Schofar – Klang der Seele
Die tiefere Bedeutung der Feste Israels erweist sich nicht nur durch ihren historischen Zusammenhang oder durch die theologischen und mystischen Erklärungen, die im Verlauf von Generationen formuliert worden sind. Mehr als alles andere bringen die sie charakterisierenden Mizwot (Gebote) und Minhagim (Gebräuche) diese tiefere Bedeutung zum Ausdruck, seien dies nun die positiven Mizwot oder die zum Feiertag gehörenden Verbote. So lässt sich beispielsweise das Wesen des Pessachfestes nicht begreifen, ohne dass man sich vertieft mit dem Verbot von «chamez» (Gesäuertem) beschäftigt, und das Sukkotfest bleibt so lange unverständlich, wie man sich nicht eingehend mit der Mizwa der Sukka (Laubhütte) befasst.
Wenn wir uns nun mit Rosch Haschana beschäftigen, so stellt sich heraus, dass die Mizwa des Schofarsblasens die einzige Mizwa dieses Festes ist. Zwar gibt es zahllose mit dem Feiertag in Verbindung stehende Minhagim, wie etwa den Brauch des Taschlich, die verschiedenen Symbole am festlichen Abendessen von Rosch Haschana und so weiter.
In der Thora aber figuriert nur eine Mizwa – eben die des Schofars. Dieses Gebot wird in der Thora wie folgt beschrieben: «Und im siebten Monat am ersten Tag des Monats sollt ihr eine heilige Berufung haben, keine Arbeitsverrichtung sollt ihr tun, ein Tag des Posaunenschalls sei es euch» (Num. 29:1). Unsere Weisen lehren durch Vergleiche mit anderen Stellen in der Thora, dass der Ausdruck «Tag des Posaunenschalls» für das Schofarblasen steht. Hier ist nicht der Ort, um sich lange mit der Frage zu befassen, wie die Weisen zu den verschiedenen Arten von Tönen gelangt sind, die wir an diesem Tag in der Synagoge hören. Ich möchte mich in diesem Artikel vielmehr mit einer einzigen grundlegenden Frage beschäftigen: Wie definieren und charakterisieren wir die Mizwa des Schofars?
Einer der zentralen Prüfsteine dieser Frage ist die Formulierung des Segensspruchs (eine «bracha», die die Weisen für die Erfüllung der Mizwa festgesetzt haben). Unsere Weisen in den ersten Generationen waren sich nicht einig in der Frage, wie der Segensspruch für das Blasen des Schofars zu lauten hat. Eine Minderheit vertrat die Ansicht, es müsse eine «bracha» über das Schofarblasen gesagt werden, ähnlich dem Segensspruch, den man an Purim vor der Megila sagt («al mikra megila»). Die Mehrheit der Weisen Israels war jedoch anderer Meinung und gelangte zum Schluss, dass die «bracha» dem «Hören des Schofars» zu gelten habe. So führen wir es bis heute. Dieser Konflikt bezüglich der passenden «bracha» ist nicht nur philologischer Art. Vielmehr verbirgt sich hier die viel wesentlichere Frage nach der Definition der Mizwa des Schofars. Ist der Inhalt der Mizwa das Blasen des Schofars oder das Hören des Tones? Wie wir wissen, wurde de facto die Ansicht akzeptiert, dass die «bracha» auf das «Hören des Schofartones» zu sagen sei. Vor diesem Hintergrund kann man sagen, dass der Charakter der Mizwa mit dem Hören und Zuhören in Zusammenhang steht. So hält es denn auch der Rambam (Maimonides) in seinem Buch über die Mizwot fest: «Und die Mizwa des Schofars ist, dass uns aufgetragen worden ist, den Ton des Schofars am ersten Tag des Monats Tischri zu hören, und das sagte der Ewige in den Worten ‹ein Tag des Posaunenschalls sei es euch›.»
Mit dieser Definition unterscheidet sich die Mizwa des Schofars von allen anderen uns bekannten Geboten dadurch, dass sie die einzige Mizwa ist, die wir durch das Hören erfüllen. Auch jene Mizwot, die auf den ersten Blick wie Mizwot aussehen, die man mit dem Hören erfüllt, wie etwa die Mizwa der Megila an Purim, werden von den Weisen als Gebote definiert, die in der Praxis durch das Lesen erfüllt werden, wobei der Hörende dem Antwortenden gleicht. Das heisst, dass er durch das Hören zum Partner des Lesens durch den Vorlesenden wird. Die Definition der Mizwa des Schofars ist auch durch ihre Passivität einzigartig. Die überwiegende Mehrheit der uns bekannten Gebote ist geprägt durch aktives Handeln, wie etwa das Essen der Matzot oder das Schütteln des Lulaw. Ausgerechnet am ersten Tag von Rosch Haschana treffen wir auf eine Mizwa, die von uns ein Minimum an Aktivität verlangt, dringen die Töne des Schofars doch auch ohne jegliches Handeln unsererseits in unser Ohr ein. Warum denn befiehlt uns Gott ausgerechnet an diesem heiligen Tag, derart passiv zu sein? Was ist das Besondere an der Eigenschaft des Hörens, dass ausgerechnet sie dazu bestimmt worden ist, das neue Jahr zu eröffnen?
Zwei Weltanschauungen
Um den tieferen Sinn der Dinge zu begreifen, möchte ich hier aus den Worten von Raw David Hacohen zitieren, genannt Haraw Hanasir. Als Schüler von Raw Avraham Itzhak Hacohen Kook hat er dessen Bücher redigiert. Die folgenden Zitate entstammen dem Buch «Kol hanevua» («Stimme der Prophetie») des Raw Hanasir, in dem der Autor eingehend die besondere Art der Logik der jüdischen Denkweise beschreibt. Nach Ansicht von Raw David Hacohen - er wohnte übrigens in den Jahren 1914 bis 1921 in Basel, wo er an der örtlichen Universität lehrte und gleichzeitig an der Schomre Thora unterrichtete - ist das Besondere an der hebräischen Logik ihr Aspekt des Hörens, Zuhörens. Dies im Gegensatz zur gängigen westlichen Logik. Seine Äusserungen unter dem Titel «Ansicht und Zuhören» lauten folgendermassen: «Die hebräische Logik ist prophetisches Zuhören. Es handelt sich um zwei Weltanschauungen, oder, genauer genommen, gibt es eine Weltanschauung und ein Zuhören der Welt. Die erste ist typisch für die griechisch-heidnisch-objektive Logik, die der abendländischen Wissenschaft zugrunde liegt, bei welcher das Studium, die Theorie, die Betrachtung und von der Welt und ihrer Taten zuoberst stehen. Das gilt nicht für die hebräische Logik, die eine Logik des Hörens ist. Sie schaut nicht auf die Welt oder die Götter der Welt, sondern hört auf die Gesetze der Welt und lauscht auf das unsichtbare und unerwartete Gebot, dessen Wort einer Prophetie gleichkommt».
Raw David Hacohen stellt in diesem Satz zwei Weltanschauungen einander gegenüber. Auf der einen Seite steht die abendländische Welt, eine auf der hellenistischen Logik basierende Welt, die während Tausenden von Jahren ihrer Existenz die verschiedenen Richtungen von Wissenschaft und Ästhetik entwickelt hat. Die Entwicklung dieser Welt geschah durch ein Betrachten der uns umgebenden Welt und durch Formierung der Naturgesetze und der kulturellen und moralischen Werte von dieser externen Warte aus betrachtet. Es sei betont, dass der Raw Hanasir diese Welt nicht zurückweist, hat sich die Menschheit doch dank dieser «Weltanschauung» auf eine unvorstellbare Art entwickelt. Der Autor macht uns aber aufmerksam auf die Grenzen dieser Methode, welche die Naturerscheinungen nur an ihren äusseren Schichten versteht. Dieser Methode gegenüber steht die jüdische Weltanschauung, welche in ihren Mittelpunkt nicht das Betrachten der Welt stellt, sondern das Lauschen auf das Geschehen jenseits der Kulissen dieser Welt. In anderen Worten lässt sich sagen, dass die jüdische Denkweise sich nicht begnügt mit den Phänomenen, sondern bestrebt ist, zu verstehen, wie diese Erscheinungen den hinter ihnen stehenden göttlichen Willen offenbaren. Um zur inneren Bedeutung der Dinge vorzudringen, kann man sich nicht auf das Betrachten alleine beschränken, sondern muss auf den Willen Gottes lauschen, der in der Thora und in den Worten der Weisen über Generationen hinweg zum Ausdruck gelangt. Nicht zufällig lautet der für Tausende von Juden im Zuge der Geschichte am geläufigsten Satz «Höre Israel, Gott ist unser Gott, Gott ist einzig» (Deut. 6:4). Mehr als alles andere widerspiegelt dieser Satz die Essenz der jüdischen Weltanschauung, und zwar nicht nur hinsichtlich seines Inhalts, der sich mit der Einheit Gottes befasst und mit dessen spezieller Beziehung zum Volke Israel, sondern auch durch die Hervorhebung der Methode, welche es gestattet, sich diese Ideen zu eigen zu machen: durch das Hören – «Schema Israel».
Die Töne gesehen
Nach diesem kurzen Abstecher zur Methode des «Raw Hanasir» kehren wir zurück zum Schofarblasen an Rosch Haschana. Die Töne des Schofars sind keine klaren Töne. Wir haben hier keine beeindruckende Symphonie von Tönen vor uns, sondern eine Folge langer und abgehackter Töne. Aber genau dieses Aneinanderreihen von Tönen, die wie aufschreiende, weinende Stimmen klingen, kommt, um uns aus unserem Dämmerschlaf zu wecken und uns zu zwingen, auf die hinter ihnen stehende Stimme Gottes zu hören. Die Töne des Schofars erinnern uns auch an das Geschehen am Berg Sinai, und es ist alles andere als ein Zufall, dass ausgerechnet in Zusammenhang mit dieser Situation das Hören, Zu-hören auf so wundervolle Art betont wird. Einerseits handelt es sich um eine visuelle Situation, laut der Beschreibung der Thora war der Berg völlig eingehüllt in Rauch und Feuer. Andererseits schildert die Thora, dass das Volk nicht nur Rauch und Feuer gesehen hat, sondern: «Das ganze Volk sah die Töne.» Das Volk erreichte die höchste Stufe der Prophetie, auf welcher es die innere Bedeutung von dem begriff, was seine Augen sahen - die Töne!
Im Gegensatz zur gängigen Denkweise, gemäss welcher das Hören eine passive Tätigkeit ist, verstehen wir jetzt, dass von einer aktiven Tätigkeit sondergleichen die Rede ist. Echtes Zuhören bedeutet nicht das physiologische Aufnehmen von Tönen durch ein Hörglied im Ohr, sondern ein inneres, tiefes Betrachten, welches seelischer Kräfte und grosser Anstrengungen bedarf. Das Gebot des Hörens des Schofars an Rosch Haschana soll uns helfen, für einige Momente den wahnsinnigen Konkurrenzkampf zu unterbrechen, in dem wir leben. Das Gebot will uns auch lehren, mit dem Hören und Zuhören anzufangen. Was sollen wir hören, verehrte Leser? In erster Linie uns selbst. Wir sollen auf die jüdische Seele in uns hören, auf unsere geistigen Bedürfnisse, die in der Routine des stressigen Alltags zur Seite gedrückt werden. Durch all dies sollen wir dazu gelangen, Gott zuzuhören, der durch die Geschichte, die Natur, vor allem aber durch die Thora zu uns spricht. Darüber hinaus gibt es aber noch weitere Kreise, denen gegenüber wir die Qualität unseres Zuhörens verbessern müssen - unseren Kindern, unseren Eltern, unseren Partnerinnen und Partnern gegenüber, aber auch unseren Freunden und ganz allgemein unserer Umwelt gegenüber. Es handelt sich hier nicht um ein simples äusseres Zuhören. Vielmehr geht es, wie bereits erwähnt, um ein Bemühen, das zu entdecken, was sich hinter dem Gehörten verbirgt. Nur mit Hilfe dieses inneren Zuhörens wird es möglich sein, die Verbindungen zu den uns Umgebenden zu vertiefen, in erster Linie zu den Menschen, die uns am meisten lieben.
Rabbiner Yaron Nisenholz


