Abschied von Lehman – und einer Ära
Aufstieg. Als sich Heinrich, Emmanuel und Meyer Lehman in Montgomery, Alabama, niederliessen und im Jahr 1850 einen kleinen Laden gründeten, kamen die drei jüdischen Einwanderer aus dem fränkischen Rimpar gerade zur rechten Zeit für den Boom im Baumwollhandel im amerikanischen Süden. Noch vor Ausbruch des Bürgerkriegs eröffneten die Lehman Brothers eine Dependance im Geschäftsviertel an der Südspitze von Manhattan. Nach 1870 bewegten sich die Brüder zuerst in den Handel mit anderen Rohstoffen wie Kaffee und dann um 1900 in das Investmentbanking. Hand in Hand mit dem wirtschaftlichen Erfolg ging ein atemberaubender gesellschaftlicher Aufstieg. Meyer Lehmans Sohn Herbert wurde 1933 Gouverneur von New York und vertrat den Gliedstaat von 1949 bis 1957 im US-Senat.
Kollaps. Als der Senator hochbetagt 1963 starb, hatte sein Cousin Robert Lehman die Firma längst zu einer führenden WallStreet-Bank gemacht. Nach Roberts Tod im Jahr 1969 blieb zwar der Name Lehman Brothers erhalten. Aber das Unternehmen wechselte mehrfach den Besitzer, wurde übernommen und 1993 schliesslich wieder in die Unabhängigkeit entlassen. So ist es zahlreichen anderen Geldhäusern ergangen, die als Familienunternehmen begonnen hatten und sich am Ende des letzten Jahrhunderts in globale Konzerne verwandelt haben. Und als George W. Bush mit seinen drastischen Steuersenkungen eine neue goldene Ära für die wohlhabendsten Amerikaner einläutete, spielte Lehman Brothers ganz vorne mit bei der Erfindung immer raffinierterer Investmentvehikel. Diese trugen dazu bei, die Kluft zwischen Arm und Reich in den USA tiefer aufzureissen, als zuletzt in den Jahren um 1900. Der seit Monaten erwartete und nun eingetretene Kollaps von Lehman Brothers markiert daher nicht nur das Ende eines grossen Namens, sondern auch einen historischen Einschnitt. In ihrer Blütezeit hat die Firma so bedeutende amerikanische Konzerne wie Sears Roebuck oder den Ölservice-Giganten Halliburton an der Börse eingeführt. Heute stellen die Wall Street und der einfache Bürger mit Heulen und Zähneklappern fest, dass Lehman, Merrill und Konsorten zuletzt vor allem Luftgeschäfte betrieben haben. Dass diese zwangsläufig irgendwann einmal platzen, ist nur die erste Lektion aus diesem Debakel.
Folgen. Spätestens seit dem staatlichen Engagement bei dem Versicherer AIG steht in den USA auch eine Grundsatzdebatte über das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Wirtschaft an. Dabei hat ausgerechnet das Urgestein John McCain hurtig und völlig skrupellos populistische Töne angeschlagen. Der Republikaner will in Washington und an der Wall Street «aufräumen». Aber Details oder gar eine ordnungspolitische Vision enthält er den Wählern vor. Auch die Demokraten finden über den Ruf nach Regulationen hinaus bislang keine klaren Antworten auf die Krise. Aber Barack Obama ist clever genug, McCain unter die Nase zu reiben, dass er lange für die Privatisierung des Rentensystems plädiert hat. Nun dürften auch Konservative ihre Pensionsgelder lieber dem Staat anvertrauen als den Unternehmen, die nach dem Lehman-Kollaps noch an der Wall Street verbleiben. Und womöglich wirkt nun sogar ein öffentliches Gesundheitssystem nicht mehr als sozialistisches Schreckgespenst, sondern als vernünftig: Statt der Finanzbranche unter die Arme zu greifen, könnten die Steuerzahler auf den Gedanken kommen, den Staat als Dienstleister der ganzen Gesellschaft zu begreifen.


