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10. Oktober 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 41/42 Ausgabe: Nr. 41 » October 9, 2008

Auch die arabischen Staaten zittern

Von Zvi Barel, October 9, 2008
Das ägyptische Pfund saust in die Tiefe, der jordanische Aktienmarkt befindet sich im freien Flug und der Immobilien-Boom in den Golfstaaten nähert sich seinem Ende. Die arabischen Staaten im Schatten der globalen Finanzkrise.
BROKER IN KAIRO IN BEDRÄNGNIS Das ägyptische Pfund fiel auf den niedrigsten Stand seit einem halben Jahr

Die während des Fastenmonats Ramadan allabendlich am Eingang zum Kairoer Khal-el-Khalili-Bazar langen Reihen von gedeckten Tischen sind eine alte Tradition. Sie reflektieren die Bemühungen der ägyptischen Regierung, der Stadt Kairo und wohltätiger Organisationen, Hunderte von Menschen zu speisen, denen die Geldmittel fehlen, um das Essen für die Iftar-Mahlzeit einzukaufen, die während des heiligen Monats am Abend jeweils das Fasten beendet. Auch wenn die Geste nicht ausreicht, um die kulinarischen Bedürfnisse der Millionen von Ägypter zu decken, die weniger als einen Dollar pro Tag verdienen, entsteht doch das Gefühl, dass der Staat «wenigstens eine gute Tat für die Armen des Landes vollbringt». 
Diese Tische sind Gegenstand eines politischen Ringens zwischen der Regierung und der muslimischen Bruderschaft. Dieses Jahr hat die Regierung beispielsweise der islamischen Organisation verboten, sowohl ihr kollektives Festmahl wie auch separate öffentliche Mahlzeiten in den armen Quartieren zu organisieren.

Die Armut senken

Um den Vorwurf der Muslime bezüglich einer ungenügenden wirtschaftlichen Leistung der Regierung zu entkräften – der Regierung wird der steile Preisanstieg für Grundnahrungsmittel in die Schuhe geschoben –, hat Osman Mohamed Osman, der ägyptische Minister für Wirtschaftsentwicklung, einen neuen Bericht über die ökonomische Situation des Landes veröffentlicht. Der Bericht erläutert nicht, wie viele Landsleute unter der Armutsgrenze leben, er beschränkt sich vielmehr auf den Hinweis, dass die Zahl sich halbiert habe. Schätzungsweise 43 Prozent der Bevölkerung, rund 38 Millionen Menschen, verdienen weniger als zwei Dollar pro Tag. Vor einem Jahr, so der Minister, konnten Menschen, die zwei Dollar pro Tag verdienten, nicht als arm eingestuft werden. Weil er offenbar eingesehen hat, dass er mit solchen Erklärungen nicht weit kommen würde, erklärte Osman nun, die Regierung hoffe, den Anteil der Armen an der Bevölkerung bis zum Jahr 2011 stark zu senken.

Im freien Fall

Ein paar Strassen von den gedeckten Tischen des Bazars entfernt befindet sich die Kairoer Börse. Dort interessieren die Armutsdaten nicht. Der ägyptische Aktienmarkt fiel innert zweier Tage um zehn Prozent, und ausländische Investoren zogen Hunderte Millionen von Dollars ab. «Der staatliche Roulette-Tisch ist am Zusammenbrechen», zitierte die Zeitung «al-Masri al-Youm» einen Kleininvestor. «Das ist das Ende des Kapitalismus. Willkommen im Chaos.» Das ägyptische Pfund fiel auf den niedrigsten Stand seit einem halben Jahr und die Inflation stieg auf 26,5 Prozent an. Die Prognose des Ministers für Wirtschaftsentwicklung für eine rückläufige Armut rückt somit in noch weitere Ferne, und der Plan zur Privatisierung staatlicher Gesellschaften als Massnahme zur Verbesserung der Wirtschaftslage wird zur Fantasie. Ein Journalist im Wirtschaftsteil der Tageszeitung «al-Ahram» merkte an: «Wenn potenzielle ausländische Investoren sehen, wie ihr Kapital an westlichen Aktienmärkten verpufft, ist eine Investition in eine ums Überleben kämpfende Fabrik in Heluan doch das Letzte, was sie tun würden.» Ein Jordanier berichtete über seine Erfahrung bei seiner Rückkehr nach Amman. Noch am Flughafen Queen Alia wurde er dahingehend informiert, dass sein Investment Broker verhaftet worden und das Schicksal der ihm anvertrauten Gelder ungewiss seien. «Die Regierung wird ihn vielleicht unter Anklage stellen», meinte er, «doch wie wird mir das helfen? Jordanien ist weder Dubai noch Saudi-Arabien und sicher nicht Washington, wo man sofort Milliarden in den Markt pumpen kann, um Ängste zu zerstreuen. Hier ist dein Geld verloren, wenn dein Broker verhaftet wird.»
Die TV-Station al-Arabiyah berichtete, dass Anklage gegen 46 an der Börse gehandelte jordanische Firmen erhoben worden sei. Die Firmenbesitzer werden vor einem Sondergericht für Sicherheitsvergehen verurteilt werden, da ihr Verhalten als schädlich für die nationale Wirtschaft betrachtet wird. Falls für schuldig befunden, müssen sie mit bis zu 15 Jahren Gefängnis rechnen. Es stellte sich nämlich heraus, dass diese Gesellschaften potenziellen Kunden falsche Gewinnprognosen vorlegten und über TV-Bildschirme auch falsche Präsentationen über die von ihnen empfohlenen Aktien verbreiteten. Tausende von Investoren reichten Klagen beim jordanischen Generalstaatsanwalt ein, doch nur die wenigsten dürften ihre Mittel zurück erhalten. Die Verluste liegen bei schätzungsweise umgerechnet 800 Millionen Franken.

Ein Meer voller Geld

Weniger besorgt über den globalen Marktzerfall geben sich die Golfstaaten, die seit dem rasanten Anstieg des Ölpreises in einem Meer von Geld schwimmen. Die riesigen Reserven, die sie schaffen konnten, erlaubten es den Regierungen, die Finanzmärkte mit Geldspritzen zu stabilisieren. So verkündete beispielsweise die Zentralbank der Vereinigten Arabischen Emirate, dass sie rund 14 Milliarden Dollar als Anleihe zu besonderen Bedingungen an die Bank- und Finanzinstitute des Landes transferieren würde, um ihnen zu gestatten, ihre Liquidität auf dem gewünschten Niveau zu halten. Ausländische Investoren zogen unmittelbar nach Beginn der Krise Kapital aus den Golfstaaten wie auch aus der ganzen arabischen Welt ab. Die Golf-Banken, die in den betreffenden Staaten in gewaltige Bauprojekte involviert sind, wären in eine echte Katastrophe geraten, hätten ihre Kunden ihr Geld zurückgefordert. Nachdem die Dubai Development and Investment Authority im vergangenen November zur Rettung der Citigroup 7,5 Milliarden Dollar investiert hatte, musste sie diese Massnahme nun wiederholen, doch dieses Mal zur Rettung der Banken des eigenen Landes.

Platzt die Seifenblase?

Ungeachtet der Stabilität der Banken in den Golfstaaten und der Gewissheit der Einwohner, dass der Staat den Zusammenbruch der Banken nicht zulassen würde – in erster Linie, weil die meisten den herrschenden Familien und deren Freunden gehören –, beginnen die Leute am Golf nun langsam, aber sicher zu fürchten, dass die Seifenblase letzten Endes platzen wird, und zwar direkt in ihr Gesicht. Die Sorgen konzentrieren sich vor allem auf den Immobiliensektor, welcher Grossinvestoren vor allem in die Emirate anzog, aber auch nach Qatar und Kuwait. Die zahllosen Luxustürme, Villenviertel am Meeresufer und von den weltweit führenden Architekten entworfenen Bürogebäude haben die lokalen Ökonome im Gefühl bestärkt, der Immobiliemarkt habe seinen Sättigungspunkt erreicht. Sie empfehlen ein Umschwenken hin zu anderen Bereichen wie der Industrie. 
Gemäss einem Bericht der Gulf Organization for Industrial Consulting in Dubai beabsichtigen Ölgesellschaften und Regierungen im Golf tatsächlich, grössere Teile ihrer Profite vom Ölsektor in die Industrie umzuleiten. Bereits heute gibt es in den Golfstaaten über 12 000 Indus¬triebetriebe, die mehr als eine Million Menschen beschäftigen. Geplant ist eine Stärkung des Industriesektors um Dutzende von Prozenten. Industriewachstum braucht Know-how und professionelle Ausbildung, kombiniert mit einer langfristigen Finanzierung. Profite auf die Schnelle, an welche Investoren im Immobiliensektor sich gewöhnt haben, ergeben hier keinen Sinn. 
Die wirtschaftlichen Konsequenzen aus dem Kurssturz an den Aktienmärkten werden diese Länder zu einem kulturellen Umdenken zwingen, industrielle Arbeit muss höher als bisher bewertet und die Arbeitskräfte müssen vermehrt aus den eigenen Ländern rekrutiert werden. Trotz allem geht es den Golfstaaten immer noch wesentlich besser als den meisten anderen Araberstaaten. Während beispielsweise in Ägypten die politische Diskussion über die öffentlichen Mahlzeiten während des Ramadan hin und her wogte, importierten die Golfstaaten in der ersten Hälfte des Fastenmonats nicht weniger als 119 Millionen Tonnen Nahrungsmittel. Ein Grossteil dieser Mengen wurde an andere Länder verteilt, ein kleiner Teil wurde intern konsumiert. Die guten Zeiten dauern fort in den Golfstaaten, und die einzige Sorge gilt der Möglichkeit eines amerikanischen Angriffs auf Iran, der dieser Situation unwiderruflich ein Ende bereiten würde.





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