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26. September 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 39/40 Ausgabe: Nr. 39 » September 26, 2008

Chance zum Aufbruch

September 26, 2008
Editorial von Yves Kugelmann

Aufbruch. Mit André Bollag und Shella Kertesz in der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), Guy Rueff in der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB), Edith Bino in der Jüdischen Gemeinde Bern (JGB), Ron Auf–seesser in der Israelitischen Gemeinschaft Genf (CIG) und Herbert Winter im Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) haben die grössten jüdischen Gemeinden und der Gemeindebund seit einigen Monaten neue Verantwortliche an der Spitze und teilweise auch neue Rabbiner im Amt. Vor allem für die grössten jüdischen Institutionen SIG und ICZ bedeutete alleine schon der Führungswechsel ein Ende einer lähmenden Ära. Das bevorstehende Jahr 5769 könnte den Aufbruch im Schweizer Judentum bringen, das vor grossen Herausforderungen steht.

Abbruch. Jahrelang blockierten das offizielle Schweizer Judentum und vor allem die grössten jüdischen Institutionen der Schweiz sich selbst mit einer Agenda – wenn es denn eine war –, die weit entfernt war von den Anliegen der jüdischen Basis. Wichtige nationale politische Themen wurden jahrelang verpasst, es wurde Energie in falsche Freunde oder unverhältnismässig viele Projekte gegen Antisemitismus investiert anstatt in Inhalte, in politische und gesellschaftspolitische Aktivitäten oder schlicht jüdisches Leben, anstatt in die Anliegen der jüdischen Basis oder in Bedürfnisse von Familien und Mitgliedern. Jahrelang präsentierte das offizielle Schweizer Judentum ein tristes Bild und widerspiegelte die pluralistische, vitale, innovative jüdische Gemeinschaft kaum mehr. Zu oft wurde die eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. Gefragt sind keine Technokraten, sondern Persönlichkeiten, die mit jüdischen Kern- und politischen Kompetenzen in Verantwortung jene Aufgaben im Sinne der Sache übernehmen, für die sie gewählt sind. Es geht längst nicht mehr um «kawod» oder Selbstgerechtigkeit, sondern um harte Arbeit, verantwortungsbewusste Entscheidungstragende und Visionen.

Umbruch. Nun haben im SIG sowie den Einheitsgemeinden in Basel, Bern, Genf, Zürich neue Präsidenten das Zepter und somit die Verantwortung für den geforderten Wandel und Aufbruch übernommen. Ein erster Schritt, der erst vollendet ist, wenn endlich die wichtigen überregionalen Fragen der Jüdinnen und Juden in der Schweiz angegangen werden. So etwa die Vereinigung der beiden jüdischen Dachverbände, transparente Kaschrut- und Hechscherregelungen für die Schweiz, ein vernünftiger Zugang zu Übertritten, günstigere Erziehungswesen, Integrationsarbeit in Gemeinden, attraktive Programme für junge Erwachsene, neue Wege in der jüdischen Altersversorgung und letztlich, dass die Rabbiner gerade von Einheitsgemeinden wieder autonom und losgelöst von internationalen Rabbinerorganisationen und anderem vorauseilendem Gehorsam entscheiden können.

Ausbruch. Wenn nur noch der Friedhofsplatz die Mitglieder in Gemeinden hält, dann läuft etwas schief. Die Einheitsgemeinden als Mitte der jüdischen Gemeinschaft waren über Jahrzehnte das Rückgrad der organisierten jüdischen Gemeinschaft der Schweiz. Nun müssen sie sich Ausrichtungsdiskussionen stellen, an deren Ende letztlich die Einheit oder Aufspaltungen stehen werden. Vor allem aber sollten die Gemeinden und der Gemeindebund längst schon der Tatsache ins Auge blicken, dass viele Jüdinnen und Juden sich vermehrt nicht mehr organisieren, ihr Judentum nicht mehr über Mitgliedschaften in Gemeinden oder traditionellen Vereinen, sondern gerade über Inhalte und zivilgesellschaftliches Engagement definieren. Einst fanden viele von diesen Menschen an den hohen Feiertagen den Weg in die Synagoge. Doch die Reihen lichten sich zusehends. Wenn das organisierte Judentum diese Menschen, sofern überhaupt möglich, gerade abseits der Synagogen und Religion erreichen möchte, dann reichen allein personelle Änderungen an der Spitze der Institutionen nicht. Vielmehr sollte ein Umdenken stattfinden, neue gesellschaftskonforme und -adäquate Konzepte bald umgesetzt werden. Geschieht dies nicht, wird die jüdische Gemeinschaft weiterhin ausserhalb der Gemeinden wachsen und ihre eigene Wege gehen.





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