Israelische Archive sind alarmiert
ein bislang unveröffentlichtes Manuskript des Schweizer Komponisten
Eine spektakuläre Serie von Diebstählen beunruhigt die kleine Welt von Sammlern und Experten, die sich mit musikalischen Dokumenten befassen. Gleichzeitig sehen sich führende Archive in Israel mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihre Sicherheitsmassnahmen von Grund auf zu erneuern. Im Mittelpunkt der Affäre steht ein 60-jähriger Architekt aus Haifa, den die «New York Times» jüngst als Meir Bizanksi identifiziert hat. Dieser wurde Ende Juli von der israelischen Polizei verhaftet, nachdem er fünf wertvolle Dokumente aus der Jerusalemer Nationalbibliothek an die New Yorker Kunsthändler John und Jude Lubrano verkauft hatte. Unter den Papieren fand sich ein bislang unveröffentlichtes Manuskript des Schweizer Komponisten Arthur Honegger. Bizanski steht nun unter Verdacht, Hunderte von Dokumenten aus der staatlichen Sammlung sowie dem Archiv der israelischen Philharmoniker und einer Bibliothek in Haifa entwendet und dann über die Internet-Auktionsseite eBay abgesetzt zu haben.
Gestohlene Noten
Bei dem Honegger-Dokument handelt es sich um «ein Arioso mit Violin-
und Klavier-Begleitung». Wie John Lubrano auf Anfrage erklärte, hat
der 1955 in Paris verstorbene Komponist das Stück um 1930 dem bekannten
ukrainisch-jüdischen Fotografen Boris Lipnitzki gewidmet, vermutlich als
Gegenleistung für eine Porträtaufnahme. Lipnitzki war seinerzeit ein
enorm gefragter Künstler, er hat unter anderem den legendären Revue-Star
Josephine Baker fotografiert.
Die Lubranos haben das Honegger-Dokument im Juli zusammen mit einigen anderen
Stücken für insgesamt 5000 Dollar erworben, sind jedoch bei der routinemässigen
Untersuchung der Provenienz der Papiere misstrauisch geworden. Nachdem sie festgestellt
hatten, dass die Honegger-Noten im Bestand der israelischen Nationalbibliothek
geführt werden, wandten sie sich an deren Archivarin. Diese hat das Fehlen
der Noten festgestellt und die Polizei alarmiert. Bizanski hat die genannten
Institutionen regelmässig besucht. Lubrano und seine Frau hatten zuvor
mehrfach Kontakt mit dem Architekten. Bizanski hatte sich ihnen als Laie und
Mittelsmann vorgestellt und sie immer wieder um Rat gebeten, vor allem in Bezug
auf Preise.
Warnung vor Bizanski
Zur gleichen Zeit hatte sich mit dem New Yorker Händler Bill Ecker ein weiterer Musikalia-Spezialist an die israelischen Behörden gewandt. Er hatte ebenfalls ein Dokument von Bizanski erworben und danach festgestellt, dass dieses nur aus einer öffentlichen Sammlung in Israel stammen konnte. Ecker hat seine eigene Kundschaft danach mit einem Rundschreiben davor gewarnt, sich mit Bizanski einzulassen: «Der hat persönlichen Kontakt vermieden und über eBay verkauft. Ich vermute, dass Bizanski danach separate Kontakte mit Kunden geknüpft und in grossem Umfang weitere Stücke veräussert hat.» Eckers Misstrauen wurde geweckt, weil Bizanski anscheinend speziell Materialien von Komponisten und Musikern angeboten hat, die nicht in israelischen Privatsammlungen vertreten seien: «Das waren Künstler wie Richard Wagner, Richard Strauss oder Franz Lehar, die in Israel unbeliebt sind, da sie mit den Nazis assoziiert werden.» Derartige Stücke wären nur in staatlichen Sammlungen Israels zu finden und seien häufig von jüdischen Privatleuten in aller Welt gestiftet worden.
Ecker erinnerte daran, dass sich unter den von den Nazis vertriebenen mitteleuropäischen Juden auch eine grosse Zahl von Akademikern und Kulturfreunden befunden haben, denen es gelungen sei, zumindest Teile ihre Sammlungen in Sicherheit zu bringen. Er habe deshalb auch zunächst vermutet, dass Bizanski im Auftrag einer Erbengemeinschaft aktiv geworden sei. Lubrano zufolge sind die Honegger-Noten jedoch mit dem Nachlass des Fotografen Lipnitzki nach Israel gekommen. Honneger hat im von Hitler-Deutschland besetzten Paris unter grösster Bedrängnis überlebt.
Kontrollen optimieren
Wie Ecker auf tachles-Anfrage erklärte, haben etliche Sammler von Bizanski erworbene Stücke bereits an Israel zurückgegeben: «Diese Leute sind meist Selbständige, etwa Anwälte oder Ärzte. Die sind von der Musik begeistert und wollen nichts mit Diebesgut zu tun haben.» Die israelischen Archive führen derzeit Inventuren durch und werden danach Listen mit fehlenden Stücken veröffentlichen. eBay hat bereits angekündigt, mit der israelischen Polizei zu kooperieren. So dürfte es möglich sein, Kunden Bizanskis zu identifizieren. Gleichzeitig werden nicht nur die Nationalbibliothek, sondern alle akademischen oder öffentlichen Institu-tionen in Israel überlegen müssen, wie sie ihre offensichtlich zu legeren Kontrollen verbessern können. Diese Konsequenzen hat ein ähnlicher Fall in den USA gezeitigt. Dort hat der New Yorker Antiquar Edward Forbes Smiley über Jahre zum Teil einzigartige Landkarten unter anderem aus der Bibliothek der Universität in Yale entwendet. Smiley hat Millionen Dollar mit seinen Raubzügen verdient, ehe er im Jahr 2005 entlarvt wurde. Yale hat seither die Sicherheitsmassnahmen massiv verschärft.


