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19. September 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 38 Ausgabe: Nr. 38 » September 19, 2008

Lauder Camp Szarvas

September 19, 2008
Ein einzigartiges Sommerlager
Jüdische Jugendliche In Szarvas fühlen sie sich als
ein Teil einer globalen Gemeinschaft

Im Osten Ungarns, etwa zwei Stunden von Budapest entfernt, befindet sich die Ortschaft Szarvas. Selbst vielen Ungarn ist Szarvas nicht bekannt, aber für eine ganze Generation jüdischer Jugendlicher steht der Name für das jüdische Sommerlager des Joint Distribution Committee und der Ronald Lauder Foundation.
Von Julian Voloj

Vor 18 Jahren wurde das Sommerlager gegründet und entwickelt sich seither zu einer Erfolgsgeschichte, die einzigartig ist. Gemäss der Gematria, die jedem hebräischen Buchstaben einen Zahlenwert gibt, hat die Zahl 18 eine besondere Bedeutung, da sie gleichbedeutend mit dem hebräischen Wort für «Leben» beziehungsweise «lebendig» ist. Und wenn diesen Sommer der 18. Geburtstag des Internationalen Sommer Camps, Europas einzigem internationalen jüdischen Sommerlagers, gefeiert wird, wird gleichzeitig auch das gefeiert, was hier kreiert wurde: ein lebendiges Judentum.

Der Mauerfall von 1989 sorgte für eine Kettenreaktion in Osteuropa. Das Ende des Kommunismus leitete gleichzeitig eine Renaissance des Judentums in Mitteleuropa ein, doch viele gingen davon aus, dass die Mehrheit der Juden jenseits des nicht mehr so eisernen Vorhangs Europa verlassen würde. Nicht so der heutige Vorsitzende des World Jewish Congress, Ronald Lauder, der 150 Kilometer südöstlich von Budapest ein jüdisches Ferienlager errichten liess. Er ist auch heute noch der offizielle Besitzer des Lagers, das Joint Distribution Committee (JDC) der Betreiber. Lauder investierte in die Zukunft. Die Grundidee war recht einfach: In einer ungezwungenen internationalen Atmosphäre sollten Jugendliche aus Ost- und Mitteleuropa ihr Judentum entdecken.

Eine internationale Jugend

Mittlerweile ist das Lager weitaus internationaler als ursprünglich geplant. Jeden Sommer kommen hier, in vier Zyklen zu je zwölf Tagen, 2000 jüdische Jugendliche aus allen Teilen Europas, Israels, den USA und manchmal sogar aus so exotischen Orten wie Indien zusammen. Dieses Jahr kommen die Teilnehmer aus 22 Ländern. «Es geht darum, eine positive Identität aufzubauen,» erklärt JDC-Programmdirektor Jorge Diener.

In Amerika hat das sogenannte Jüdische Camping eine lange Tradition. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden die ersten jüdischen Sommerlager im Norden New Yorks, die jüdischen Jugendlichen aus der Lower East Side ein Ferienerlebnis in jüdischer Atmosphäre bieten sollten. Was damals mit sechs Zelten und 25 Campern anfing, ist heute ein amerikanisches Phänomen. In einem zunehmend säkularen Umfeld bieten Sommerlager eine Möglichkeit, jüdische Identität aufzubauen. Die Foundation for Jewish Camp arbeitet heutzutage mit 150 verschiedenen Sommerlagern in Nordamerika, die jeden Sommer etwa 65000 jüdische Camper haben.

Als JDC und Lauder 1990 das Lager in Szarvas gründeten, war es das einzige jüdische Sommerlager in Mitteleuropa. Der Erfolg von Szarvas sorgte dafür, dass viele Gemeinden ihre eigenen Ferienlager gründeten. So finden sich heute solche Angebote im Baltikum, in Rumänien, Bulgarien und andernorts, nahezu alle mit Hilfe des Joint Distribution Committee errichtet.

Szarvas als Motivation

Ida Aladjem erklärt: «Unser Ferienlager in Kovacevci ist wunderbar ...» Nach einer kurzen Pause fügt die junge Bulgarin schwärmerisch hinzu, «aber Szarvas ist einzigartig.» Viele Jugendliche besuchen daher beide Ferienlager, ihr nationales und das internationale in Szarvas. «Das Besondere an Szarvas ist die internationale Atmosphäre,» weiss auch Elly Nemtoiu aus Bukarest, die eine Delegation Rumänen nach Szarvas gebracht hat. «Es geht nicht nur um die Camper, sondern vor allem auch um die Madrichim,» erklärt Jorge Diener. Jugendliche wie Ida und Elly sind die zukünftigen Führungspersönlichkeiten in ihren Gemeinden; Szarvas die Motivation für ihr Engagement.

Jerry Spitzer, Vorsitzender des JDC-Europa-Ausschusses, fügt hinzu: «Nicht jeder, der nach Szarvas kommt, wird eine Führungsperson in seiner Gemeinde, aber nahezu jede junge Führungsperson in einer Gemeinde in Osteuropa kam nach Szarvas.» Ein Blick in die verschiedenen Gemeinden unterstreicht Spitzers Aussage. Junge Leute übernehmen zunehmend Verantwortung in ihren Gemeinden, und nahezu alle scheinen in Szarvas gewesen zu sein wie etwa Alexander Oscar, der zweite Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Sofia in Bulgarien, oder Simon Gurevitch, der Leiter des jüdischen Gemeindezentrums in Vilnius, Litauen. Die Früchte des Erfolgs werden nun geerntet. «In all den Jahren ist Szarvas eine Inspiration für jüdisches Leben in ganz Europa geworden», meint auch Zsuzsanna Fritz, die 1990 Teilnehmerin des ersten Sommerlagers war und heute Direktorin des Lagers sowie des Gemeindezentrums in Budapest ist. «Vor allem für junge Leute aus kleineren Gemeinden ist es wichtig, zu verstehen, dass sie Teil einer globalen Gemeinschaft sind.»

Bar und Bat Mizwa im Camp

Mina Pasajlic unterstreicht diese Aussage: «Szarvas hat mir meine jüdische Identität gegeben.» Seit mehr als zehn Jahren kommt die Serbin nach Szarvas, zunächst als Camperin, heute als Madricha. «In Szarvas habe ich wunderbare Freundschaften geknüpft. Es hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.» Besonders Camper aus kleineren Gemeinden Europas haben oft wenig Ahnung vom Judentum und zu Hause kaum die Möglichkeit, ihr Judentum zu praktizieren. Daher ist es zur Tradition geworden, dass jeden Sommer Hunderte von Campern ihre Bar und Bat Mizwa gemeinsam in Szarvas feiern.

Die Zeremonie wird von Seth Braunstein durchgeführt, einem jungen Rabbiner aus White Plains, der die amerikanische Delegation in Szarvas betreut. «Was hier kreiert wurde, ist einfach fantastisch,» erklärt er, emotional bewegt. Die Renaissance jüdischen Lebens in diesem Teil Europas, weiss auch er, ist ein Erfolg, der ohne Szarvas nicht möglich gewesen wäre.





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