO: Im Vorstand waren wir uns nach der Rücktrittsankündigung von Anne-Marie Guzman einig, dass ihr Nachfolger nach Möglichkeit ein Mann sein sollte, da wir eben gerade das Frauen-Präsidium nicht zu einer «Berner Spezialität» werden lassen wollten. So gesehen ist es nun – nicht auf mich, sondern auf die Frau bezogen – eher ein notwendiges Übel. Die Erfahrung zeigt, dass sich die Männer gerne zurückziehen und sich nicht mehr für dieses Amt engagieren wollen. Das ist eine Gefahr. Ideal wäre es, wenn sich Männer und Frauen im Präsidium abwechseln würden.


Inzwischen hat ja auch die grosse Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) zumindest eine Co-Präsidentin, und in Basel wurde die rechtliche Grundlage für die Wahl einer Frau getroffen. Sind weibliche Führungspersonen in jüdischen Gemeinden heute in der Schweiz allgemein akzeptiert?

Wie das in den anderen Einheitsgemeinden der Schweiz ist, kann ich nicht beurteilen. Es mag sein, dass die Berner in dieser Beziehung tatsächlich entspannter sind. Schliesslich stammt auch SabineSimkhovitch-Dreyfus, die langjährige Präsidentin in Genf, aus Bern.

Haben Sie bestimmte Vorsätze oder Ziele gefasst, als Sie Ihr Amt antraten?

Ich habe eine sehr harmonische Gemeinde übernommen, und ich möchte, dass dies so bleibt. Mir ist also sehr wichtig, dass Streitereien innerhalb der Gemeinde möglichst schnell und möglichst gut gelöst werden. Nur so können wir die sehr gute Gemeinde bleiben, die wir heute sind, und um die wir von vielen beneidet werden.
Bei Gemeindeaktivitäten sieht man heute viele Kinder und junge Leute, und in diesem Jahr treten nicht weniger als zehn Kinder neu in die Religionsschule ein.

Hängt dies mit einer Öffnung gegenüber Mischehen-Familien zusammen?

Diese erfreuliche Entwicklung mag einerseits mit einer gewissen Öffnung gegenüber Familien mit jüdischen Vätern zusammenhängen, anderseits aber auch damit, dass wir vermehrt aktiv auf Familien mit Kindern zugegangen sind und ihnen unser Angebot vorgestellt haben – etwa für den Religionsunterricht oder auch die neue Pre-School. Früher hat man eher darauf gewartet, dass sich die Leute bei uns melden.


Welches sind die grössten absehbaren Aufgaben und Herausforderungen, die in den nächsten Jahren auf die Gemeinde zukommen?

Ich denke, die Finanzen sind das grösste Problem – und zwar wegen unserer hohen Mitgliederbeiträge. Gemäss Mitgliederkassier Roger Braunschweig sind wir heute die teuerste jüdische Gemeinde der Schweiz. Der Grund ist offensichtlich: Wir haben mit wenigen Mitgliedern eine grosse Infrastruktur zu unterhalten. Wir wissen, dass recht viele Leute aus finanziellen Gründen vor einem Beitritt zurückschrecken. Die Frage ist einfach, wo wir so viel einsparen können, dass die Beiträge markant gesenkt werden können. Oder ob wir Sponsoren finden, die gewisse Aufgaben finanzieren. Das wäre natürlich gut – ist aber nicht so leicht zu finden.


Welchen Stellenwert hat für Sie die Zusammenarbeit unter den Einheitsgemeinden?

Inwiefern die Zusammenarbeit unter den Einheitsgemeinden überhaupt fortgesetzt wird, kann ich im Moment nicht sagen. Es scheint, dass diese nach den diversen Präsidentenwechseln in den Hintergrund gerückt ist. Ich habe im Sinn, dies im Herbst genauer abzuklären. Vorausgesetzt, dass alle mitmachen, scheint es mir durchaus sinnvoll, gewisse Probleme, mit denen sich alle befassen müssen, regelmässig zu besprechen. Ich denke zum Beispiel an eine Vereinheitlichung der Kosten für einen Get, also eine jüdische Scheidung.


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