Ich klage an!
In der Nacht vom 24. auf den 25. September geschah es erneut. Zeev Sternhell, ein international bekannter politischer Wissenschaftler und Historiker, Träger des diesjährigen Israel-Preises für politische Wissenschaften, erlitt Verletzungen, als ein Sprengsatz beim Eingang zu seinem Haus explodierte. Die Identität der Verbrecher ist noch nicht bekannt, doch wer auch immer es getan hat – es gibt solche, die sich Gedanken machen sollten über ihren Anteil an der Verantwortung für diesen abscheulichen Akt.
Ich klage jene Juden in- und ausserhalb Israels an, die auf ihren Websites auf «gefährliche linksgerichtete Intellektuelle» in Israel Jagd machen. Menschen wie Sternhell sind für sie «Antisemiten», «jüdische Selbsthasser» oder «Feinde Israels».
Ich klage jene in Israels Rechtsszene an, die ihre Augen und Ohren vor jenen unter ihnen verschliessen, die behaupten, das Gesetz habe keine Anwendung für sie; die Siedler, die täglich israelische und internationale Gesetze sowie moralische Werte verletzen, die Palästinenser verfolgen, schlagen und manchmal ermorden. Das rechtsgerichtete Establishment ist diesen Leuten gegenüber nachsichtig. «Sind sie denn nicht Idealisten? Machen sie das, was sie tun, nicht aus hochstehenden idealistischen Gründen, für die Heiligkeit des Landes Israel?»
Ich klage nicht nur jene an, die in religiösen Riten Itzhak Rabin zum Tode verurteilt haben, nicht nur jene, die an Demonstrationen Plakate mit Rabin in SS-Uniform mit sich trugen. Ich klage auch jene an, welche die Atmosphäre schufen, die dies zuliess, jene, die fortfuhren, an den genannten Demonstrationen zu reden und nach Rabins Ermordung erklärten, die Plakate nicht gesehen zu haben.
Ich klage jene an, die behaupten, sie und nur sie alleine repräsentierten Israel, seine wahren Interessen und die jüdisch-israelische Seele, jene, die behaupten, dass alle, die eine andere Meinung vertreten bezüglich dessen, was gut ist für Israel, Feinde seien, welche Israel gefährden. Auf sie trifft der Vers (Deut. 33:9) zu: «Der zu seinem Vater und zu seiner Mutter spricht: Ich habe ihn nicht gesehen, und seine Brüder kennt er nicht und von seinen Söhnen weiss er nichts; denn sie wahren dein Wort und deinen Bund hüten sie.» Dieser Vers greift den Fanatismus des Stammes Levi an, der gleich seinem mystischen Vorvater dachte, er könne töten im Namen von Idealen, denen er absolute Gültigkeit verliehen hatte.
Ich klage jene an, welche implizit die Handlungen von Extremisten billigen, indem sie sie nicht als unzulässig deklarieren. Sie schaffen jene Atmosphäre, welche Menschen wie Yona Avhrushmi und Yigal Amir und die Täter des Terroraktes gegen Zeev Sternhell zu ihren mörderischen Verbrechen brachten.
Israel ist eine junge Demokratie, zerrissen von sich widersprechenden Werten und widersprüchlichen Ansichten über Religion – ein Land, das seine Identität noch sucht. Tiefgehende Dispute, heftige Diskussionen und harte Kritik am Andersdenkenden sind Bestandteile einer liberalen Demokratie. Hasstiraden dagegen, welche die Blutrache legitimieren, und Rituale, welche andersdenkende Menschen zum Tod verurteilen, sind weder Bestandteil der legitimen demokratischen Auseinandersetzung, noch gehören sie zu einer Zivilisation, der wir angehören möchten – ungeachtet des gerade regierenden Premierministers oder eines Akademikers, der seine Meinung äussert.
Vergessen wir nicht, dass Israel zu Recht die Palästinenser auffordert, von ihren Schulen zu verlangen, dem Predigen von Hass gegen Israel ein Ende zu bereiten. Zu Recht verlangt der Westen von den zuständigen islamischen Stellen, die hasserfüllten Ansprachen von Imamen zu verurteilen, welche zur Vernichtung Israels und zur Eroberung der Welt der Ungläubigen aufrufen. Wir fordern das, weil wir wissen, dass Worte eine Wirklichkeit schaffen. Aufrufe zur Gewalt finden letzten Endes ihren Weg in die Herzen von Fanatikern, welche diese Worte in die Tat umsetzen werden.
Warum sollen wir also auf Juden, welche dasselbe tun, andere Massstäbe anwenden? Warum sollten wir akzeptieren, dass Juden zu Gewalt aufrufen und dass Juden im Namen ihrer Ideale das Vergiessen des Blutes ihrer ideologischen Gegner gutheissen? Zu lange schon verhält sich Israels Rechte ihren «Wildwüchsen» gegenüber nachsichtig. Zu lange schon benutzt die Rechte Extremisten zur Präsentation ihrer eigenen Ansichten als akzeptable Position des Zentrums.
Wer ist Zeev Sternhell? Er ist ein Holocaust-Überlebender, der sich kürzlich in einem Interview als «Super-Zionist» bezeichnet hat. Er ist ein IDF-Offizier, der in drei Kriegen Israels mitgekämpft hat. Richtig, er ist der Ansicht, die Besetzung sei ein Krebs, der Israels Seele auffrisst. Richtig, er sagt, die Palästinenser sollten nur die in der Westbank lebenden Israeli attackieren und nicht die Bewohner innerhalb der «grünen Linie». Mehrere Male schon hat er gesagt, er habe Angst, Israel werde wegen der Besetzung nicht überleben; er mache sich Sorgen um seine Kinder und Enkel, weil er wolle, dass sie in Israel leben. Und er hat auch schon Mitgefühl für den Kampf der Palästinenser zum Ausdruck gebracht. Deshalb wurde er angegriffen.
Es ist erneut geschehen. Ich wünsche Zeev Sternhell rasche Genesung.
Der in Basel geborene und aufgewachsene Carlo Strenger ist Philosoph und Psychoanalytiker. Er unterrichtet an der psychologischen Fakultät der Tel-Aviv-Universität. Zudem ist er Mitglied des Permanent Monitoring Panel
on Terrorism der Weltföderation der Wissenschaftler.


