Held ohne Grab
Von Katja Behling
Anfang Juli 1944 setzte sich ein junger Schwede in Stockholm ins Flugzeug. Sein Name: Raoul Wallenberg. Sein Auftrag: In Budapest die Deportation der ungarischen Juden zu verhindern. Was wie eine «mission impossible» klingt, glückte teilweise. Durch geschickte Verhandlungen und mutige Aktionen gelang es dem erst 32-jährigen Raoul Wallenberg, Tausende von Menschen zu retten - eine der bemerkenswertesten Heldentaten des 20. Jahrhunderts. Dem Mann, der dies vollbrachte, schien indes eine völlig andere Laufbahn vorgezeichnet zu sein.
Raoul Wallenberg, 1912 in Stockholm geboren, stammte aus Schwedens bedeutendster Industriellen- und Bankiers-Dynastie. Seit der Gründung der Stockholm Enskilda Bank im Jahre 1856, aus der sich die Grossbank Skandinaviska Enskilda Banken (SEB) entwickelte, war und ist die Familie zentraler Teil der schwedischen Wirtschaftsgeschichte. Sie finanzierte die Eisenbahn, die Erzgewinnung, die Holzwirtschaft - die Eckpfeiler der Industrialisierung in Schweden. Traditionell erfolgreich im Beteiligungsgeschäft engagiert, soll die Wallenberg-Gruppe als globalisiertes Imperium heute rund 40 Prozent der schwedischen Marktkapitalisierung kontrollieren. Darunter Firmen wie Ericsson (Telekommunikation), Astra Zeneca (Pharmazie), Atlas Copco (Maschinenbau), SAS (Luftfahrt), Electrolux (Haushaltsgeräte), Saab (militärische Luft- und Raumfahrt), Scania (Lastwagen) und das Ursprungsunternehmen SEB (Bank). Der Clan besitzt Anteile an mehr als 140 internationalen Unternehmen und ist damit auch ein einflussreicher Akteur nationaler Industriepolitik. Macht und Einfluss der Wallenbergs sind vor allem im vergangenen Jahrhundert stetig ausgebaut worden, parallel zur Machtausübung der Sozialdemokraten, mit denen man ein höchst eigenwilliges und oft gespanntes Verhältnis der stillen Zusammenarbeit pflegte. Raoul Wallenbergs Vater aber war ein schwedischer Marineoffizier. Er starb kurz vor Raouls Geburt 23-jährig an Krebs. Die Witwe heiratete einige Jahre später erneut. Aus dieser Ehe ging Raoul Wallenbergs Halbschwester Nina hervor, deren Tochter Nane heute die Ehefrau des ehemaligen Uno-Generalsekretärs Kofi Annan ist.
Geschäftsmann wider Willen
Raoul Wallenberg war bereits in jungen Jahren ungewöhnlich vielseitig interessiert. Seine Familie liess ihm eine kosmopolitische Erziehung angedeihen, auf die sein Grossvater Gustaf Oscar Wallenberg, der in Konstantinopel in diplomatischen Diensten stand, grossen Einfluss nahm. Als er die Schule verliess, beherrschte Raoul mehrere Fremdsprachen, darunter Deutsch und Englisch. Und er war sich früh darüber im Klaren, nicht in die Fussstapfen des Grossvaters treten zu wollen, was dieser allerdings gern gesehen hätte. Raoul wollte Architekt werden, studierte aber nach dem Militärdienst für kurze Zeit in Frankreich Jura, bevor er 1931 bis 1935 in den USA Architektur belegte.
Trotz Examen und ersten Meriten auf diesem Gebiet arbeitete Wallenberg auf Wunsch seines Grossvaters als Geschäftsmann in Südafrika, bevor er 1936 in Haifa eine Banklehre begann. Dies änderte sein Leben, denn es war diese Reise nach Palästina, die Wallenberg erstmals mit jüdischen Flüchtlingen aus Hitler-Deutschland konfrontierte. Geschockt kehrte Wallenberg nach Stockholm zurück, vorübergehend. Sein Onkel Jacob Wallenberg, der Kontakte zu Carl Friedrich Goerdeler vom deutschen Widerstand hatte, vermittelte Raoul seinen nächsten Posten in einer Import- und Exportfirma für Delikatessen. Im Jahre 1941 bekam Wallenberg das Angebot, Partner des ungarischen Geschäftsmanns Koloman Lauer zu werden, dem die Flucht gelungen war und der nun einen Lebensmittel-Import betreiben wollte. Um Handelbeziehungen auch in von Deutschen kontrollierten Ländern unterhalten zu können, brauchte man einen nicht jüdischen Firmenvertreter - dieser Posten wurde Wallenberg übertragen. Als Aussenhandelsdirektor reiste Wallenberg nun beruflich in Europa herum, etwa auch nach Vichy-Frankreich. Eine seiner Geschäftsreisen führte ihn 1942 erstmals nach Budapest, wo die Familie von Koloman Lauer lebte, für die etwas zu tun Wallenberg sich bemühte. Und es war Koloman Lauer, der Ende Mai 1944 den jungen Raoul Wallenberg für den historischen Sondereinsatz in Budapest empfahl. Anfang Juli 1944 setzte Wallenberg sich in Stockholm ins Flugzeug. Er reiste zunächst nach Berlin, wo er sich mit seiner Schwester Nina traf, deren Mann Leiter der Abteilung für Auswärtige Angelegenheiten in der schwedischen Gesandtschaft war. Nina Lagergren erzählte später, dass ihr Bruder sehr in Eile gewesen sei und so rasch wie möglich den Zug zur Weiterfahrt nach Budapest nehmen wollte. Weil er wusste, dass täglich 10?000 Menschen nach Auschwitz deportiert wurden.
Gefährliche Mission in Budapest
Raoul Wallenberg wurde 1944 als Gesandter der schwedischen Regierung nach Budapest geschickt, um sich der von der Verschleppung und Ermordung bedrohten ungarischen und nach Ungarn geflüchteten Juden anzunehmen, nachdem das faschistische Pfeilkreuzler-Regime mit deren Verfolgung begonnen hatte. Der eigentliche Auftrag aber stammte aus Amerika, wo Präsident Roosevelt im Januar 1944 das War Refugee Board gegründet hatte, das durch private jüdische Organisationen wie das Joint Distribution Committee finanziert wurde. Vor seiner Abreise wurde der protestantische Raoul von Rabbi Ehrenpreis gesegnet, der ihm auch ein Empfehlungsschreiben, adressiert an den Vorsitzenden des Budapester Judenrats, in die Hand gedrückt hatte. Warum ausgerechnet Wallenberg, der erst 32-jährige Christ, mit dieser überaus heiklen und gefährlichen Aufgabe betraut wurde, erhellt ein britischer Geheimdienstbericht der britischen Gesandtschaft Stockholm an das Aussenministerium in London: «Sie werden vielleicht daran interessiert sein, zu wissen, dass die schwedische Regierung sich entschieden hat, an ihre Gesandtschaft in Budapest Monsieur Raoul Wallenberg einzustellen, dessen Aufgabe es sein wird, in Angelegenheiten mit Bezug zu der schlechten Lage der Juden und Personen, deren Leben oder Eigentum durch die Deutschen in Gefahr ist, zu handeln», heisst es in einem von Wallenbergs Biograf Christoph Gann zitierten Brief vom Juli 1944. «Wallenberg ist ein Direktor der Mellaneuropeiska Handels A. B. in Stockholm, an welcher der gut bekannte Schiffsbesitzer Sven Salén und, wie wir glauben, Stockholms Enskilda Bank interessiert sind. Die Firma hatte in den letzten zwei oder drei Jahren einen guten Handel mit Ungarn, und Wallenberg hat Ungarn einige Mal in Rechenschaft für die Firma besucht.» Er gehöre der Familie von Marcus Wallenberg an und stehe im «Ruf, ein intelligenter, tüchtiger und ziemlich geschickter Geschäftsmann» zu sein, der gute Beziehungen zu prominenten ungarischen Beamten habe. In Deutschland aber war man seinerzeit unsicher, wie die Familie Wallenberg einzuschätzen sei: Einerseits eilte den Wallenbergs ihr Ruf einer sehr angesehenen Bankiers-Familie voraus, andererseits hielten viele sie für jüdisch. Himmler schrieb daraufhin dem Reichspressechef, dass die Wallenbergs eine alte schwedische, rein arische Familie seien, dass sie antibolschewistisch eingestellt und seien und sich zudem bei den Wirtschaftsverhandlungen Deutschland gegenüber «sehr anständig benommen» hätten, so der Wallenberg-Biograf Christoph Gann.
Als Wallenberg 1944, ausgestattet mit Rucksack, Schlafsack, Diplomatenpass
und Privilegien - von der schwedischen Regierung hatte Wallenberg sich unter
anderem Verhandlungsfreiheit, Reisefreiheit und nötigenfalls die Handhabe
für eine Fundraising-Pressekampagne und Bestechungen ausbedungen -, schliesslich
die Grenze nach Ungarn passierte, waren bereits Millionen von Menschen in den
Lagern von Auschwitz, Treblinka, Sobibor Belzec und anderswo umgebracht worden.
Doch dem jungen Schweden gelang es in nur sechs Monaten, vom Juli 1944 bis Januar
1945, Tausende von ungarischen Verfolgten vor diesem Schicksal zu bewahren.
Er konzentrierte sich auf humanitäre Aktionen wie die Austeilung von Essen
und ärztliche Versorgung im Ghetto. In über 30 Schutzhäusern
brachte er die Notleidenden unter. Er liess dem Judenrat eine grössere
Menge Geld zukommen und unterstütze ein ausgebombtes Kinderheim. Doch bald
erkannte er, dass die Vergabe von Schutzpässen, die zur Ausreise berechtigten,
eine grössere Hilfe darstellte als die Verteilung von Geld. Als die finanziellen
Mittel vom War Refugee Board (WRB) zur Neige gingen, forderte er über seinen
Geschäftspartner Lauer weitere WRB-Gelder an, die auch bewilligt wurden.
So trugen die Amerikaner die Mietkosten für die Häuser, in denen Verfolgte
untergebracht wurden. Für den Transfer weiterer Geldbeträge entwickelte
Wallenberg ausgeklügelte Verfahren - nun kam ihm seine widerwillig absolvierte
kaufmännische Ausbildung und sein Hintergrund als Mitglied einer bedeutenden
Bankiers-Familie sehr zustatten.
Wallenbergs Stab umfasste um die 115 Personen. Seine eigene Tätigkeit war
hauptsächlich organisatorischer und kommunikativer Art und bestand etwa
darin, Kontakte zu einflussreichen Beamten zu pflegen, die für sein Vorhaben
nützlich waren.
Helfer in Budapest
Zu den direkten Helfern Raoul Wallenbergs gehörte auch der damals 19-jährige Jonny Moser, der im April 1938 mit seiner jüdischen Familie aus dem burgenländischen Parndorf nach Ungarn abgeschoben worden war, womit eine siebenjährige Flucht begann, die die Familie in mehrere ungarische Lager führte. Als Mosers Familie im Sommer 1944 überraschend aus einem Lager entlassen wurde, stellten ungarische Freundinnen Jonny in der schwedischen Gesandtschaft Budapests Raoul Wallenberg vor. Wie Tausende andere Jüdinnen und Juden rettete Wallenberg die Mosers vor dem Terror, indem er die Familie Moser mit den begehrten schwedischen Schutzpässen ausstattete und den jungen Jonny auch als «Laufburschen» für seine Hilfsaktion beschäftigte. Moser erledigte Botengänge und war mit der heiklen Aufgabe betraut, die von Raoul Wallenberg verfassten Protestnoten in das Aussenamt zu bringen. Heute Historiker, hat Jonny Moser ein Buch über seine Erlebnisse, seine Mitarbeit bei Wallenbergs Hilfsaktion und das Überleben seiner Familie geschrieben.
Durch Raoul Wallenberg, Mitarbeiter wie Jonny Moser und andere Personen konnten über 119?000 Juden in Budapest die Zeit der Besetzung überleben. Dank seiner Beziehungen, seiner Sprachkenntnisse, seines Einflusses und des Respekts wegen, den er genoss, und dank seines grossen Mutes, gefährliche Stellen aufzusuchen, sorgte Wallenberg dafür, dass in Budapest so viele Juden dem Holocaust entkamen wie in keiner anderen Stadt im besetzten Europa. Zwar war Raoul Wallenberg nicht der einzige, der den verfolgten Juden in Budapest half. Schon vor Wallenbergs Eintreffen in der ungarischen Hauptstadt hatten andere, darunter Gesandte, der Doyen des diplomatischen Korps in Budapest, ein ungarischer Pfarrer und das Internationale Rote Kreuz, Massnahmen zur Rettung der Juden unternommen. Aber Wallenberg war der erste Gesandtschaftsangehörige in Budapest, der sich ausschliesslich für die Rettungsmission einsetzte und dabei ungewöhnliche Wege beschritt, indem er einen neuen Schutzstatus schuf und eine Stelle ins Leben rief, die diese Schutzpässe verteilte. Später entschlossen sich, seinem Beispiel folgend, andere neutrale Staaten, ähnliche Papiere auszugeben.
Ungeklärtes Schicksal
Beim Einmarsch der Roten Armee Anfang 1945 wurde Wallenberg von den sowjetischen Militärs gefangen genommen, mit der Eisenbahn von Budapest über Rumänien nach Moskau verschleppt und dort Anfang Februar 1945 ins Gefängnis gebracht. Im März 1945 schickte das schwedische Aussenministerium ein Telegramm an die Gesandtschaft in Moskau: Wann man denn mit Wallenbergs Rückkehr rechnen könne? Am selben Abend vermeldete Radio Kossuth, dass Raoul Wallenberg, der im Januar spurlos verschwunden sei, wohl von der Gestapo ermordet worden sei, eine Version, der sich auch die schwedische Seite anschloss, zumal die sowjetischen Militärbehörden nicht mit weiteren Informationen über Wallenbergs Schicksal dienen konnten oder wollten. Wallenbergs Schicksal nach 1945 galt lange Zeit als ungeklärt. Nach zunächst widersprüchlichen Angaben gab die Sowjetunion 1957 an, Wallenberg sei vermutlich 1947 in einem Moskauer Gefängnis verstorben, Beweise dafür konnten nicht vorgelegt werden. Später berichteten Kriegsgefangene über den zeitweise mit ihnen inhaftierten Wallenberg. Es hiess etwa, dass er in Verhören von sowjetischer Seite unter anderem mit seiner Herkunft aus einer «hochkapitalistischen» Familie konfrontiert worden sei. Vor allem aber verdächtigte man ihn der Spionage: Die Tatsache, dass er finanziell von Amerika unterstützt wurde, Gelder transferierte, Verbindungen zu deutschen und ungarischen Stellen hatte und aus einer Familie stammte, die Kontakte zu Deutschland unterhielt, musste misstrauisch machen. Nach dem Krieg wurde Wallenberg für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, und dies war nur die erste der Ehrungen, die Wallenberg für seinen Einsatz zuteil wurden.
Raoul Wallenberg Foundation
Geehrt wurde Raoul Wallenberg 1966 in der Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern. Er wurde Ehrenbürger der USA, Kanadas, Ungarns und Israels. Der König von Schweden verlieh ihm die höchste für eine Zivilperson mögliche Auszeichnung seines Landes. Ausstellungen in aller Welt würdigten seine Verdienste, Strassen und Schulen, Preise und Auszeichnungen wurden nach ihm benannt. Längst ist Wallenberg als historische Figur wie Gandhi oder Kennedy zu einer Ikone geworden. Sogar eine Oper wurde ihm mittlerweile gewidmet: «Raoul» von Gershon Kingsley wurde 2008 in Bremen uraufgeführt.
Bereits 1997 wurde die internationale Raoul Wallenberg Foundation gegründet. Die renommierte Stiftung mit Sitz in New York, Buenos Aires, Jerusalem und Berlin fördert den interreligiösen und interkulturellen Dialog, die Demokratie und die Menschenrechte durch Bildung und Erziehung sowie die Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen des Holocaust. Unter den bisher rund 180 Honorary Members befinden sich Nobelpreisträger sowie zahlreiche Regierungschefs und Minister. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gehört dazu. Ziel der Stiftung ist es, Initiativen zu bündeln und für Werte wie Courage und Solidarität, die Wallenberg in so hohem Masse auszeichneten, einzutreten - und die Umstände seines Verschwindens weiter zu erhellen: Denn Wissenschaftler, Politiker und Biografen beschäftigten sich über Jahrzehnte immer wieder mit der Frage, ob Wallenberg noch lange nach 1945 gelebt haben könnte. Zumal noch in den neunziger Jahren verschollen geglaubte Menschen aus russischer Gefangenschaft - und aus psychiatrischen Gefängniskliniken - freikamen, wo sie unter Decknamen oder nur einem Initial geführt worden waren. Am 22. Dezember 2000 wurden Raoul Wallenberg und sein mit ihm verschleppter Mitarbeiter Vilmos Langfelder offiziell von Russland rehabilitiert. Der Generalstaatsanwalt erklärte, die beiden seien widerrechtlich festgenommen und aus politischen Gründen ihrer Freiheit beraubt worden. Im Januar 2001 legte die schwedisch-russische Untersuchungskommission ihre Berichte vor. Die russische Seite beharrte darin auf ihrer Darstellung, Wallenberg sei im Juli 1947 in Moskau ums Leben gekommen. Die schwedische Seite hält dies nicht für erwiesen. Im Jahr 2003 gab Schweden einen Bericht über eigene Versäumnisse in den ersten Jahren nach Wallenbergs Verschleppung heraus. Einer Untersuchung über Versäumnisse in späteren Jahren - wie sie der russische Bericht von 2001 nahelegt - steht aus. Seit 2008 ist im Internet eine Datenbank über Dokumente und Zeugenberichte abrufbar. Es spricht demnach viel dafür, dass Wallenberg noch nach 1947 lebte. Die Nachforschungen gehen weiter.


