Fluchtpunkt Stockholm
Womöglich war die Tradition des aufbau als Publikation deutsch-jüdischer Flüchtlinge in New York für die Perspektive verantwortlich, aus der wir in dieser Ausgabe die schwedische Hauptstadt Stockholm betrachten: Als Metropole, die Flüchtlinge und Immigranten aufnimmt und diesen zunächst Exil bietet und später zur Heimat wird. Aber bei der Arbeit wurde der Redaktion bewusst, dass die Betrachtung Stockholms als «Fluchtpunkt» tatsächlich nicht nur einen Blick auf einzelne jüdische Schicksale eröffnet, sondern auf brennende Fragen, welche die schwedische Gesellschaft insgesamt betreffen.
So arbeitet der junge Akademiker Mikael Tossavainen in seinem Essay über «arabischen und muslimischen Antisemitismus in Schweden» heraus, dass sich innerhalb der heterogenen, rund 300'000 Menschen zählenden Gemeinschaft von Einwanderern aus dem Nahen Osten radikale Gruppen gebildet haben. Seit dem Scheitern des Oslo-Prozesses im Palästina-Konflikt im Jahr 2000 wenden sich vor allem jüngere Muslime islamistischen Predigern zu, deren antisemitische Botschaften über das Internet und von lokalen Medien verbreitet werden. Der Judenhass bricht sich immer wieder auch in Taten Bahn, und obwohl Gewaltakte längst nicht das etwa in Paris evidente Ausmass erreicht haben, wagen es die 30'000 Mitglieder der jüdschen Gemeinde kaum noch, sich etwa durch eine Kippa in der Öffentlichkeit erkennbar zu machen. Die schwedische Gesellschaft steht diesem Problem anscheinend recht hilflos gegenüber, da die humanistische Tradition der Toleranz drastische Interventionen gegen «andersgläubige» Minoritäten behindert, so Tossavainen, der sich seit einigen Jahren mit diesen Fragen beschäftigt. Sein Aufsatz stammt aus dem soeben erschienenen und von Manfred Gerstenfeld herausgegebenen Buch «Behind the Humanitarian Mask: The Nordic Countries, Israel and the Jews».
Aber neben dieser negativen Entwicklung zeigen die Beiträge, wie Einwanderer die Chancen ergriffen haben, die ihnen Stockholm bietet, und dann zur Bereicherung des kulturellen Lebens der Stadt beitragen. So stellen unsere langjährige Mitarbeiterin Monica Strauss und der Stockholmer Autor und Dokumentarist Bo Persson den Schriftsteller Claude Kayat vor. Im tunesischen Sfax geboren, ist Kayat als 16-Jähriger vor der Unabhängigkeit Tunesiens 1955 mit seiner Familie nach Israel ausgewandert, ehe er einige Jahre später der Einladung von Freunden folgte und zu einem Besuch nach Stockholm reiste. Kayat entschloss sich zu bleiben, absolvierte ein Studium und fand Anstellung als akademischer Lehrer. Gleichzeitig führte er seine bereits in jungen Jahren begonnene schriftstellerische Arbeit fort – doch seine Romane schreibt Kayat bis heute im Französischen seiner Kindheit, während er seine Dramen in seiner Alltagssprache Schwedisch auf die Bühne bringt.
Unsere Kollegin Irene Armbruster begegnet der Kostümdesignerin Gunilla Palmstierna-Weiss, die von ihrer eigenen Arbeit und dem Leben mit ihrem verstorbenen Mann berichtet, dem in Berlin geborenen Schriftsteller Peter Weiss. Palmstierna-Weiss stammt aus der kleinen schwedischen Oberklasse, die mit Raoul Wallenberg auch eine Lichtgestalt hervorgebracht hat, mit der sich das offizielle Schweden heute gerne schmückt. Doch wie unsere Hamburger Mitarbeiterin Katja Behling deutlich macht, hat Wallenberg nicht nur auf eigene Faust gehandelt, als er 1944 in Budapest mit der Rettung Tausender Juden begann, sondern auch gegen den Konsens der politischen Eliten. Gleichwohl wäre ohne die Hilfe der schwedischen Bevölkerung die Rettung der dänischen Juden im Oktober 1943 nicht geglückt.

