Das Duell der jungen Wilden
Begegnung beider Mannschaften am Samstag in Ramat Gan statt
Bereits vor vier Jahren, bei der letzten WM-Qualifikationsphase für die WM 2006, trafen die beiden Nationalteams der Schweiz und Israel aufeinander. Zweimal trennte man sich unentschieden. Und am Schluss scheiterte Israel in der Endabrechnung denkbar knapp an Frankreich und der Schweiz – ohne eines der zwölf Spiele in der WM-Qualifikationsphase verloren zu haben. Israel wurde Gruppendritter und konnte nicht an die WM nach Deutschland fahren. Jetzt entschied erneut das Los, dass die Schweiz und Israel aufeinandertreffen. Vor vier Jahren waren die Vorzeichen jedoch etwas anders als heute: Beide Kader haben eine ziemlich einschneidende Mutation erfahren. Beide gehen mit anderen Trainern an den Start. Und das Motto auf beiden Seiten ist: «Platz für die jungen Wilden»! Im Gegensatz zu Griechenland, dem dritten Mitfavoriten in dieser Gruppe, setzt man sowohl bei Israel wie auch die Schweiz sehr konsequent auf die neuen Talente und die Jugend, während die Griechen mehr Erfahrung in ihrem Team vereinen.
Eine neue Generation
Sowohl Israel wie auch die Schweiz gehen in ihrer Philosophie des Teamaufbaus für die Zukunft ähnliche Wege. Man baut sehr stark auf die neue Generation, die derzeit ein Alterspektrum von 18 und 25 Jahren umfasst. Der Altersdurchschnitt in beiden Nationalteams ist ziemlich tief. Auf beiden Seiten versuchen ziemlich junge Spieler im defensiven Mittelfeld die Fäden zu ziehen: In der israelischen Mannschaft sind dies Gal Alberman sowie Tamir Cohen (der Sohn der isarelischen Fussballer-Legende Avi Cohen) und bei den Schweizern Gökhan Inler sowie Gelson Fernandes. Speziell vergleichbar ist die Situation im offensiven Mittelfeld und im Sturm. Da wimmelt es auf beiden Seiten von Talenten, die zuletzt einen internationalen Karrieresprung erfuhren.
Im Schweizer Team ragt besonders das FCB-Offensiv-Duo Eren Derdiyok und Valentin Stocker heraus. Beide verbuchten jeweils bei ihren ersten Einsätzen in der Nationalmannschaft Torerfolge und konnten sich innerhalb kurzer Zeit in der Nationalmannschaft etablieren. Derdiyok erzielte in seinem ersten Länderspiel im Londoner Wembley-Stadion gleich ein wunderschönes Tor und spielte im Schweizer Trikot an der Euro 08, während Nationalmannschafts-Debütant Stocker in seinem ersten internationalen Einsatz gleich gegen Zypern traf und zudem beim FCB sozusagen die Meisterschaft mit einem Torerfolg in diesem Spätfrühling entschied. Ferner haben beide zuletzt massgeblich mit ihren Toren dafür gesorgt, dass der FC Basel in die Champions League kam.
Israel weist Talente vor
Aber auch Israel kann sich auf grossartige, junge Offensivtalente verlassen: Über Superstar Yossi Benayoun muss man nicht viel mehr erzählen, aber er wird nun im offensiven Mittelfeld effektiv von einem der interessantesten Spieler Europas «sekundiert», von Gai Assulin vom FC Barcelona. In einigen Jahren wird er, da sind sich die Experten in Spanien und Israel einig, international für Furore sorgen. Ginge es nach den Trainern in Barcelona, so wird Gai Assulin bald in der ersten Mannschaft von Barca spielen. Der junge israelische Nationalspieler startete seine Karriere in der Jugend von Tubruk in Israel, bevor er als hochtalentierter Jüngling nach Barcelona transferiert wurde und sich dort in der berühmten Fussballschule weiterentwickelte. Viele andere Topclubs Europas buhlten schon um ihn. Seine Familie zog nach und Assulin erlangte die doppelte Staatsbürgerschaft Israel/Spanien. Als Profi im Team B Barcelonas machte er grosse Fortschritte, und 2007 unterschrieb er einen Profivertrag für drei weitere Jahre mit einer 20 Millionen Euro Ausstiegs-Verkaufsklausel. Am 5. September 2007 machte er im Alter von 16 Jahren sein Profidebut mit dem ersten Team Barcas. Im Sturm geben nun seit einigen Monaten Elianiv Barda und Omer Golan den Ton an. Dieses Duo hat in Belgiens Meisterschaft für Furore gesorgt und auch schon mehrfach überzeugen können. Auch Ben Sahar, aber auch Toto Tamuz und der etwas erfahrenere Roberto Colautti gehören zu dieser Generation der jungen Wilden.
Der Hexenkessel Ramat Gan
Israel und die Heimspiele in Ramat Gan stehen für eine Erfolgsgeschichte. Mit Ausnahme des Barrage-Matches zur EM-Qualifikation 2000 gegen Dänemark im Herbst 1999 gab es meist Siege und Unentschieden, zum Teil auch gegen Weltklasse-Mannschaften. Über sechs Jahre war die Mannschaft Nivcheret bei Heimspielen ungeschlagen. Nach der besagten Niederlage gegen Dänemark 1999 verlor sie erst wieder in einem Freundschaftsspiel im Jahr 2006 ebenfalls gegen die Dänen. Und bis heute gab es keine Niederlagen mehr in Heimspielen. Auch nicht gegen die Schweiz. Die Schweizer Nationalmannschaft indes muss in Ramat Gan auf die beiden wichtigen Teamstützen Alex Frei und Philippe Senderos verzichten. Nationalcoach Ottmar Hitzfeld muss wie beim 4:1-Sieg im Testspiel gegen Zypern auf seinen kampf- und kopfballstarken Innenverteidiger Senderos verzichten, da sich dieser wegen der vorangegangenen Verletzungspause und den Transferverhandlungen mit seinem neuen Verein AC Milan einen zu grossen Trainingsrückstand eingehandelt hat. Ebenfalls noch nicht bereit für einen Einsatz gegen das spiel- und kampfstarke Israel ist Kapitän Frei, der sich nach seiner Innenbandoperation im linken Knie seit drei Wochen wieder im Mannschaftstraining mit Dortmund befindet.
Alles oder nichts
Obwohl Israel und die Schweiz sich fussballtechnisch bereits gut kennen, kann man nicht behaupten, dass es für beide leichter würde, gegeneinander anzutreten. Ganz im Gegenteil. Wenn am Samstag, 6. September, die WM-Qualifikationskampagne für beide mit der ersten Direktbegegnung beginnt, wird ein Abtasten nicht möglich sein. Über die Aussenbahnen und in der «Achse» Gökhan Inler/ Hakan Yakin wird für Israel die grösste Gefahr lauern. Mit Tranquillo Barnetta und dem Duo Stocker/Derdiyok ist die Schweiz (ohne die noch immer verletzten Stürmer Frei und Streller) sogar unberechenbarer geworden. Israels Stärke wird nicht in der Verteidigung liegen können. Die Schwäche der Schweizer liegt in der Verunsicherung in der Schweizer Innen- und Aussenverteidigung, speziell bei scharfen Flanken oder im Zweikampf. Da könnte Israel einige Vorteile für sich nutzen. Morgen Samstag wissen wir mehr. Besonders pikant: Das Rückspiel findet am 14. Oktober 2009 statt und ist das letzte Spiel der WM-Qualifikation. Vielleicht ist es dann auch der absolute Showdown für beide Teams, da es für Israel und die Schweiz um alles oder nichts gehen könnte.
Joël Wüthrich


