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26. September 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 39/40 Ausgabe: Nr. 39 » September 26, 2008

Heiraten in Israel - Affäre Druckmann - Charedim vs. Nationalreligiöse

September 26, 2008
Begleittexte zu Artikel "Hürdenlauf jüdische Heirat"

Heiraten in Israel - Keine Zivilheirat

Israel kennt keine Zivilheirat. Das Zivilrechtswesen (Hochzeiten, Scheidungen, Begräbnisse) untersteht dem Oberrabbinat, das seit einigen Jahren von streng orthodoxen (charedischen) Rabbinern geleitet wird. Wer also in Israel offiziell jüdisch heiraten möchte, der kann dies nur mit einem orthodoxen Rabbiner und nach orthodoxem Ritus über eine Rabbanut (religiöses Zivilstandsamt) tun. Dem Oberrabbinat stehen zwei Oberrabbiner vor, die für jeweils zehn Jahre ins Amt gewählt werden. Dabei sind es immer ein aschkenasischer und ein sephardischer Rabbiner, und jeder hat während fünf Jahren das Amt des «Rosch aw batei hadin» inne, das Amt des religiösen Oberrichters. Heiratswillige Ausländer müssen in Israel eine vom Rabbiner ihrer Heimatgemeinde ausgestellte «teudat jahadut werawakut» mitbringen, eine Bestätigung, dass sie jüdisch und unverheiratet sind. Sind der zuständigen Rabbanut in Israel die ausländische jüdische Gemeinde und der Rabbiner, der das Dokument signiert hat, nicht bekannt, so wendet sie sich normalerweise an den Geschäftsführer der Europäischen Rabbinerkonferenz und fragt dort nach (bei Ausländern aus Europa). Schwieriger wird es, wenn Konvertiten oder Kinder von Konvertiten mit einer Heiratsanfrage an eine Rabbanut in Israel gelangen. Obwohl es im Judentum diverse Strömungen gibt (orthodox, konservativ, Reform, rekonstruktionistisch oder liberal), werden vom Oberrabinat nur Giurim akzeptiert, die nach orthodoxem Ritus durchgeführt wurden. Bei Giurim aus dem Ausland prüfen die Angestellten der Rabbinate, wer den Übertritt vollzogen hat. Dabei gibt es Listen mit Namen von Rabbinern weltweit, die als «genügend orthodox» eingestuft werden und die man kennt und denen man «vertrauen kann», dass der Übertritt, den sie vollzogen haben, rechtens war. Führende Talmudhochschulen weltweit erstellen jährlich Listen mit den Namen der neu ordinierten Rabbiner. Wurde der orthodoxe Übertritt bei einem bekannten orthodoxen Rabbiner vollzogen oder bei einem, den der zuständige Beamte auf der Rabbanut zufällig kennt, sollte einer Hochzeit stattgegeben werden. Was auf den ersten Blick klar und transparent erscheint, ist in der Realität oftmals kaum nachvollziehbar und unterliegt der Willkür. Oft wird Heiratswilligen ohne plausible Begründung die Heirat verweigert. Dabei spielen unzählige Mechanismen eine Rolle, wobei es auch um politische Machtkämpfe zwischen den unterschiedlichen Strömungen des Judentums geht, wie ein renommierter israelischer orthodoxer Rabbiner gegenüber tachles erklärt. Weiter sprechen in Israel ansässige Rabbiner, die namentlich nicht genannt werden möchten, von «Machtspielen», «Intransparenz», ja gar von «Korruption» bei der Heiratspraxis in Israel. Es käme darauf an, welcher Beamte auf welcher Rabbanut die Dokumente in die Hand bekäme, welche Beziehungen Heiratswillige zu den richtigen Stellen im Oberrabbinat oder zu wichtigen Rabbinern hätten und auch dies wird von verschiedenen vertrauenswürdigen Quellen gesagt «wie viel Geld unter dem Tisch fliesst». «Wird eine schöne Summe Geld ‹gespendet›», erzählt ein junger orthodoxer Rabbiner aus Europa, «so klappt es auf einmal auch mit der Heiratsbewilligung» von Konvertiten oder deren Kindern. Und da es beim Oberrabbinat «keine klaren Regelungen gibt», so der Rabbiner weiter, könne bei einem Negativentscheid auch keine Einsprache erhoben werden.

Affäre Druckmann - Streit um Übertritte

Bezeichnend für die willkürliche Heiratspraxis in Israel ist die sogenannte «Affäre Druckman», die den grossen Konflikt zwischen den Charedim und den Nationalreligiösen beispielhaft porträtiert (tachles berichtete). Ein Blick zurück: In den neunziger Jahren kamen mit der grossen russischen Einwanderungswelle auch unzählige nicht jüdische Russen nach Israel. Die für die Alija, die Einwanderung nach Israel, angewandte Definition weicht von der orthodoxen religiösen Auffassung ab: Das Recht auf Alija umfasst sowohl zum jüdischen Glauben Konvertierte als auch Personen mit nur einem jüdischen Vater oder sogar nur einem jüdischen Grosselternteil. Die Definition, wer Alija machen darf, wurde ursprünglich von den nationalsozialistischen «Nürnberger Gesetzen» abgeleitet – jeder Mensch mit jüdischen Wurzeln, der von den Nazis verfolgt gewesen wäre, hat heute das Recht, nach Israel einzuwandern. Somit stellte sich mit der russischen Massenalija auch die Frage, wie man die vielen Nichtjuden schnellstmöglich in die jüdisch-israelische Gesellschaft integrieren und die langwierigen Übertrittsprozesse der Charedim beschleunigen könne. Die Regierung wollte die ultraorthodoxe Bürokratie umgehen, denn diese Neueinwanderer standen vor der paradoxen Situation, zwar vom Staat Israel als vollwertige Bürger anerkannt zu werden, aber in ihrer neuen Heimat nicht nach jüdischem Gesetz heiraten zu dürfen. Es wurde ein sogenanntes Departement für Übertritte ins Leben gerufen, das direkt dem Büro des Ministerpräsidenten unterstellt ist. Rabbiner Chaim Druckman, ein ehemaliges Knessetmitglied der nationalreligiösen Partei und renommiertes Oberhaupt der nationalreligiösen Bne-Akiwa-Bewegung, wurde als Vorsteher ernannt. Von Anfang an war die Giur-Behörde mit internen Machtkämpfen belastet, mit äusserem Druck und den Versuchen der Charedim, die Entscheide der Behörde zu delegitimieren. Es war von Anfang an klar, dass eine solche Behörde, getrennt vom rabbinischen Establishment, Grabenkämpfe hervorrufen würde. Im Mai dieses Jahres entliess Ministerpräsident Ehud Olmert auf Druck der charedischen Rabbiner des Oberrabbinats Rabbiner Druckman, dem von den Charedim vorgeworfen wird, Tausende von Übertritten zu nachsichtig vollzogen zu haben. Dass es hier vor allem um politische Machtspiele geht, ist augenscheinlich: Olmert ist in der Knesset auf die ultraorthodoxen Koalitionspartner angewiesen. Als Höhepunkt der Machtkämpfe wollten charedische Oberrabbiner nachträglich rund 15?000 Übertritte, die Rabbiner Druckman in den vergangenen Jahren durchgeführt hatte, rückgängig machen und für ungültig erklären. Der sephardische Oberrabbiner Shlomo Amar hat diesen Antrag jedoch abgelehnt. Zudem hatte Avraham Sherman, Rabbiner am Oberrabbinat, angeordnet, dass die Voraussetzung zur Anerkennung eines Übertritts die Einhaltung aller jüdischen Mizwot (Gebote) sei. Sonst sei es möglich, den Übertritt nachträglich als ungültig zu erklären. Zudem dürfen die Rabbinate, die religiösen Zivilstandsämter in Israel, keine Konvertiten vermählen, wenn diese nicht orthodox leben. Inwiefern diese Praxis tatsächlich Anwendung findet, ist nicht klar.

Charedim vs. Nationalreligiöse - Religion gegen Staat

Die unterschiedliche Übertrittspraxis der Nationalreligiösen und der Ultraorthodoxen hat ihren Ursprung in der wichtigen Frage nach der Bedeutung des Staates Israel. Das politische Gebilde Israel hat für die Charedim keinerlei religiöse Bedeutung, der jüdische Staat als solcher wird eher abgelehnt. Sie machen keinen Militärdienst und schotten sich von ihrem nicht religiösen Umfeld ab. So soll auch nicht jeder von aussen mittels Übertritt in die Gemeinschaft aufgenommen werden können, und falls doch, dann muss er streng orthodox leben. Die Nationalreligiösen verfolgen ein ganz anderes Ziel, nämlich die Stärkung des Staates Israel, der für sie auch eine religiöse Bedeutung hat. Sie sprechen am israelischen Unabhängigkeitstag spezielle Gebete, leisten Militärdienst und anerkennen auch dies im krassen Gegensatz zu den Charedim säkulare Israeli als Teil des jüdischen Staates. Eine unbürokratischere Giur-Praxis für die grosse Anzahl nicht jüdischer Russen steht somit im Interesse der Nationalreligiösen, führt aber zugleich innerhalb der Gruppe der Konvertiten zu einer Zweiklassengesellschaft. Wie sich die Situation in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird, hängt, so ein junger europäischer Rabbiner, der seit vielen Jahren in Israel lebt, davon ab, wie «gut jede Seite ihre Weltanschauung verkaufen kann», das heisst, wie sich das Machtverhältnis in der Politik verteilt. Klar ist, dass sich von verschiedener Seite Widerstand gegen die sture und einseitige Praxis des orthodoxen Oberrabbinats formiert. Diverse religiöse Frauenorganisationen, nationalreligiöse und andere weltliche Institutionen sowie der Rabbinical Council of America und andere haben sich bereits kritisch geäussert. Von diversen Seiten wurden auch Stimmen zugunsten der Einführung von Zivilhochzeiten – zumindest vorerst für Nichtjuden – laut. Indessen bieten sich mehr Alternativmöglichkeiten für Hochzeiten ausserhalb der Rabbanut an, von denen auch jüdisch-israelische Paare, die eigentlich über eine Rabbanut heiraten könnten, Gebrauch machen: Die Palette reicht von Reformhochzeiten über säkulare und Alternativzeremonien bis zu traditionellen Hochzeiten. Und schliesslich lassen sich immer mehr junge israelische Paare im Ausland – vornehmlich auf Zypern – einfach nur zivil trauen. DZ





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