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26. September 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 39/40 Ausgabe: Nr. 39 » September 26, 2008

Mit Wort und Tat reagieren

September 26, 2008
Heute scheinen wir die Auswirkungen von Wechsel, Transformation und Veränderung viel stärker zu spüren als je zuvor. Zu Zeiten unserer Grossväter und sogar Väter pflegten offensichtliche Veränderungen sich über Jahrzehnte wenn nicht gar Jahrhunderte hinweg zu entwickeln. Die Zeit schien viel langsamer voranzuschreiten.

Es kommt es uns heutzutage vor, als würden wir in einem beschleunigten Tempo leben, und Dinge, die sich erst vor zwei Jahren zutrugen, scheinen Geschichte zu sein. Technologie ist ein Teil der Erklärung, aber es steckt mehr dahinter. Die Veränderungen, welche Wachstum und Fortschritt mit sich bringen, sind wesentlich für die eigentliche Definition des Lebens. Nicht nur brauchen wir solche Veränderungen, unser Leben hängt von ihnen ab. Trotzdem sind Wechsel manchmal erschreckend oder mit Gefahren verbunden. Der Status quo verleiht und ein Gefühl der Sicherheit und des Bekannten. Gibt es dagegen Bewegungen und Verschiebungen, können Dinge auseinander brechen, zusammen fallen oder einfach weniger voraussagbar sein.

Vom Gehen zum Schwimmen

Bei jedem Prozess der Veränderung von einer Phase zur anderen gibt es einen Moment der Unbestimmtheit, eine offensichtliche Leere, die grenzenloses Potenzial in sich birgt. Diese Periode ist sehr riskant, da in ihr alles geschehen kann. Sie kann recht kurz sein, doch wenn man zögert, wird sie länger und länger und vielleicht sogar bedrohlicher. Dies geschieht beispielsweise beim Übergang vom Gehen zum Schwimmen. Es gibt einen Weder-Noch-Moment, in dem man zwar nicht mehr auf sicherem Untergrund steht, aber auch noch nicht schwimmt.

Auf einer anderen Ebene müssen wir beim Erlernen von neuem Wissen einen Teil unseres bisherigen Wissens zum Thema aufgeben, damit wir die aktuelle Information integrieren können. Wenn wir zu stur an unseren bisherigen Vorstellungen festhalten, werden wir nie imstande sein, etwas zu lernen; wir werden nie zum Forschritt fähig sein. Das erklärt vielleicht, warum Kinder so leicht Sprachen erlernen: Sie haben viel weniger vorgefasste Ideen. Das Auge offeriert eine Metapher für diese Vorstellung: Das einzige Teil des Auges, das sieht, ist die Pupille, die über keine Farbe verfügt (also keine vorgefasste Ideen hat). Die Iris, die ihre eigene Farbe besitzt, sieht nichts.

Veränderungen vollziehen

Reue ist ein Wechsel, der sich in Gedanken, im Wort und dann in der Tat vollzieht. Wir kennen die Macht des Göttlichen Wortes, wurde die Welt doch durch dieses Wort erschaffen. Durch die Fusion spezifischer Töne wurde die Realität der weltlichen Existenz vollbracht. Und auch wenn unsere Worte die Worte von Menschenwesen sind, können auch sie echte Wandel bewirken.

Reue beginnt mit Gedanken und Gefühlen, doch Worte sind das erste externe Zeichen für Reue: Die Worte der Slichot, der zehn Tage der Reue, und des Psalms «LeDavid HaShem Ori veYishi», den wir bis Simchat Thora rezitieren. Die Worte sind die Öffnung zur Leere, zum Nichts, das alle Möglichkeiten enthält, zum Wendepunkt, wenn wir uns selber transformieren können.

Diese Zeit ist voll Unsicherheit und ehrfürchtiger Scheu, und so sollte es auch sein. Ich glaube, der Allmächtige hat die Welt geschaffen, auf dass sie verändert würde, und es ist kein Zufall, dass er uns die Fähigkeit, den Wunsch und den Wahnsinn gegeben hat, die es braucht, um diese Veränderungen zu vollziehen. Auch wenn alle Geschöpfe Gottes die Erzeugnisse des göttlichen Wortes sind, haben nur wir die Fähigkeit, zu reagieren, in Wort und Tat zu antworten, und die Transformation und die Perfektion herbeizuführen, welche die Welt benötigt.

Wenn wir dies tun, können wir zusammen mit Gott teilhaben an der kontinuierlichen Erschaffung der Welt. Mögen Sie mit einem glücklichen und gesunden Neuen Jahr gesegnet sein.

Rabbiner Adin Steinsaltz





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