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3. September 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 9 Ausgabe: Nr. 9 » September 3, 2008

Entscheidung in Amerika

Andreas Mink, September 3, 2008
Diese Wahlsaison hat auf beiden Seiten mit den Schlagworten Wandel, Hoffnung und Einigkeit begonnen. Doch acht Wochen vor dem Urnengang am 4. November hat sich die Auseinandersetzung zwischen Barack Obama und John McCain zu einer epochalen Schlammschlacht entwickelt. Aussergewöhnlich wird der Wahlkampf jedoch nicht durch den scharfen Ton, sondern durch die Kandidaten selbst, die in der amerikanischen Geschichte ihresgleichen suchen.

Von Andreas Mink

Dieser Wahlkampf um die US-Präsidentschaft hat vor fast zwei Jahren begonnen und sich rasch zu einer Schlacht der Superlativen entwickelt: Nie zuvor haben derart viele Kandidaten so unterschiedlicher Herkunft für so lange Zeit und mit solchem Aufwand um die Gunst der Stimmbürger gerungen. Dabei brachten Barack Obama bei den Demokraten und der Republikaner Mike Huckabee mit den Schlagworten Wandel, Hoffnung und Einigkeit frühzeitig eine positive Note in das Geschehen. Doch selten ist ein US-Wahlkampf derart unübersichtlich und voller Überraschungen verlaufen: Bei den Demokraten unterlag die dominierende Spitzenreiterin Hillary Clinton ihrem afroamerikanischen Herausforderer Obama nach einem epochalen Ringen, dessen Bitternis sich noch nicht verflüchtigt hat. Bei den Republikanern konnte sich John McCain gegen die Erwartung vieler Insider in einem Feld teils skurriler, teils blasser Kandidaten durchsetzen. Die positiven Töne sind indes nahezu verklungen.

Bewegung ins Zentrum

Die Ursachen für Unübersichtlichkeit und Überraschungen liegen auf der Hand: Seit 1928 trat bei den Vorwahlen erstmals weder ein amtierender Präsident noch ein Vizepräsident an. Diese Offenheit hat ein kunterbuntes Feld von Bewerbern eingeladen, die gleichwohl tiefe soziokulturelle Trends reflektieren. Nach etlichen Anläufen wurden eine Frau und ein Afroamerikaner erstmals zu chancenreichen Kandidaten. Mit McCain triumphierte auf republikanischer Seite ein Bewerber, der
zunächst weder das Establishment seiner Partei noch dessen unentbehrliche christlich-konservative Basis hinter sich hatte. Und seit Generationen mussten sich die Amerikaner nicht mehr mit einer derart geballten Packung von Problemen auseinandersetzen. George W. Bush hat seine Hand überreizt, und nun sehen sich die Vereinigten Staaten in ihrer Statur als unangefochtene Weltmacht Nummer eins bedroht. Amerikas Sorgen reichen von gewaltigen Schulden, einer bröckelnden Infrastruktur sowie mangelnder Innovation im Energiebereich und beim öffentlichen Nahverkehr bis zum Krieg in Irak, der Geld und Leben verschlingt. Neben den explodierenden Gesundheits- und Bildungskosten verdüstert eine von deregulierten Finanzmärkten produzierte Hypotheken- und Wachstumskrise die Perspektive der Bürger. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich derweil so tief geöffnet wie zuletzt in den Tagen der kapitalistischen «Räuberbarone» des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Diese Sorgenlast hat die Republikaner an der Verwirklichung des von dem Bush-Intimus Karl Rove ausgeheckten Plans gehindert, die amerikanische Politik über Generationen zu dominieren. Das wurde bei den Kongresswahlen im Jahr 2006 deutlich. Ihre damaligen Erfolge verdanken die Demokraten aber auch einer taktisch klugen Bewegung ins Zentrum. Es ist eine historische Ironie, die Bill Clinton nun tief empfinden muss, dass die politische Erfolgsformel «pragmatisch und moderat» auf seinen Erfolg im Jahr 1992 zurückgeht. Obama hat Clintons Gattin geschlagen. Doch programmatisch stehen er und Hillary gleichermassen in der Schuld des durch seine unbeherrschten Wahlauftritte in Misskredit geratenen Altpräsidenten. Allerdings haben Obama und sein Vertrauter David Axelrod die Zeichen der Zeit besser verstanden als die Clintons. Nach acht desaströsen Jahren Bush konnte das Team aus Chicago einen echten Stehersieg gegen die Clintons erringen, indem es systematische Basisarbeit und professionelle Disziplin mit dem «transformativen» Slogan von Hoffnung und Wandel kombiniert hat. Die gerne kritisierten «grossen Reden» Obamas sind essenzielle Elemente dieser Erfolgsmischung.

Obamas Überzeugungskünste

Wandlungsfähigkeit hat auch John McCain bewiesen. Als Spross einer Admiralsfamilie ist er von Haus aus ein amerikanischer Aristokrat. Diese elitäre Herkunft ist hinter seinen Jahren in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft verschwunden. Seit Juli hat McCain jedoch eine Transformation durchlaufen, die seinem Image als eigenwilligem und volkstümlichem «Maverick» Hohn spricht: McCain hat sich einer Truppe von Wahlexperten anvertraut, die im Dienst von Karl Rove die destruktiven, aber effektiven Kampagnen von Bush gestaltet haben. McCain, mit 72 Lebensjahren der älteste Kandidat in einem US-Präsidentschaftswahlkampf, ist diesen Methoden selbst im Jahr 2000 zum Opfer gefallen. Berater wie Steve «the bullet» Schmidt greifen jedoch auch Themen auf, die Clinton am Ende ihres Kampfes immer erfolgreicher gegen Obama ins Feld geführt hat. McCains Strategen charakterisieren den Juniorsenator von Illinois als unerfahren, hochtrabend, elitär, als suspekte Figur weit ausserhalb der Mitte der amerikanischen Gesellschaft. Dabei kommt ihnen die Hautfarbe Obamas ebenso zupass wie dessen dünnes Resümee. Er mag sich als Brückenbauer positionieren und allem Anschein nach tatsächlich ein «klarsichtiger Pragmatiker» sein, um seinen Vize Joe Biden zu zitieren.

Aber letztlich bewirbt sich Obama nicht aufgrund vorzeigbarer Verdienste um das mächtigste Amt der Welt. Er muss die Wähler davon überzeugen, dass er über das Potenzial verfügt, über das Talent, Verantwortungsbewusstsein und die Weitsicht, die es ihm ermöglichen würden, die Nation aus einem so nie da gewesenen Wust von Problemen herauszuführen.

Obamas Bücher und seine zahllosen Auftritte sprechen dafür, dass er tatsächlich ein enormes Potenzial mitbringt und gleichzeitig jüngere Amerikaner repräsentiert, die sich nach einem Ausbruch aus den Grabenkämpfen der neunziger Jahre sehnen. Er hat zudem den «Substanztest» so erfahrener Politiker wie Ted Kennedy und Jimmy Carter bestanden und die effektivste Wahlkampagne seit Generationen auf die Beine gestellt. Aber Obama weiss auch selbst am besten, dass er eine Projektionsfläche geworden ist, auf die sich rosige Zukunftsvisionen ebenso werfen lassen wie das Schreckensbild vom schwarzen Mann, der insgeheim eine radikale muslimisch-sozialistisch-rassistische Agenda verfolgt. Auch ältere jüdische Wähler sind empfänglich für die seit vielen Monaten laufende, verdeckte Schmierkampagne gegen Obama.

Solider Vizekandidat

Wie Obama seinen Wahlkampf bislang geführt hat, mag in den Augen von Experten beider Lager ein Wunder an Innovation und Disziplin darstellen. Aber die Rekordspenden und die enorme Mobilisierung von freiwilligen Wahlhelfern sprechen auch für die Sehnsucht gerade der jüngeren Amerikaner nach Gemeinsinn und Neuanfang. Dies wurde bereits im Jahr 2004 beim kometenhaften Aufstieg – und Fall – des Demokraten Howard Dean evident. Obama hat den von Dean begonnenen Einsatz des Internets auf bis dato unbekannte Höhen geführt und eine Medienorganisation geschaffen, welche seine Anhänger an der traditionellen Presse vorbei erreicht. Dass Obamas Siegeszug nun ins Stocken geraten ist, reflektiert jedoch nicht nur die Rückversicherung McCains bei «bullet» Schmidt und seiner Truppe, sondern eine tiefere Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Die von den «Social Networks» der Internet-Ära und der Globalisierung zurückgelassenen älteren Stammwähler der Demokraten in der weissen Arbeiterschaft und in ländlichen Gebieten finden ungeachtet ihrer wirtschaftlichen Bedrängnis nur schwer Zutrauen zu Obama und seiner ihnen fremden Welt.

Vor diesem Hintergrund erscheint

Obamas nach langem Nachdenken getroffene Entscheidung für Joe Biden als solide, und das sowohl in taktischer als auch in strategischer Hinsicht. Die Kür Bidens signalisiert, dass Obama die Aussen- und Sicherheitspolitik als offene Flanke erkannt hat. Als Vertreter von Delaware gehört Biden dem US-Senat seit 35 Jahren an. Er war damit schon ein Veteran, als McCain im Jahr 1987 dort eingezogen ist. Biden steht politisch etwas links der Mitte und kehrt gerne seine Herkunft aus einer irisch-katholischen Arbeiterfamilie in Pennsylvania hervor. Mit seiner mitunter ausufernden Redefreude und einem kämpferischen Temperament entspricht der breitschultrige 65-Jährige auch dem Klischee des Iren. Vor allem haftet ihm als «hartem Jungen aus der Stahlstadt Scranton» ein Stallgeruch an, der dem intellektuell-abgehoben wirkenden Mann an der Spitze des demokratischen «Tickets» abgeht. Obama ist als Aussenseiter zu seinen Überzeugungen gekommen. Er ist mit Neugierde, Offenheit und einer Fähigkeit zur Empathie begabt. Dies hat Politik-Veteranen zumal in den Vorwahlenstaaten Iowa und New Hampshire in den Bann geschlagen, die Obama vom Herbst 2006 an intensiv und aus nächster Nähe erleben konnten. Doch er ist analytisch, über seinen Kopf und in einem fundamentalen Sinn als «selbst gemachter Mann» zur Politik gekommen, nicht als Vertreter einer Region oder eines Milieus wie etwa Biden.

Kein zusammenhängendes Programm

Schlagfertig und streitbar, hat Biden bereits bei seinem ersten Auftritt mit Obama deutlich gemacht, dass er die traditionelle Rolle des Vize zu Wahlzeiten als «Kampfhund» lustvoll ausfüllen wird. Biden hat 2002 für den Krieg gegen Saddam Hussein gestimmt, wandte sich jedoch bald darauf gegen das Abenteuer im Zweistromland. Obwohl Wirtschaftsthemen in diesem Wahlkampf immer mehr in den Vordergrund rücken, hat sich der studierte Jurist im Senat als langjähriger Vorsitzender des Rechtsausschusses profiliert, vor allem aber als Experte für Aussen- und Sicherheitspolitik. Diese Kompetenz hat Biden als Vorsitzender des Senatsausschusses für Aussenpolitik ebenso unter Beweis gestellt wie durch seine Wortmeldungen als Kandidat in den Debatten während den demokratischen Vorwahlen. McCain persönlich hat Biden als «formidabel» bezeichnet. Dass er sich nun für den Vizeposten bereit zeigt, mag mit der guten persönlichen Chemie zwischen Obama und Biden zu tun haben, die im Senat und während der Debatten immer wieder deutlich wurde.

So fiel es Obama während der Vorwahlen auch nicht schwer, Biden eine der für ihn typischen, unbedachten Bemerkungen zu verzeihen. Der Altsenator hatte Obama als historischen Kandidaten und als den «ersten allgemein akzeptablen Afroamerikaner, wortgewandt, klug und sauber», bezeichnet. Klangen dabei Ressentiments an, die Biden mit der weissen Arbeiterschaft in Staaten wie Pennsylvania, Ohio und Indiana teilt, so verstehen politische Beobachter seine Berufung nun auch als einladende Geste Obamas an diese für ihn ebenso unverzichtbaren wie schwer erreichbaren Wähler. Nach einem Sieg der Demokraten dürften Bidens Beziehungen im US-Kongress ausserordentlich wertvoll für die Umsetzung von Obamas Reformprogramm werden.

Ob es dazu kommt, ist in diesen Tagen vor dem Beginn des republikanischen Wahlparteitages offen. In den Umfragen liegen Obama und McCain auf gleicher Höhe, obwohl ein namenloser, «beliebiger Demokrat» einen entsprechenden Republikaner mit einem Abstand von 15 Prozent deklassieren würde. Doch zu den Superlativen dieser Wahlsaison gehört auch, dass das Pendel seit den Vorwahlen schon mehrfach mit weitem Schwung von der einen auf die andre Seite ausgeschlagen hat. So hat auch McCain mit Problemen zu kämpfen, die von seinem Alter über sein heftiges Temperament bis zu der schweren Last reichen, die ihm Bush hinterlassen hat.

Neben den effektiven Attacken auf

Obama und der Vision einer Bohr-Orgie nach Ölquellen haben die Republikaner bislang kein differenziertes und zusammenhängendes Programm vorgelegt, das den Wählern Antworten auf ihre wirtschaftlichen Sorgen bietet. «Versprecher» wie sein Wort von der «irakisch-pakistanischen Grenze» stiften ebenso wenig Vertrauen in McCains Kompetenz wie die erschütternde Unkenntnis über die Zahl seiner Häuser, die vermutlich aus dem 100-Millionen-Dollar-Vermögen seiner Frau Cindy finanziert worden sind. Die Demokraten warten nur auf weitere Ausrutscher und Ausbrüche McCains. Sie spekulieren darauf, dass der alte Kampfflieger die Wähler verschreckt, wenn er bei internationalen Krisen wie der sprichwörtliche Mann reagiert, dessen einziges Werkzeug der Hammer ist und dem deshalb jedes Problem als Nagel erscheint. Bei McCain wäre dies der Kriegshammer, den er jüngst in der Georgien-Krise zumindest verbal umgehend geschwungen hat.





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