Attenhofer und Kessler im Rennen
Nach 20 Jahren tritt Bruno Graf als Statthalter des Bezirks Zürich (Stadt Zürich) zurück. Weil er der CVP angehört, stellte seine Partei den Juristen und Kantonsrat Christoph Holenstein auf. Die Grünen portieren Mathis Kläntschi, juristischer Sekretär beim kantonalen Steueramt, bisher einer von zwei Ersatzleuten im Bezirksrat, in dem laut Parteienstärke zwei Leute aus der SP sowie je ein FDP- und ein SVP-Mann sitzen. Die FDP schickt Alain Kessler, vollamtlicher Ersatzrichter am Bezirksgericht Zürich, ins Rennen um das Statthalteramt. Die SVP gab bekannt, dass sie auf eine eigene Statthalter-Kandidatur verzichte.
Die SP-Parteileitung wünschte ebenfalls keine eigene Kandidatur, mit der Begründung, dass der Statthalter die Aufsicht über den Stadtrat führe, in dem vier SP-Leute sitzen. Doch sie machte die Rechnung ohne die Basis. Am 29. September beauftragte die Delegiertenversammlung der Stadtzürcher SP mit 34 zu 32 Stimmen ihre Geschäftleitung, eine Kandidatur für das Amt vorzuschlagen.
Eine attraktive Position
Die Wahl der SP fiel auf Hartmuth Attenhofer. Der 60-Jährige sitzt seit zwölf Jahren im Bezirksrat und ist Kantonsrat. 2006, als er das Kantonsratspräsidium übernahm, verlegte der Präsident der Sektion Zürich der Gesellschaft Schweiz-Israel die Legislatureröffnungszeremonie, die sonst stets in einer reformierten Kirche in der Nähe des Rathauses stattfindet, in die Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) an der Löwenstrasse. Dieses Jahr organisierte der Vater von zwei erwachsenen Kindern eine würdige Feier zu Ehren des 60. Jahrestags der Gründung Israels im Zürcher Fraumünster.
«Ich habe mich nicht vorgedrängt», sagt der für seinen Schalk bekannte Attenhofer gegenüber tachles. «Die Delegierten wünschten eine Kandidatur, und die Geschäftsleitung beschloss, einen ihrer beiden amtierenden Bezirksräte ins Rennen zu schicken. Der Job des Statthalters ist attraktiv. Ich kenne ihn als Bezirksrat aus nächster Nähe; er würde mich sehr interessieren.» Dass er kein Jurist ist, betrachtet Attenhofer nicht als Hindernis: «Momentan sind nur drei der zwölf Bezirksstatthalter im Kanton Zürich Juristen.» Am 28. Oktober wird der SP-Parteivorstand (dem er nicht angehört) die Kandidatur Attenhofers definitiv beschliessen, und am 29. Oktober läuft die Anmeldefrist ab. Sollte ihr Kandidat zum Statthalter gewählt werden, beansprucht die SP keinen zweiten Platz im Bezirksrat mehr. Damit wäre wohl der Weg frei für die Grünen.
Interesse am Statthalteramt
Vor der Delegiertenversammlung der SP vom 29. September konnten sich die drei Kandidaten aus CVP, FDP und der Grünen präsentieren. Da es der erste Abend von Rosch Haschana war, wurde Alain Kessler, in jüdischen Kreisen eher Moshe genannt, von einem SP-Mitglied vorgestellt. Vor der Interfraktionellen Kommission konnte der bald 49-Jährige selber auftreten. «Das war überhaupt kein Problem», sagt der Richter, der seit zehn Jahren FDP-Mitglied ist, aber nie eine Parteifunktion ausübte. In der ICZ gehörte der frühere Hakoah-Fussballer einige Jahre der Steuerkommission und bis 2006 der Geschäfts- und Rechnungsprüfungskommission an. In der Öffentlichkeit bekannt wurde der Vater von drei Kindern (13, 16, 18 Jahre), als ihn das Obergericht zu einem der drei Richter im Swissairprozess vor dem Bezirksgericht Bülach bestimmte, weil er langjährige Erfahrung als Richter in Fällen des Wirtschaftsstrafrechts besitzt. Als die FDP kürzlich die ihr angehörenden Richter per E-Mail anfragte, ob sie an einer Kandidatur für das Statthalteramt interessiert wären, meldete er sich.
Vielseitig und spannend
Als einziger der vier Kandidaten verfügt Kessler über keine politische Erfahrung. «Ich bringe aber berufliche Voraussetzungen und meine Lebenserfahrung mit», sagt er gegenüber tachles. «Ich sehe die Funktion des Amtes eher als eine richterliche und nicht als eine politische.» Juristisch gesehen sei diese Position vielseitig und spannend: «Der Statthalter benötigt manchmal auch den Mut für unpopuläre Entscheide. Dabei würde es mir aber sicher nicht um die Durchsetzung parteipolitischer Interessen gehen.»
Der Statthalter übt die Oberaufsicht über die Ortspolizei und die Feuerwehr aus, ihm unterstehen das Bussenwesen und die Verkehrsregelung. Der Name der Funktion war schon unter den Römern bekannt. In der Schweiz sprach man auch von Vögten. Diese Beamten agierten statt des Kaisers oder einer anderen Obrigkeit.


