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3. September 2008, 8. Jahrgang, Ausgabe 9 Ausgabe: Nr. 9 » September 3, 2008

Der lange Schatten von George W. Bush

Jason Horowitz, September 3, 2008
Barack Obama und John McCain suchen Distanz zu dem derzeitigen US-Präsidenten. Aber sie können und wollen sich seinem Einfluss nicht ganz entziehen.

Von Jason Horowitz

Auf den ersten Blick geniesst George W. Bush weder bei John McCain noch bei Barack Obama grosse Sympathien. Eine schwächelnde Wirtschaft, schlecht geführte Kriege und ein von Skandal zu Skandal taumelnder US-Kongress haben Bush zu einem der unbeliebtesten Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten werden lassen. Mitte August fand seine Amtsführung laut einer Umfrage des Gallup-Institutes nur bei 33 Prozent der Amerikaner Zustimmung. Verglichen mit den Werten im Mai war das noch gut. Daher überrascht es nicht, dass Obama den Bürgern mit seinen Reden und TV-Anzeigen einhämmern will, dass sich der Republikaner McCain um eine «dritte Amtszeit» von Bush bewirbt. McCain hat ein gleiches Mass an Energie darauf verwandt, sich von Bush zu distanzieren.

Ein gutes Beispiel für dieses Muster war ein TV-Spot Obamas im August, in dem er die wirtschaftlichen Probleme des Landes darauf zurückführt, dass McCain in «95 Prozent der Fälle» im Senat auf der Linie von Bush abgestimmt hat. McCains Kampagne schlug mit dem Argument zurück, Obama habe «zu 50 Prozent im Gleichschritt mit Präsident George W. Bush votiert».

Aber zumindest in einer ganz wesentlichen Hinsicht hat sich Bush nicht als Buhmann erwiesen, sondern als Vorbild beider Kandidaten. Angesichts all der schrecklichen Dinge, die den Wahlkämpfern zu Bush einfallen, ist diese Nachahmung die höchste Form der Schmeichelei: Obama und McCain bemühen sich eifrig, ihre Wahlkampagnen nach dem Modell derjenigen von Bush auszurichten. Und es ist durchaus möglich, dass der beste Nachahmer des amtierenden Präsidenten dessen Nachfolger wird.

Weder McCain noch Obama würden dies je öffentlich zugeben, aber insgeheim haben die engsten Mitarbeiter beider Kandidaten die siegreichen Wahlkampagnen von Bush in den Jahren 2000 und 2004 bewundert. (Als Hillary Clinton noch im Rennen war, erklärte eine Vertraute von ihr, sie würde die Vorwahlen der Demokraten gewinnen, weil Clinton willens sei, wie Bush vorzugehen.) Bush stand die disziplinierteste, verschwiegendste und bedenkenlos aggressivste Kampagne in Generationen zur Verfügung. Ein Blick genügt, um ihren Einfluss auf McCain und Obama auszumachen.

Dies beginnt mit den Bush-Veteranen, die McCain in jüngster Zeit um sich geschart hat, um seine mitunter orientierungslose Wahlkampfführung neu aufzustellen. Im Juli hat McCain den glatzköpfigen, auf die Auswertung von Statistiken spezialisierten Steve Schmidt gegen heftige Proteste langjähriger Vertrauter zu seinem Wahlkampf-Manager ernannt.

Schmidt trägt nicht nur wegen seines kahlen Schädels den Spitznamen «die Kugel». Er hat im Jahr 2004 für Bush gearbeitet, ist aber nun der prominenteste McCain-Mitarbeiter, der eine enge Beziehung zu Karl Rove pflegt, dem Intimus und engsten Berater des derzeitigen Präsidenten. Bush nennt Rove den «Architekten» seiner Siege in den Jahren 2000 und 2004. Schmidt kann nun auch auf Nicolle Wallace zählen, die Bush vor vier Jahren als Medien-Strategin gedient hat. Mit Greg Jenkins ist ein weiterer Rove-Adlatus zu McCain gestossen. Jenkins war zuletzt beim konservativen Nachrichtenkanal Fox-TV unter Vertrag und kümmert sich nun um das öffentliche Erscheinungsbild des Kandidaten McCain. Das war nach etlichen Auftritten vor blassgrünem Hintergrund, der jede Falte und jeden Leberfleck des 72-Jährigen in ein gespenstisches Licht rückte, dringend nötig.

Obamas Spaziergang stoppen

Dieses neue Team hat keine Zeit verloren und umgehend die vertraute Bush-Taktik aus der Schublade gezogen. McCain verdankt der Truppe um Schmidt seine Rettung, ist er doch inzwischen fast mit Obama gleichgezogen. Dabei würde den meisten Umfragen zufolge ein beliebiger Demokrat einen namenlosen Republikaner mit einem Abstand von 15 Prozent überflügeln. Das Team McCains ist stolz auf seine runderneuerte, ruppige Wahlkampfstrategie. Es ist überzeugt davon, dass es Obama während der Vorwahlen und in den ersten Monaten danach viel zu leicht hatte. Schmidt und seine Leute glauben fest, es sei ihr Verdienst, Obamas Spaziergang gestoppt zu haben.

Ein offensichtliches Beispiel für die Effizienz des neuen Teams war dessen Attacke auf Obama nach seiner «Bürger der Welt»-Rede vor der Berliner Siegessäule. McCains Leute haben gerade den herzlichen Applaus, den Obama für seine erhebende Rede geerntet hat, als Munition gegen ihn verwendet. Das ist eine klassische Taktik von Rove. Die Parteiführung der Republikaner hat Videos produzieren lassen, die sich über die Bewunderung des deutschen Publikums für Obama lustig machen. Dann lancierte McCain den TV-Spot «Celebrity», der Obama als eitlen Popstar charakterisierte und ihn mit Idolen aus der Boulevard-Presse wie Paris Hilton, Britney Spears und sogar David Hasselhoff vergleicht, der in den achtziger Jahren so populär bei den deutschen Fernsehzuschauern war. Liberale Blogger sahen sich bei den von McCain verwendeten Szenen Obamas vor der Menge an die Bildsprache von Leni Riefenstahl erinnert, die mit ihren Kameras die Massenveranstaltungen der Nazis einfing.

Obama ist aus Deutschland in ein politisches Klima heimgekehrt, in dem ihn McCains Leute als verweichlicht, elitär und abgehoben darstellen. Eben diese Charakterisierung wurde John Kerry im Jahr 2004 zum Verhängnis. Damals kamen die verlogenen Attacken der «Swift Boat Veterans for Truth» dazu. Als wenige Wochen nach Obamas Rückkehr ein Machwerk aus der Feder des «Swift Boat»-Autors auf den Markt kam, das den Demokraten auf das übelste verleumdet, war McCains einziger Kommentar: «Man darf seinen Sinn für Humor nicht verlieren.» Damit war die Verwandlung McCains von einem eigensinnigen Maverick, der nicht vor Kritik an seinem Präsidenten zurückscheut, zu einem neuen Bush abgeschlossen. Diese Verwandlung erschien vielen politischen Beobachtern als unvermeidlich – McCain hat eben nichts weiter getan, als sich der besten Talente seiner Partei zu verdienen. Aber die Ähnlichkeiten, die Obamas Kampagne mit der von Bush aufweist, hat viele Demokraten doch erstaunt (und beglückt).

Obamas extrem loyale Mitarbeiter

Obamas Leitprinzip bislang lautet: «kein Drama». Indem er die Macht in seiner Kampagne stark konzentriert und auf rund ein halbes Dutzend Insider beschränkt hat, sind Indiskretionen nahezu vollständig ausgeblieben. So wusste niemand ausserhalb dieses Kreises, wer Obamas Vize-Kandidat sein würde. Und wer je eine Wahlveranstaltung Obamas besucht hat, konnte an der fröhlichen Musik, den bewegenden Vorreden und den auf einer Tribüne im Bühnenhintergrund arrangierten Unterstützern ablesen, dass die Demokraten von Bush gelernt haben, wie man einen effektiven Auftritt arrangiert. Dies hat den zu Versprechern neigenden Bush während seiner Wahlkämpfe vor gravierenden Fehltritten bewahrt.

Auch Obama weiss, dass eine starke Botschaft – seine lautet «Wandel» – durch lose Zungen beschädigt werden kann. Das beste Beispiel dafür ist die notorisch indiskrete Clinton-Kampagne, die ihre internen Streitigkeiten in die Öffentlichkeit getragen hat. Aber der bei Obama evidente hohe Grad an Disziplin ist nur möglich, weil die Mitarbeiter und seine persönliche Umgebung absolut loyal sind. Dies ist einem relativen Neuling gegenüber einfacher, wie Bush es 2000 war und Obama es heute ist.

Die Obama-Kampagne hält so diszipliniert an ihrer Botschaft fest, dass Mitarbeiter sich mitunter weigern anzuerkennen, was sich unmittelbar vor den Augen eines Reporters abspielt. Als Obama jüngst in Ohio erstmals gegen McCains Energiepolitik vom Leder zog, liess sich sein Sprecher nicht zu der Anerkennung bewegen, dass er damit Neuland betrat. Dabei sass der Mann keine zehn Meter von der Bühne entfernt. «Wir sind eben diszipliniert», gestand ein Insider später grinsend ein.
Obamas Kontrolle über jeden Aspekt seiner Kampagne ist tatsächlich umfassend. Obwohl oft angenommen wird, dass die US-Medien richtiggehend verliebt in ihn sind, haben seine Mitarbeiter keine Hemmungen, Journalisten zum Verfassen positiver Geschichten über ihn zu nötigen. Auf seinen Reisen durch die USA gewährt Obama den überregionalen Medien relativ wenig von seiner Zeit und während seiner Auftritte muss die Presse in einem abgeschotteten Bereich verbleiben, was Gespräche mit den Wählern verhindern soll. So weit ist nicht einmal Bush gegangen.

Obama übertrumpft Bush auch in einem anderen, höchst bedeutsamen Bereich. Er setzt das Internet in einem so nie da gewesenen Ausmass für seine Kampagne ein. Während Obamas Online-Aktivitäten ganz offensichtlich Hunderttausende zumal junger Bürger in den politischen Prozess einbezogen haben, haben seine Experten darüber hinaus so etwas wie eine eigene Multimedia-Funktion geschaffen, die es ihnen ermöglicht, bei der Ansprache möglicher Unterstützer mit der traditionellen Presse zu konkurrieren. Diese Unterstützer spenden sehr viel Geld und sie stellen sich für viele Stunden als Wahlhelfer zur Verfügung. Aber sie sind auch zahlreich und sofort zur Stelle, wenn es gilt, Presseorgane zu attackieren, die es wagen, ihren Kandidaten «unfair» anzugreifen. Davon zeugen die endlosen Einträge am Ende jedes Obama-kritischen Blogs.

Auf der Netroots-Konferenz im Juli hat der führende Obama-Berater Steve Hildebrand erklärt: «Wir leben im Zeitalter der permanenten Berichterstattung und im Internet schlafen die Leute nie. Da brauchen wir Hilfe. Wir können nicht alles alleine machen.» Aber Obamas Medienunternehmen stellt auch seine eigenen Videos, Nachrichten sowie eine Auswahl an Artikeln der regulären Presse ins Netz. Der Kameramann der Kampagne hat Obama nach Deutschland begleitet. Monatlich suchen Millionen Leute Obamas Website auf, 850 000 Personen haben sich auf «mybarackobama.com», dem Blog der Obama-Kampagne, eingetragen. Intern wird der Blog «MyBo» genannt. Auf einer Tagung mit Hildebrand in Austin, Texas, war zu beobachten, wie Sam Graham-Felsen, einer der offiziellen Blogger Obamas, Interviews auf seinen Laptop herunterlud, die er mit Zuhörern geführt hatte. Dabei sass er direkt neben traditionellen Reportern. Joe Rospars, der die Online-Medien-Aktivitäten Obamas leitet, erklärte dazu in ernstem Ton, er betrachte die Website der Kampagne als zuverlässige Nachrichtenquelle. Eine Kampagne, die sich ihre eigene Realität schafft – darauf wäre selbst George W. Bush neidisch.





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