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6. Oktober 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 10 Ausgabe: Nr. 10 » October 6, 2008

Nachts übers Meer

Von Katja Behling, October 6, 2008
Als vor 65 Jahren der Befehl zur Deportation der dänischen Juden erging, reagierten die Dänen mit einer beispiellosen Aktion: Bei Nacht und Nebel brachten sie im Oktober 1943 7000 Flüchtlinge über das Meer ins sichere Schweden. Gerettet wurden sie von dem deutschen Diplomaten Georg Ferdinand Duckwitz – einem NSDAP-Mitglied.

Von Katja Behling

Die Tatsache, dass gerade Rosch Haschana, das jüdische Neujahr, gefeiert wurde, war ein glücklicher Umstand. So verbreitete sich die Nachricht, dass die «Lösung der Judenfrage» nun auch im besetzten Dänemark durchgezogen werden sollte, Ende September 1943 wie ein Lauffeuer. Und die Dänen kamen den Deutschen zuvor. Ohne das Zusammenspiel zwischen Dänemark und Schweden hätte die spektakuläre Aktion nicht gelingen können, wären nicht Tausende von Menschen vor dem Tod gerettet worden. Nicht ohne die Zivilcourage und den Mut insbesondere der dänischen Bevölkerung – und nicht ohne den Einsatz eines Deutschen, der 1932 in die NSDAP eingetreten war: Georg Ferdinand Duckwitz (1904–1973). In ihm manifestiert sich die Läuterung eines überzeugten Nazis und Parteifunktionärs zu einem Retter, der das Auslöschen der jüdischen Bevölkerung Dänemarks durch die nationalsozialistischen Besatzer verhinderte. Der nördliche Nachbar Deutschlands war seit dem 9. April 1940 – trotz ausgehandeltem Nichtangriffspakt – von deutschen Truppen besetzt worden.

Die dänische Regierung setzte ihre Arbeit fort, um den deutschen Einfluss zu beschränken und eine Stärkung der dänischen Nationalsozialisten zu verhindern. Zudem hatte Deutschland zugesagt, sich nicht in innere dänische Angelegenheiten einzumischen. Als im Frühling 1943 Parlamentswahlen stattfanden, stand für die neue dänische Regierung, wie für die vorherigen Regierungen, ausser Zweifel, dass sie sich diskriminierenden Eingriffen entgegenstellen würde – von Rassengesetzen wollten die Dänen nichts hören. Im Sommer 1943 gaben wichtige Kriegsereignisse wie die Schlacht von Kursk und die Landung alliierter Truppen in Italien der aktiven Widerstandsbewegung der Dänen Aufschwung. Streiks und Sabotageaktionen waren nun die Antwort auf die deutsche Besatzung. Ende August spitzte sich die Situation gefährlich zu. Im August brachten Volksproteste die bisherige Zusammenarbeit zwischen der Besatzungsmacht und der dänischen Politik zu Fall, so dass der für Dänemark zuständige SS-Obergruppenführer Werner Best den militärischen Ausnahmezustand verhängte. Die dänische Regierung trat zurück und Best übernahm die Verwaltung des Landes. Eine gute Woche später schlug Best in einem Telegramm an das Auswärtige Amt die «Lösung der Judenfrage» vor. Am 15. September erhielt Best vom Oberkommando der Wehrmacht den Befehl Adolf Hitlers, die dänischen Juden zu deportieren.

Georg Ferdinand Duckwitz, der in engem Kontakt mit Best stand, wurde von diesem in die Pläne zur Judendeportation eingeweiht. Der knapp 40-Jährige war als junger Mann, wie viele andere nach dem Ersten Weltkrieg, nationalkonservativ eingestellt und kein Anhänger der Weimarer Republik gewesen. Bereits 1932 Feuer und Flamme für die NSDAP, war er der Partei als ordentliches Mitglied beigetreten. Er arbeitete ab 1933 im «Aussenpolitischen Amt» der Partei und war dort als Skandinavien-Referent tätig. Nach der als Röhm-Putsch bemäntelten Mordaktion der Parteiführung gegen Opponenten in den eigenen Reihen ging Duckwitz noch in den dreissiger Jahren auf Distanz zu den Nationalsozialisten. Aus dem Parteisoldaten wurde ein Gegner des Regimes und überzeugter Demokrat. Im von der Wehrmacht besetzten Dänemark arbeitete Duckwitz in Kopenhagen als Sachverständiger für Schifffahrt. Das Rüstzeug dafür hatte der Bremer Kaufmannssohn in der Praxis erlernt, als Angestellter von Exportfirmen in Bremen sowie als Leiter der Kaffee Haag AG in Dänemark sowie bei der Hamburg-Amerika-Linie (Hapag). Nun, in Diensten des Auswärtigen Amtes in Dänemark, musste der Skandinavien-Kenner und Reederei-Experte Duckwitz, mittlerweile Gegner der Nazis geworden, Schiffe akquirieren. Mit dieser Aufgabe machte er sich im besetzen Kopenhagen nicht unbedingt Freunde. Aber seine Besatzerfunktion half dem Deutschen, der längst zum Gegner der Nazis geworden war ein Beziehungsgeflecht zu Dänen und Schweden zu knüpfen. Und dieses Netz sollte sich nun als Rettungsanker erweisen.

Flucht übers Meer

Duckwitz, der in engem Kontakt mit Best stand, hatte, nachdem er von diesem in die Pläne zur Judendeportation eingeweiht worden war, umgehend versucht, das Vorhaben in Berlin zu vereiteln. Doch am 18. September wurde der Diplomat gewahr, dass Hitler die Aktion genehmigt hat und auch durchzuführen gedenkt. Daraufhin warnte Duckwitz dänische Vertraute und reiste ins neutrale Schweden, um bei der dortigen Regierung für eine Aufnahme jüdischer Flüchtlinge zu werben. Duckwitz erfuhr von Best, wann die Aktion durchgeführt werden sollte: in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober würden sie zuschlagen. Umgehend informierte der Diplomat zwei führende dänische Sozialdemokraten und gab sein Wissen über deutsche Pläne, Juden aus Dänemark zu deportieren, weiter, wobei er seine Kontakte zu dänischen Reedern nutzen konnte. In einem Hinterzimmer des sozialdemokratischen Folkets Hus (Volkshaus) in Kopenhagen teilte er ihnen mit, dass die deutschen Besatzungsbehörden in der besagten Nacht alle jüdischen Staatsbürger Dänemarks verhaften würden, ein Verrat, der Duckwitz selbst das Leben hätte kosten können. Anschliessend wurde der Vorsitzende der Mosaischen Glaubensgemeinschaft, Marcus Melchior, in Kenntnis gesetzt. Am folgenden Tag erfuhr Melchior vom schwedischen Botschafter, sein Land erkläre sich bereit, alle dänischen Juden aufzunehmen.

Als die Nazischergen sich wie geplant anschickten, die Juden ab 1. Oktober festzunehmen, trafen sie nur rund 500 Personen an. Die meisten Juden hatten sich dem Zugriff entzogen, waren – binnen Stunden – geflüchtet oder untergetaucht. Vor allem Ärzte, Pastoren und Studenten halfen dabei, die dänischen Juden zu verstecken. Von etwa Mitte September bis Ende Oktober gelang es in einer kollektiven Anstrengung, rund 7000 Juden und ihre Angehörigen illegal und zumeist für – viel – Geld übers Wasser ins neutrale und sichere Nachbarland Schweden zu bringen. Die dänische Polizei und der Küstenschutz schauten wissentlich weg, als Fischkutter im Oktober 600 bis 700 nächtliche Flüchtlingstransporte über den Öresund und den Kattegat durchführten. Und dabei ein hohes Risiko eingingen.

Knapp 200 Juden wurden von der Gestapo auf der Flucht verhaftet, einige nahmen sich das Leben, andere ertranken. Bei einem Feuergefecht zwischen Fluchthelfern und deutschen Polizeikräften gab es mindestens einen Toten. Das kleine dänische Hafenstädtchen Gilleleje auf der Insel Seeland und der Ort Höganäs auf der gegenüberliegenden Seite des Öresund spielten bei der Flucht eine besondere Rolle. Etwa 70 Juden versteckten sich in Gilleleje auf dem Dachboden einer Kirche, nachdem ein Boot nach einer Warnung überstürzt abgefahren war. Die örtliche Bevölkerung half den Flüchtlingen, brachte Decken, Kleidung und Nahrungsmittel. Das Versteck wurde verraten, und die Deutschen verhafteten in den Morgenstunden die Flüchtlinge. Doch auch in den folgenden Tagen und Nächten gelang weiteren Juden die Flucht – der Grossteil der jüdischen Bevölkerung Dänemarks, darunter auch Flüchtlinge aus Deutschland, konnte über die Ostsee nach Schweden und so der Vernichtung entkommen.

Widerstand und königliches Vorbild

Die Rettung der dänischen Juden im Oktober 1943 ist in der Geschichte der durch Nazideutschland besetzten Gebiete in Europa ohne Beispiel und prägte sich als nationale Leistung in das kollektive Gedächtnis der Dänen ein. Auch König Christian X. wurde während der Besatzungszeit durch seine Courage bekannt. Er setze trotz der Besetzung seine morgendlichen Ritte durch die Hauptstadt unbewaffnet und ohne Eskorte fort. Das Bild des aufrechten, unbeugsamen Königs zu Pferde und seine Haltung den Nazirepräsentanten gegenüber wurden zum Symbol. In England und den USA kam während des Krieges das Gerücht auf, dass der dänische König sich der deutschen Forderung nach antijüdischer Gesetzgebung durch eine Protestaktion widersetzen wolle: Nach einer populären Legende ritt der Dänenkönig jeden Morgen mit gelbem Armband – anderen Quellen zufolge mit einem an die Brust gehefteten Judenstern – durch die Strassen Kopenhagens, gefolgt von Dänen, die es ihm gleichtaten. Auf diese Weise konnten die Nationalsozialisten keine Juden in der Menge ausmachen. Nur: «König Christian X. hatte nie so etwas gesagt», schreibt der Historiker Therkel Straede von der Universität in Odense, der für das Kopenhagener Frihedsmuseet, das Museum des dänischen Widerstandes, die Ausstellung «Dänemark im Oktober 1943» erarbeitet hat. Als aber im Dezember 1941 ein Brandanschlag auf die Synagoge in Kopenhagen verübt wurde, habe Christian X. einen teilnahmsvollen Brief an den Rabbiner Marcus Melchior geschrieben, so Therkel Straede.

Diese Rettungsgeschichte von 1943, die vor allem in den USA als das «Licht in der Finsternis des Holocaust» idealisiert wird, gilt in Dänemark zu Recht als Symbol des Widerstandes gegen die deutsche Besatzung und inspirierte den amerikanischen Architekten Daniel Libeskind zu seinem Konzept des neuen Dänischen Jüdischen Museums. Demgegenüber hinterfragen Historiker in jüngerer Zeit jedoch auch die «Bereicherung» durch die bezahlten Schiffspassagen 1943 und die «Kollaboration» der dänischen Behörden mit den Nazis, die es, trotz der humanitären Haltung der Dänen, auch gegeben hat. Kritisiert wird in jüngerer Zeit verstärkt auch das Konzept der «friedlichen Besatzung», und besonders die in ihrem Rahmen praktizierte Schliessung der dänischen Grenzen im Jahr 1938 für jüdische Flüchtlinge – während deutschen Sozialdemokraten und Prominenten wie Bertold Brecht Zuflucht gewährt wurde. Von internationalen Historikern unbestritten sind indes die Verdienste von Georg Ferdinand Duckwitz: Ähnlich wie Raoul Wallenberg war Duckwitz ein Diplomat, der sich um die Rettung Tausender Juden verdient machte und der im Ausland noch immer bekannter ist als im Inland.

Duckwitz wurde 1971 von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem für seinen Einsatz als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet. Die Jüdische Gemeinde Berlin verlieh ihm 1970 den Heinrich-Stahl-Preis, bereits 1953 hatte Dänemark ihn mit dem Komturkreuz des Dannebrog-Ordens ausgezeichnet – von 1955 bis 1958 war Duckwitz deutscher Botschafter in Dänemark. Das deutsche Auswärtige Amt hat Duckwitz, der als einer der Vordenker der Ost-Politik sowie als Vertrauter des Bundeskanzlers Willy Brandt auch eine Rolle in der Aussenpolitik der jungen Bundesrepublik spielte, wiederholt gewürdigt. So durch eine Gedenktafel am Botschaftsgebäude in Kopenhagen 1999 und im Rahmen seines 100. Geburtstages im Jahre 2004. Erstaunlicherweise aber ist Duckwitz in Deutschland noch nicht die gleiche Aufmerksamkeit von Biografen zuteil geworden wie etwa Raoul Wallenberg. Dabei manifestiert sich in Duckwitz nicht nur die Läuterung eines überzeugten Nazis und Parteifunktionärs zu einem Retter, der den Tod Tausender Juden aus der Bevölkerung Dänemarks durch die nationalsozialistischen Besatzer verhinderte. In ihm manifestiert sich auch die deutsche Nachkriegspolitik vom Kalten Krieg bis zur Aussöhnung mit Osteuropa. Damit ist die Vita des ehemaligen Staatssekretärs einer der wohl ungewöhnlichsten deutschen Lebensläufe des 20. Jahrhunderts: Bei einem ihrer ersten Treffen nach dem 5. Mai 1945 beschloss die Befreiungsregierung, Duckwitz die dänische Staatsbürgerschaft anzubieten. Er lehnte ab, weil er es als seine Pflicht empfand, heimzukehren und beim Wiederaufbau seines Landes in demokratischem und humanistischem Geist zu dienen.





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