Religion als Gretchenfrage
Sensation. Seit der Affäre um Monica Lewinski hat Amerika nicht mehr eine derartige Orgie von Sensationslust erlebt wie die Aufregung um Sarah Palin. Die Nominierung der 44-jährigen Gouverneurin von Alaska zur möglichen Stellvertreterin von John McCain im Weissen Haus kam selbst für Insider überraschend. In der Flut grosser und kleiner Sensationen, die von Journalisten und Bloggern inzwischen zu Tage gefördert worden sind, sticht eine zuerst von der «Washington Post» reportierte Nachricht hervor. Demnach hat McCain die Entscheidung für Palin tatsächlich erst während des demokratischen Wahlkonvents vor zehn Tagen getroffen. Anscheinend war sein Favorit bis dahin Joe Lieberman, der langjährige demokratische Senator des Neuengland-Staates Connecticut. Lieberman hat im Jahr 2000 als erster jüdische Vizekandidat Geschichte gemacht, damals jedoch neben seinem Parteifreund Al Gore.
Kalkül. McCain und Lieberman schätzen sich seit Langem, aber zu Freunden, ja Seelenverwandten sind sie erst mit dem Irak-Krieg geworden. Lieberman steht als einziger prominenter Demokrat weiterhin hinter diesem Abenteuer, und er ist wie McCain zutiefst davon überzeugt, dass der bis heute nicht näher definierte «islamistische Extremismus» die grösste Gefahr für Amerika und seine Freunde darstellt. Unter diesen rangiert Israel für beide Politiker an vorderster Stelle. Lieberman ist bei den Demokraten nicht erst seit seinem Auftritt vor dem Parteitag der Republikaner zutiefst unbeliebt. Aber von Nahost abgesehen ist er in fast allen anderen politischen Fragen ein überzeugter Demokrat. McCain wurde daher unter anderem von Karl Rove, dem Intimus von George W. Bush, gedrängt, auf Lieberman zu verzichten und dafür eine Persönlichkeit nach dem Geschmack der christlich-fundamentalistischen Basis der Republikaner zu ernennen. Diese waren bis zur Nominierung Palins absolut nicht von McCain begeistert.
Attacke. So sah sich der aus einer elitären Soldatenfamilie stammende McCain, der Glaubensangelegenheiten standes- und generationsgemäss lange als Privatsache behandelt hat, urplötzlich vor die Gretchenfrage gestellt. Mit Palin hat er sich eindeutig für ein Jawort an die Christlich-Konservativen entschieden. Die Zukunft dieser überstürzten Zweckehe sieht nach der formidablen Premiere Palins vor dem Parteikonvent am Mittwochabend nicht schlecht aus. Palin hat sich als «Pitbull mt Lippenstift» definiert und sich sogleich mit viel Biss auf Barack Obama gestürzt. Mit einer von Palin begeisterten Basis im Rücken wird McCain nun versuchen, unabhängige Wähler und konservative Demokraten zu überzeugen – dies jedoch nicht durch ein detailliertes Programm, sondern mit unermüdlichen Attacken auf die Glaubwürdigkeit, die Erfahrung und ganz alllgemein auf die Person Obamas.
Sexismus. McCains Wahlmanager Rick Davis hat bereits erklärt, bei der anstehenden Entscheidung würden sich die US-Bürger nicht an politischen Sachfragen orientieren, sondern an «der Persönlichkeit der Kandidaten». Von Rove angeleitet, haben die Republikaner Schläge unter die Gürtellinie zur hohen Kunst entwickelt. Bemerkenswert ist jedoch, dass sie den Demokraten und den US-Medien bis vor Palins Rede «Sexismus» vorgeworfen haben, weil diese sich für die Vita und die Qualifikation der Gouverneurin interessieren. Nach Palins Pitbull-Auftritt dürfte zumindest dieses Argument seine Stichhaltigkeit verlieren.


