Erste Kontakte nach Deutschland
Der ungeschriebene Deutschland-Boykott des Museums der Ghettokämpfer war bei Gründung der Institution eingeführt worden und wurde auch nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel aufrechterhalten. Bis vor wenigen Wochen hatte die Verwaltung des Museums sich geweigert, Delegierte nach Deutschland zu schicken oder offizielle Besucher von dort zu empfangen. «Wir sahen ein», meint Museumsdirektor Simcha Stein, «dass wir unsere Wege ändern mussten.»
Das Museum liegt direkt neben dem von Holocaust-Überlebenden gegründeten Kibbuz Lochamei Haghettaot südlich von Nahariya. Im Verlauf des Jahres war es im Museum zu zahlreichen heftigen Diskussionen über eine Kooperation mit deutschen Institutionen gekommen. Einige der älteren Mitarbeiter verliessen den Saal sogar bei diesen Diskussionen. Die meisten der Angestellten des Museums waren Kibbuzmitglieder, die einen Boykott über die Benutzung deutscher Produkte verhängt hatten. «Im Laufe der Zeit wurde dieses Gefühl einer Erosion ausgesetzt», gibt Stein zu. Er selber hat Deutschland nie besucht, doch unterstützt er nach seinen eigenen Worten den Beschluss, Lehrer und Instruktoren nach Berlin zu schicken.
Erste Annäherungen
Ein Teil des Umdenkens war bereits die Beherbergung deutscher Universitätsstudenten durch das Museum in den siebziger Jahren. Zu dieser Geste kam es aber erst, nachdem die Studenten eine schriftliche Zustimmung zum Besuch vorlegten, die vom damaligen Bundeskanzler Willy Brandt unterschrieben war. Brandt war bekanntlich aktiv im Widerstand gegen die Nazis engagiert gewesen. Ein Jahrzehnt später willigte das Museum ein, den Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Israel als Gast zu empfangen, doch nur im Rahmen einer privaten Visite und nicht in seiner offiziellen Kapazität als Vertreter der deutschen Regierung. Einige der älteren Mitarbeiter hatten sich, wie Stein betont, dem Besuch heftig widersetzt.
Der jetzige Besuch in Berlin wurde dank Mania Kasten möglich, einer deutschen Aktivistin, die sich für Förderung des deutsch-israelischen Dialogs einsetzt. Vor einigen Wochen setzte sie sich von Deutschland aus telefonisch mit dem Museum in Verbindung, um mit Tanya Ronen zu sprechen, die verantwortlich ist für die Beziehung der Institution zu West- und Zentraleuropa. «Ich hatte von Gerüchten gehört, denen zufolge sich das Museum nicht an Besuchen in Deutschland beteiligt, doch ich war mir nicht bewusst, dass ich dabei war, die erste Visite überhaupt in die Tat umzusetzen.» Kasten beschrieb Ronen als eine Person, die nicht «rigide die Konzepte der Vergangenheit befolgt». Ronen selber war schon einige Male in Deutschland, und sie zeichnete auch verantwortlich für die Zusammensetzung der jetzigen Delegation. Ursprünglich hätten elf Personen an dem Projekt teilnehmen sollen, doch zwei Frauen entschieden zum Schluss, dass sie nicht in der Lage wären, einen Fuss auf deutschen Boden zu setzen.
Das Geschehene begreifen
Am letzten Donnerstag war es nun so weit. Die neun israelischen Pädagogen des Museums sassen einigen Aktivisten der Kreuzberg-Initative gegen Antisemitismus (KIgA) gegenüber. Hier handelt es sich um eine nicht staatliche Organisation, die in Berlins Immigrantenquartieren gegen den Antisemitismus und den muslimischen Radikalismus kämpft. Vor diesem Treffen hatte die israelische Delegation an einem zweitägigen Seminar bei Wannsee mit Aktivisten von Mania Kastens Organisation Eine Hand teilgenommen. Sie besichtigten auch das Gelände des KZ Ravensbrück vor der deutschen Hauptstadt. «Ich hatte ein ernsthaftes Dilemma im Zusamenhang mit einem Besuch von Deutschland, was ich schon viele Jahre nicht getan hatte», meinte Esti Katz, Mitglied der israelischen Delegation und Tochter eines Holocaust-Überlebenden. «Nachdem ich aber seit Jahren über den Holocaust unterrichte, begriff ich, dass ich so lange nicht das ganze Bild vermitteln würde, wie ich nicht den Ort besuche, an dem alles begann. Ich bin hierher gekommen, um das letzte Mosaiksteinchen ins Bild zu setzen.»
Sarin David, eine weitere Lehrerin, sagte: «Nach meinem Besuch in Deutschland verstehe ich, dass der Holocaust an anderen Orten, Israel ausgenommen, weiterlebt.» Ihre Kollegin Tzippi Naveh fügte hinzu: «Die meisten von uns befassten sich mit dem Thema Holocaust, ohne überhaupt die deutsche Seite kennengelernt zu haben. Vor Reisebeginn war ich nervös bezüglich des Zusammenkommens mit älteren Deutschen der Holocaust-Generation, doch habe ich dieses Gefühl in den Griff bekommen.» Sie hatte darum gebeten, einen Grossvater einer ihrer deutschen Gastgeber zu treffen, um die Dinge besser zu verstehen. Hedva Hadar, Leiterin der Erziehungsabteilung des Museums der Ghettokämpfer, betonte, dass sich das Seminar zum Teil mit der Frage befasste, wie die Lehren des Holocaust an die sogenannte «dritte Generation» zu vermitteln seien. Unter der «dritten Generation» versteht man die Enkelkinder sowohl der Überlebenden als auch der Täter.
Assaf Uni, Eli Ashkenazi


