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5. September 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 36 Ausgabe: Nr. 36 » September 5, 2008

Unbequeme Aussagen

September 5, 2008
Nach über 50 Jahren werden Akten aus dem Verfahren gegen das 1953 in den USA hingerichtete Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg veröffentlicht.
Zum Tode verurteilt Das Ehepaar Rosenberg während ihres
Prozesses im Jahr 1951

Der ehemalige Direktor der US-Bundespolizei J. Edgar Hoover sprach von einem «Jahrhundertfall»: Tatsächlich bewegt das Verfahren gegen das jüdische Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg in den USA Anfang der 1950er-Jahre bis heute die Gemüter. Auf Antrag einer Historikervereinigung sollen nun die Aussagen von 36 Zeugen veröffentlicht werden, die vor der Jury während des Gerichtsverfahrens von 1951 bis 1952 aussagten. «Für uns Historiker sind das die letzten Puzzleteile», sagt Thomas Blanton, Direktor des Archivs für Nationale Sicherheit. Vor allem diese Einrichtung an der George-Washington-Universität in der US-Hauptstadt hatte sich für die Freigabe der Akten eingesetzt.

Neue Erkenntnisse

Das in New York ansässige Ehepaar Rosenberg war Anfang April 1951 wegen Spionage für die Sowjetunion von einem US-Gericht zum Tode verurteilt worden. Beide sollen gemeinsam mit dem Bruder von Ethel Rosenberg, David Greenglass, das US-Atomwaffenprogramm ausgespäht haben, das damals unter der Bezeichnung «Manhattan Project» lief. Zwei Jahre nach dem Urteil wurden die Rosenbergs auf dem elektrischen Stuhl im Hochsicherheitsgefängnis Sing Sing hingerichtet. Der Protest zahlreicher Persönlichkeiten, unter ihnen Albert Einstein und Jean-Paul Satre, blieb ohne Erfolg.

Von den Akten des Juryprozesses erhoffen sich Forscher nun neue Erkenntnisse über die Hintergründe des Falls. Denn schon während der Verhandlung waren inner- und ausserhalb der USA Bedenken laut geworden, denen zufolge die US-amerikanische Führung auf die Todesstrafe drängte, um im beginnenden Kalten Krieg ein in Zeichen zu setzen. Der italienische Historiker Enzo Traverso vermutete zudem antisemitische Ressentiments. In der so genannten McCarty-Ära seien Juden in den USA der «Sympathie, wenn nicht gar der Komplizenschaft mit dem Kommunismus verdächtigt» worden, sprich: mit der UdSSR.

Brisante Zeugenaussagen

In den nun freigegebenen Aussagen der 36 von insgesamt 46 Zeugen wollen die Forscher des National Security Archives nun nach Hinweisen dafür suchen, ob und in welchem Masse auf die Angeklagten Druck ausgeübt wurde. Der Kronzeuge der Anklage und Bruder Ethel Rosenbergs, David Greenglass, hatte gegenüber dem New Yorker Reporter Sam Roberts vor einigen Jahren zugegeben, falsch ausgesagt zu haben. Er habe damit seine Ehefrau Ruth schützen wollen, die ebenfalls im Visier der Justiz stand. Bekannt ist, dass gegen die Rosenbergs das Verfahren erst eröffnet wurde, nachdem sich der bekennende Kommunist Julius Rosenberg weigerte, den damals inhaftierten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei in den USA zu belasten.

Trotz des Eingeständnisses hat der inzwischen 86-jährige Greenglass, der heute unter falschem Namen in den USA lebt, eine Freigabe seiner Aussage verweigert. Seine Angaben habe er damals unter «komplexen und emotionalen» Umständen gemacht. Er und seine Familie wollten nun «nicht weiter im Rampenlicht stehen, in das sie zeitlebens gezerrt wurden».

Harald Neuber





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