Keine Alternative zur Einheitsgemeinde
hat sich für Basel bewährt»
tachles: Haben Sie in den ersten 100 Tagen Ihres Präsidiums auf die eine oder andere Seite der Israelitischen Gemeinde Basel IGB eine neue Sicht erhalten?
Guy Rueff: Gewisse Dinge haben sich so bestätigt, wie ich sie schon zuvor gesehen habe. Es gibt eine Aufbruchstimmung; Leute, die wirklich Dinge bewegen wollen. Vor meiner Wahl zum Präsidenten habe auch ich selbst etwa hinterfragt, ob es so viele Vereine braucht, und jetzt machen sich einige Vereine selbst auch Gedanken – eine erste Fusionierung ist schon zustande gekommen. Ferner gibt es in Basel bald ein ganz neues Erziehungswesen, und auch wir müssen vermutlich darauf reagieren und unsere Institutionen neu gestalten. Aber es gibt auch viele andere Themen.
Themen, die das operative Geschäft betreffen. Wie sieht es aber auf der Metaebene aus, ist die Gemeinde auf Kurs?
Die Gemeinde geht in die richtige Richtung, und wir haben einen neuen Rabbiner, dessen Art, die Dinge anzupacken, einiges vereinfachen dürfte. Doch schon unter dem vorherigen Rabbiner und Vorstand konnte beispielsweise die schwierige Frage gelöst werden, ob eine Frau das Gemeindepräsidium übernehmen könnte. Das führte bereits zu einer gewissen Verständigung. Denn es ging dabei doch vor allem darum, dass sich der liberale Teil der Mitglieder zu sehr negiert gefühlt hatte, dass der Eindruck entstanden war, die Gemeinde würde immer frömmer. Diese Kreise fühlen sich mittlerweile wieder angesprochen, und das soll weitergeführt werden, auch durch entsprechende Veranstaltungen. Letztere werden jetzt ja auch koordiniert, und das ist gut so.
Im Zusammenhang mit Institutionen wie Chabad Lubawitsch, Migwan oder Ofek besteht ja auch ein gewisser Handlungsdruck. Wie wollen Sie diesen aufnehmen?
Die Zusammenarbeit mit Chabad Lubawitsch, die ja eine Ergänzung zur oder Unterstützung der Gemeinde sein soll, gestaltet sich so weit gut, es gibt da keine Konkurrenzsituation. Migwan ist ein ganz anderer Bereich und wird sehr schwierig in die Gemeinde zu integrieren sein, denn die Leute erfüllen zum Teil die halachischen Bedingungen für eine Aufnahme nicht – und wollen dies auch nicht –, denn zum Teil sind sie nur kurze Zeit hier. Wichtig wäre aber, auch weiterhin eine bessere Zusammenarbeit mit Ofek anzustreben. Trotz Problemen wie etwa der Frage der Mischehen wollen diese Leute ja auch mit der Gemeinde zu tun haben, und wir sind unsererseits an ihnen interessiert.
Da wird es vermutlich innovative Lösungsansätze seitens des Präsidenten brauchen und nicht nur halachische ...
Ein Beitrag dazu sind sicher Veranstaltungen wie etwa «Kosmopolit», und ich glaube, dass dies die richtige Stossrichtung ist: nicht religiöse, aber jüdische Anlässe für Leute zwischen 25 und 55 und Familien. Früher gab es viele solcher Veranstaltungen, aber irgendwann sind sie praktisch verschwunden.
Sie waren lange Jahre Präsident des Jüdischen Turnvereins, der als Sportverein eine wichtige integrative gesellschaftliche Rolle spielte, welche die Gemeinden selbst nicht wahrnehmen können. Wie viel können Sie aus dieser Zeit nun in die IGB einbringen?
Es muss mehr darum gehen, der Gemeinde eine Stimmung und Ausstrahlung zu geben, die für die Leute attraktiv ist. Ich mache mir nicht die Illusion, dass wir nur gewisse Veranstaltungen anbieten müssen, und schon treten die Leute der Gemeinde bei. Aber gewisse Anlässe ziehen die unterschiedlichsten Leute an – und das kann auch im Bereich des Sports sein, wenn auch eher des passiven. Da ist beispielsweise schon die Idee aufgekommen, eine jüdische Fangruppe für den FCB aufziehen, um gemeinsam Auswärtsspiele zu besuchen. Oder es gab den durch Peter Bollag organisierten Besuch einer Theateraufführung in Bern. Solche Ideen mögen nicht alle ansprechen, aber es ist wichtig, Neues und anderes zu machen. Das kam wohl in letzter Zeit zu kurz.
Viele Gemeinden sind, wie Basel, sehr alt und basieren auf alten Strukturen. Welche Vision der Zukunft gibt es für sie grundsätzlich, gerade im Bereich der Einheitsgemeinden?
Sie sind wohl, trotz allem, speziell dann ein Anlaufhafen für Leute, wenn sie Probleme haben, seien diese nun finanzieller, familiärer oder gerade auch religiöser Art. Dieses «Dorf-Gefühl» hat über Generationen hinaus seine Gültigkeit und Rechtfertigung, und das sollten wir wieder aufbauen. Denn das Bedürfnis, sich in einem jüdischen Rahmen irgendwo zu treffen, ist immer vorhanden. Ihm kommt die Einheitsgemeinde exemplarisch entgegen, in der jeder seine Interessen vertreten sieht. In Vereinen sind immer nur einzelne Interessensgruppen, und die Anzahl ihrer potenziellen Mitglieder ist hierzulande schon rein demografisch beschränkt.
Wie soll die derzeit nicht allzu enge Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindenbund (SIG) künftig aussehen?
Natürlich kenne ich viele der Leute in der SIG-Geschäftsleitung, am Kontakt liegt es also nicht. Aber unsere Probleme bestehen hier, vor Ort, und der SIG wird diese kaum lösen können. Die Jugendarbeit beispielsweise, in der der SIG ziemlich stark ist, decken wir selbst sehr gut ab, und finanziell können sie uns nicht helfen. Der SIG ist ja derzeit selbst auf der Suche nach seiner Rolle, und ich glaube offen gesagt nicht, dass die Gemeinden viel dazu beitragen können, diese zu definieren. Es verhält sich damit ein wenig wie im Sport: Maccabi ist unersetzlich, wenn es darum geht, alle vier Jahre nach Israel zu gehen, und der SIG ist für die Politik zuständig. Aber im täglichen Geschäft hilft mir Maccabi genauso wenig, einen Turnplatz zu finden, wie mir der SIG meine Sorgen abnimmt.
In den letzten Jahren wurde oft über religiöse Fragen diskutiert. Können Sie sich vorstellen, den Fokus ein wenig auf andere, die Gemeinde an sich mehr betreffende Themen lenken zu können?
Ich hoffe, dies auch mit Hilfe unseres neuen Rabbiners bewerkstelligen zu können, der sagt, dass er mit den Mitgliedern ihre normalen, täglichen Probleme besprechen will. Aber natürlich geht es dabei oft auch um die Halacha, an der eben viel hängt. Auch unsere Einheitsgemeinde basiert ja auf ihr, und wir werden immer wieder an diese Grenzen stossen. Aber mit den vielen neuen Besetzungen von Positionen innerhalb der Gemeinde wollen wir zumindest eine weniger religiös betonte Ausrichtung einzuschlagen versuchen.
Gibt es Aspekte und Erfahrungen, die Sie aus dem Sport auf die IGB übertragen können?
Im Sport lernt man die Leute kennen, man lernt in diesem Geflecht, die unterschiedlichen Charaktere besser zu begreifen und sie so zu nehmen und zu akzeptieren, wie sie sind. Der eine regt sich mehr über ein Foul auf als der andere, der eine freut sich mehr über ein Goal als der andere, und trotzdem können sie miteinander spielen und man versucht, beide im Team zu behalten – auch wenn es manchmal schwierig ist.
Das klingt ja wie eine gute Definition der Einheitsgemeinde, die immer wieder zur Disposition steht. Glauben Sie an das Konzept der Einheitsgemeinde für die Zukunft?
Für so kleine Gebilde, wie wir es in Basel sind: ja. Wir haben keine Alternative. Sie ist wohl keine Idealform für die heutige Zeit, denn der liberale Flügel hätte es sicher einfacher mit einem Rabbiner, der weniger auf die Halacha abstützt und mehr Kompromisse einzugehen bereit ist. Aber genauso müssten die Religiösen mit einem strengeren Rabbiner weniger Probleme mitschleppen. Anderseits kommt der Charakter der Basler der Einheitsgemeinde entgegen: Man kennt sich, man kann miteinander reden, man kann hier, im Dorf, leben. In Zürich dürfte sich dies anders entwickeln, denn je grösser etwas wird, desto schwieriger wird das Zusammenhalten. Für eine Gemeinde wie Basel aber denke ich, dass sich die Einheitsgemeinde je länger, desto mehr als gute Grundlage erweisen wird.
Interview: Yves Kugelmann


