Ignorierte Lektionen
Von Richard Cohen
Unter all den selbsternannten Experten, die sich derzeit zu der Krise der Finanzmärkte äussern, habe ich meine höchsten Erwartungen für Nick Leeson reserviert. Sie erinnern sich: Als 28-Jähriger brachte es Leeson 1995 im Alleingang zuwege, die ehrwürdige britische Bank Barings in den Ruin zu treiben. Als Trader bei der 233 Jahre alten Bank verlor Leeson mit Spekulationen auf Nikkei-Futures (fragen Sie mich nicht, was das ist) 1,4 Milliarden Dollar. Leeson war damals meist betrunken und Barings befand sich offensichtlich in einem Zustand fortgeschrittener Senilität. Der Trader ist dann ins Gefängnis gewandert, Barings ging pleite, aber die Wall Street hat ihre Spielchen munter weiter betrieben, als ob nichts geschehen wäre.
In seinem Buch «Rogue Trader» schrieb der «schurkische Händler», er sei erstaunt darüber gewesen, dass ihn «niemand aufgehalten hat – die Vorgesetzten in London hätten sehen müssen, was wir in Singapur getrieben haben». Aber über die derzeitige Krise hat Leeson leider kaum etwas zu sagen. Vor einigen Tagen gab er im britischen «Guardian» lediglich einmal mehr seiner Verbitterung darüber Ausdruck, dass er viereinhalb Jahre im Gefängnis zubringen musste, während die vormaligen Eigner von Barings ihr Leben ungehindert weiterführen konnten. Was er nicht gesagt hat, ist, dass die Kids erneut ohne erwachsene Aufsicht mit Unsummen spielen durften. Dafür bezahlen wir alle heute einen hohen Preis.
Die zentrale Frage in der aktuellen Krise ist nicht die Gier, wie uns John McCain versichert, denn die Gier wird uns bis in alle Ewigkeit ebenso begleiten wie die Lust. Unser Hauptproblem ist vielmehr die fehlende Transparenz an den Märkten. Leeson hat von Singapur aus in exotischen Derivativen gehandelt, die seine Bosse in London kaum verstanden haben. Die haben sich nur dafür interessiert, dass Leeson dicke Profite für sie anhäufte – auch wenn diese letztlich weniger wert waren als das Papier, auf dem sie in den Bilanzen erschienen.
Ähnliches hat sich an der Wall Street ereignet. Die bei den Investmenthäusern ausgekochten, nicht nur komplizierten und exotischen, sondern geradezu erotischen Finanzinstrumente waren nicht nur für deren Käufer nicht verständlich, sondern letztlich auch für deren Anbieter. Das lässt sich heute an den Erklärungen der Banker ebenso ablesen wie an deren Taten: Lehman Brothers, Bear Stearns, AIG und all die anderen haben an Wertpapieren und Derivativen festgehalten, die weit weniger wert sind, als die Investmenthäuser selbst dies lange geglaubt haben. Wir haben es hier tatsächlich mit einem Fall zu tun, in dem die Blinden die Blinden geführt haben.
Abgrund zwischen den Generationen
So hat der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg unlängst erklärt: «Das Problem liegt darin, dass niemand weiss, was die Institutionen in ihren Portefeuilles halten, wie diese Assets strukturiert und was sie letztlich wert sind.» Damit gibt Bloomberg einem Gedanken Ausdruck, den viele Börsianer teilen: Niemand kann realistische Preise für diese auf Hypotheken ausgegebenen exotischen Papiere angeben. Aber das gleiche gilt auch für die Immobilien, die letztlich die Grundlage für diese Wertpapiere darstellen. Das macht das Rätsel, vor dem wir heute stehen – und womöglich Ihre Laune –, noch einige Grade dunkler.
Ich erwähne den Fall Leeson nicht von ungefähr. Er personifiziert den Abgrund, der auch heute noch in der Geldbranche zwischen den Generationen klafft. Leeson war jung und er kannte sich mit Computern aus – seine Chefs in London konnten weder das eine noch das andere von sich behaupten. An der Wall Street liegen die Dinge ähnlich. Die Herren ganz oben in den Chefetagen hatten kaum eine Ahnung von dem, was sich unter ihnen abgespielt hat. Sie haben sich eingeredet, dass die ganze Sache gut ausgehen würde. Sie haben schwer abkassiert und waren absolut davon überzeugt, das auch verdient zu haben – ihre Millionen-Einnahmen erschienen als Bestätigung für die Genialität der Praktiken ihrer Angestellten. Aber dieser Zirkelschluss hat sich als fatale Fehlspekulation entpuppt. Solange die Börsen-Blase fette Profite abgeworfen hat, haben diese die Dummheit und die Gier getarnt.Rettungsplan auf zwei Seiten
Heute ist es die Bush-Regierung, die uns eine Katze im Sack verkaufen will. Es führt kein Weg an einem gigantischen Rettungspaket Washingtons für die Finanzbranche vorbei. Aber die Demokraten tun gut daran, dessen Details zu klären und klare Verantwortlichkeiten bei der Aufsicht zu verlangen. Denn die Märkte haben allzu lange ohne Auflagen operiert. Doch nun verlangt das Weisse Haus einen Blankocheck vom Kongress. Jon Corzine, der Gouverneur von New Jersey, hat dies als das «moralische Äquivalent» des Votums bezeichnet, mit dem der Kongress im Herbst 2002 den Weg zum Irak-Krieg freigab. Die Stimme Corzines sollte heute Gewicht haben. Er war nicht nur Vorsitzender von Goldman Sachs, sondern hat seinen Staat auch im US-Senat vertreten. Als ich ihn jüngst gesprochen habe, hatte Corzine eben die zwei Blatt Papier in die Hände bekommen, auf denen die Regierung ihr Rettungspaket darstellt. Zwei Seiten! Wir haben es hier vielleicht mit dem bislang exotischsten unter all diesen sonderbaren finanziellen Instrumenten zu tun.
Wir Bürger und unsere Vertreter in Washington sollten uns heute auf die weisen Worte des Drehbuchautors William Goldman besinnen. Der hat für «Die Unbestechlichen», den Film über die Watergate-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward, nicht nur den Satz geprägt: «Folgt dem Weg des Geldes!», Goldman hat auch die gesamte, uns vorliegende Erkenntnis über das Filmemachen in den Worten zusammengefasst: «Niemand weiss auch nur irgendetwas.» Genau dies gilt für die undurchsichtigen finanziellen Instrumente, die uns heute um den Schlaf bringen. Nun liegt es am Kongress, hier Abhilfe zu schaffen.
Die Märkte haben immer noch nicht aus dem Fall Leeson gelernt. Die Börse gibt sich schon lange nicht mehr nur mit Dingen ab, die man sehen, messen oder wiegen kann. An der Wall Street haben sich ältere Männer des Jargons der Jungen bedient, um so zu tun, als ob sie wüssten, was geschieht. Aber tatsächlich konnten sie das Geschehen an den Märkten nicht mehr nachvollziehen. Jetzt wird der Kongress dazu aufgefordert, ebenfalls keine weiteren Fragen zu stellen. Aber das genügt nicht. Unsere Parlamentarier müssen nachhaken, Fragen stellen: Scheut nicht vor Regulationen zurück! Benehmt euch wie Leute, die Regierungsverantwortung tragen – es ist allerhöchste Zeit dafür. Wenn ihr diese Gelegenheit verstreichen lässt, korrekt und angemessen zu handeln, wird es bald zu spät sein.


